Männer und Sport : Elf Heteros sollt ihr sein
05.07.2012 00:00 UhrWarum haben die Fußballspieler panische Angst, als schwul zu gelten?
Rassismus und Xenophobie werden im Fußball inzwischen allerdings öffentlich bekämpft. Für Homophobie gilt das trotz mancher „Respect“-Erklärungen weit weniger, meint Dietze. Schwulsein scheint mit Fußball weiterhin nicht vereinbar zu sein. Gerade das deutsche Team bekommt das zu spüren – eben wegen des Stilwechsels, der unter Trainer Klinsmann begann. Statt „unflexibler Hypermaskulinitäten“ wie Oliver Kahn oder Jürgen Kohler kommen zunehmend junge Spieler mit „eher feingliedrigem“ Körperbau zum Einsatz, zarte, jungenhafte „Metrosexuelle“, die elegant und leichtfüßig spielen. Eben das, die „Schönheit“ des deutschen Spiels aber beschwört auch den Verdacht der „Unmännlichkeit“ herauf – besonders dann, wenn der Erfolg ausbleibt: „Lieber Jogi Löw, machen Sie aus den wunderbaren Spielern keine Weicheier! Keine Jungs, die weinen“, erklärte „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner nach der jüngsten Niederlage gegen Italien.
Als „Schwulencombo“ bezeichnete Michael Becker, Berater des verletzten Spielers Michael Ballack, die Elf während der WM 2010. Talkmaster Harald Schmidt nannte Klinsmann eine „Schwabenschwuchtel“. Solche Unterstellungen sind gefährlich, darum reagieren Trainer und Team darauf immer scharf, schreibt Dietze. So widmet Philipp Lahm fast ein ganzes Kapitel seines Buches „Der feine Unterschied. Wie man Spitzenfußballer wird“ dem Dementi „Ich bin nicht schwul“. Arne Friedrichs Freundin schrieb einen offenen Brief in der „Bild“: Ihr Freund könne nicht schwul sein, denn er liebe ja sie.
Die Top-Elf des EM-Turniers 2012:
Unsere Elf der EM 2012(11 Bilder)
Warum haben die Fußballspieler panische Angst, als schwul zu gelten? Gehen nicht große Teile der Gesellschaft mit dem Thema inzwischen gelassen um? „Homosexualität wird als Feminisierung begriffen“, erklärt Dietze. Feminines aber ist beim Fußball hochgradig unerwünscht. Denn dem Fußball kommt eine herausragende Rolle bei der kulturellen „Konstruktion von Männlichkeit“ zu: Um ein „Mann“ zu sein, reichen biologische Merkmale allein nicht aus. „Männlichkeit“ entsteht erst durch kulturelle Handlungen – und nur in der Abgrenzung von „Weiblichkeit“ und Frauen, mehr noch: in der Herrschaft über Frauen.
Wer als „Mann“ gelten darf, wird in Anerkennungsritualen der Männergruppe entschieden. Ein solches bedeutendes Ritual, ein „ernstes Spiel“ (Pierre Bourdieu), in dem der „Mannbarkeitsbeweis“ vor „ehrgleichen“ Männern geführt wird, ist der Fußball. Die Gruppe versichert sich dabei ihrer Männlichkeit auch, indem sie homosexuelle Männer, die angeblich die Kriterien „richtiger“ Maskulinität nicht erfüllen, ausgrenzt. Wer ein richtiger Mann sein will, muss dieser Logik nach homophob sein. Dass zwischen den Männern auf dem Platz zahlreiche Zärtlichkeiten ausgetauscht werden, gilt wegen der „starken Rahmung“ durch die „heteronormativen Maskulinitätsnormen“ als akzeptabel, wie Dietze schreibt.
Die EM in Polen in Bildern:
Das war die EM in Polen(11 Bilder)
Die Konstruktion von Männlichkeit über den Fußball kann demnach nur in der Grenzziehung gegenüber Frauen und Schwulen gelingen, weshalb Frauen und Schwule daran nicht als gleichwertige Akteurinnen und Akteure teilhaben können. Darum wird „Frauenfußball“ nicht als „richtiger Fußball“, als gleichwertige Disziplin betrachtet. Und das erklärt auch, warum zu viele Fußballexpertinnen im deutschen Fernsehen unerwünscht sind: Sie würden die Funktion des Fußballs – die Konstruktion von Männlichkeit über die Abgrenzung von Frauen – untergraben.
Ist der Fußball dazu verdammt, rassistisch, sexistisch und homophob zu bleiben? Die nationale Identität kann sich verändern, die Deutschen haben sich mehrheitlich daran gewöhnt, dass auch Spieler mit Migrationshintergrund sie in der Nationalelf repräsentieren – jedenfalls, wenn diese erfolgreich sind.
Auch eine „Modernisierung von Männlichkeit“ ist im Fußball möglich, wie Dietze mit Blick auf die leichtfüßigen, jungenhaften neuen Spielertypen feststellt. Diese mögliche „Modernisierung von Männlichkeit“ stößt jedoch an ihre Grenzen: „Die Männlichkeit selbst darf nicht herausgefordert werden.“ Darum haben Sexismus und Homophobie im Fußball einen systemischen Grund, der sich nicht leicht verändern lassen wird, erklärt Dietze: „Im Fußballuniversum steht Männlichkeit auf dem Spiel.“
Mehr zum Thema im Internet: Gabriele Dietzes Aufsatz „Intersektionalität im nationalen Strafraum“ ist veröffentlicht unter www.feministische-studien.de

























