Medizin : Arztausbildung: Emphatisch und sensibel

Patienten klagen immer wieder, Ärzte hörten nicht richtig zu und gingen nicht genügend auf ihre Fragen und Sorgen ein. Warum es so schwer ist, gute Ärzte auszubilden.

Rosemarie Stein

Fast alle deutschen medizinischen Fakultäten haben Kurse in Gesprächsführung eingeführt – nach dem Vorbild anderer Länder und auch des Berliner Reformstudiengangs Medizin. Aber neben den kommunikativen müssten auch andere soziale Fähigkeiten künftiger Ärzte entwickelt werden, fordert der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist.

Ethische und personale Kompetenzen, die Ärzte zum Handeln in Konfliktsituationen oder zum Umgang mit Sterbenden befähigen, würden meist schlicht vorausgesetzt. Nach Siegrist sollten sie aber im Studium ebenso vermittelt werden wie Toleranz, Kompromissfähigkeit, Führungsqualitäten oder die Bereitschaft zur Teamarbeit.

Siegrist sprach unlängst auf einem Gedenk-Symposium für Dieter Scheffner, den 2009 verstorbenen langjährigen Leiter des Berliner Reformstudiengangs Medizin. Veranstalter war nicht die Charité, sondern die „Gesellschaft für Medizinische Ausbildung“, gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung. Sie hatte schon 1984 ein Diskussionsforum für reformfreudige Hochschullehrer geschaffen, zu denen auch Scheffner stieß, und dann den Berliner Reformstudiengang viele Jahr lang nachhaltig gefördert.

Ohne Dieter Scheffner, den langjährigen Dekan der FU-Fakultät Virchow Klinikum, wäre das von streikenden Studierenden initiierte Reformcurriculum gar nicht zustande gekommen, hieß es in den Beiträgen der Gedenkveranstaltung: Nur durch seine Zähigkeit und sein taktisches Geschick, seine gedankliche Klarheit und Besonnenheit auch in den gröbsten Turbulenzen habe der Reformstudiengang nach langer Vorbereitungszeit ein Jahrzehnt lang bestehen können.

In einem Positionspapier, dem „Baseler Consensus Statement Kommunikative und Soziale Kompetenzen im Medizinstudium“, haben Mediziner der Universität Basel die Fähigkeiten und Einstellungen definiert, die ein guter Arzt am Ende seiner Ausbildung haben sollte. Das Baseler Papier formuliert konkrete und überprüfbare Ausbildungsziele. Ein paar Beispiele: „Die Absolventin berücksichtigt nonverbale Aspekte der Kommunikation, zählt förderliche und hemmende Faktoren für Teamarbeit auf, überprüft getroffene Entscheidungen regelmäßig und revidiert sie gegebenenfalls.“

In angloamerikanischen Ländern ist die Schulung der ärztlichen Kernkompetenzen Standard. Dort zeigte sich, dass sie durchaus erlernbar sind. Sie sind aber auch verlernbar: Der emeritierte Ulmer Hochschullehrer Hermann Heimpel wies darauf hin, dass nach vielfältiger Erfahrung Studierende am Anfang ihres Studiums viel mehr Empathie und Sinn für die sozialen Dimensionen der Medizin haben als nach ihrem Abschluss. Oft würden sie also durch die veraltete Ausbildung „desensibilisiert“ und nicht zu den drei Grundprinzipien des Arztberufs hingeführt: Patientenwohl, Autonomie des Patienten und medizinisch-soziale Gerechtigkeit.

Das „Baseler Consensus Statement“ ist ein Beitrag dazu, diesen Essentials mehr Raum zu geben. Im Workshop hieß es trotz einiger Kritik („zu viele Lernziele“, „zu theoretisch“), dass sich auf dieser Grundlage arbeiten lasse, zum Beispiel an der mangelnden Bereitschaft zur Zusammenarbeit, wodurch im Medizinbetrieb die meisten Fehler entstehen. So trainiert die Internistin Anita Schmidt an der Universität Erlangen Medizinstudierende und Schwesternschülerinnen gemeinsam, wie man in typischen Situationen im Team am besten handelt.

In Deutschland sei die Diskussion über soziale Kompetenzen von Ärzten im internationalen Vergleich zwanzig bist dreißig Jahre im Rückstand, hieß es. Notwendig sei vor allem, die Dozenten stetig weiterzubilden. Ansätze gibt es. Wie Hille Lieverscheidt vom Zentrum für medizinische Lehre der Ruhr-Universität Bochum berichtete, werden dort im Curriculum Medizindidaktik soziale Kompetenzen ausdrücklich als Lerngegenstand in die einzelnen Themen eingebettet.

Fast alle medizinischen Fakultäten bieten heute Kurse zur Schulung kommunikativer Kompetenzen. Aber ein lernzielorientierter Unterricht zur Vermittlung anderer sozialer Kompetenzen sei noch die Ausnahme, sagte die Charité-Medizinsoziologin Jutta Begenau. „In Deutschland ist ein Versuch nach dem anderen gescheitert, die ärztliche Ausbildung zu modernisieren“, sagte Hermann Heimpel, „aber der Geist ist aus der Flasche.“

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