Medizin : Hirnverletzungen heilen nur langsam

Geduldiges Training hilft Patienten wie Dieter Althaus, im Leben wieder Fuß zu fassen.

Adelheid Müller-Lissner

Noch ist nicht abzusehen, wann Dieter Althaus wieder völlig genesen sein wird. Aber zweieinhalb Monate nach seinem Unfall ist der Ministerpräsident von Thüringen wieder nach Hause zurückgekehrt. Die längste Zeit davon hat er in einer Klinik für neurologische Rehabilitation verbracht. Viele fragen sich, warum die Therapie in einer solchen Spezialklinik so lange dauert. Und was während dieser Monate überhaupt geschieht.

Denn die ersten Stunden und Tage nach einer schweren Verletzung des Schädels und Gehirns verlaufen weit dramatischer. Alles muss schnell gehen, es besteht akute Lebensgefahr: 30 bis 40 Prozent der Menschen, die ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleiden, überleben es nicht. Im Akutkrankenhaus müssen viele Betroffene – so auch Althaus – auf der Intensivstation im künstlichen Koma behandelt werden. Sie haben oft Blutungen, Hirnschwellungen (Ödeme) und krampfartig verengte Hirngefäße.

Die „Anschlussheilbehandlung“ in einer auf neurologische Erkrankungen spezialisierten Reha-Klinik dagegen verläuft unspektakulärer. Und sie braucht ihre Zeit. „Das dauert so lange, weil das Gehirn nicht von einem Tag auf den anderen neue Verbindungen schaffen kann“, erklärt der Neurologe Karl-Heinz Mauritz, Direktor der Median-Klinik Berlin und Inhaber des Lehrstuhls für Neurorehabilitation der Charité.

Noch viel länger hat es gedauert, bis sich in der medizinischen Fachwelt die Einsicht durchgesetzt hat, dass das menschliche Gehirn sich überhaupt in diesem Ausmaß regenerieren kann. Und erst in den letzten Jahren wird mehr und mehr an Studien gearbeitet, die den Erfolg einzelner gezielter Reha-Therapien nachweisen. Dabei ist inzwischen auch die Bildgebung hilfreich, vor allem die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Damit ist es möglich, Vorgänge im Gehirn zu verfolgen und Heilungsprozesse zu studieren

Zurzeit läuft an der Median-Klinik Berlin eine Studie, in der untersucht wird, was es bringt, einseitige Lähmungen vor dem Spiegel zu behandeln. Die Teilnehmer werden dafür nach dem Zufallsprinzip auf zwei Behandlungsgruppen verteilt: Der einen Gruppe wird während des Bewegungsprogramms der gesunde Arm im Spiegel gezeigt. So soll im Gehirn auch die kranke Seite aktiviert und zum Mitbewegen animiert werden. Die andere Gruppe bekommt die bisher übliche Behandlung. Denn noch ist nicht streng wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Spiegelbild tatsächlich aktivierende Wirkung entfaltet.

Gerade ist eine amerikanische Studie veröffentlicht worden, für die 360 jüngere Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma und geistigen Beeinträchtigungen nach dem Zufallsprinzip zwei verschiedenen Behandlungsgruppen zugeteilt wurden. Für diese Untersuchung mussten sieben Jahre lang Patienten aus mehreren Kliniken „gesammelt“ werden.

Dabei zeigte sich, dass eine Therapie, bei der einzelne Bereiche wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis gezielt trainiert werden, genauso wirksam ist wie eine Therapie, die das Gesamtverhalten in Alltagssituationen trainiert. Die Untergruppe der jüngsten Patienten profitierte allerdings besonders von der gezielten Therapie. Aus solchen Untersuchungen lassen sich womöglich schon bald maßgeschneiderte Therapieempfehlungen ableiten.

Einer der ersten in Deutschland, der fest daran glaubte, dass die Langzeitbehandlung sich für Menschen mit schweren Schäden am Gehirn lohnt, war der Psychiater und Neurologe Friedrich Schmieder (1911–1988), der schon 1950 unter dem Eindruck schwerer Kriegsverletzungen in Baden-Württemberg seine erste Klinik gründete. Inzwischen ist daraus das größte Neuro-Reha-Zentrum Deutschlands geworden, mit sechs Standorten und über 1000 Plätzen. Dazu gehört ein Institut für Reha-Wissenschaften, das 1997 mit Stiftungsmitteln als angegliedertes Institut der Uni Konstanz gegründet wurde. In einer der beteiligten Kliniken Schmieder, in Allensbach am Bodensee, wurde Dieter Althaus behandelt.

Wenn es für einen prominenten Politiker wie ihn nicht so schwer wäre, Ruhe zu finden, hätte er auch mehr in der Nähe seines Wohnorts bleiben können. „Heimatnah versorgt zu werden, ist in vielen Fällen ein großer Vorteil“, sagt Mauritz. Dann können die Angehörigen leichter einbezogen werden, und auch die Vorbereitungen auf das spätere Leben zu Hause, etwa auf einen Wohnungsumbau, gestalten sich einfacher.

Neben der Klinik Berlin stehen Berlinern und Brandenburgern „heimatnah“ auch die Brandenburg-Klinik in Wandlitz und Neuro-Reha-Kliniken in Beelitz und Grünheide offen. Die meisten Patienten, die dort behandelt werden, haben einen Schlaganfall erlitten, Unfallopfer sind in der Minderzahl. Für beide Gruppen gilt, dass viele Menschen mit schweren Einschränkungen darunter sind. „Die Effektivität der modernen Intensivmedizin führt dazu, dass viele Patienten am Leben erhalten werden können, die einen Unfall oder Schlaganfall früher nicht überlebt hätten“, sagt der Neurologe Mauritz.

Nach einem Schädel-Hirn-Trauma sind die Veränderungen und Einschränkungen oft vielfältig: Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration, aber auch das Sozialverhalten sind sehr häufig in Mitleidenschaft gezogen. „In manchen Fällen gibt es so viele Problemfelder, dass wir Prioritäten setzen müssen, denn alles können wir in ein paar Wochen nicht schaffen“, sagt der Neurologe Joachim Liepert, ärztlicher Leiter Neurorehabilitation an den Kliniken Schmieder Allensbach und Althaus’ behandelnder Arzt. Dann orientiere man sich an den Wünschen der Patienten und spreche mit ihnen realistisch erreichbare Ziele ab.

Viele Übungen zu den kognitiven Fähigkeiten finden heute am Computer statt. Zeit brauchen die Patienten dafür schon deshalb, weil sie schnell ermüden. Außerdem haben die meisten ein vielfältiges Programm und eine ganze Riege von Therapeuten: Sie benötigen neben der neuropsychologischen Behandlung auch Logopädie gegen leichte oder schwerere Sprachstörungen, Physiotherapie und Ergotherapie.

Viele haben zudem einen Luftröhrenschnitt und brauchen Atemunterstützung oder werden über Sonde ernährt. Sie und ihre Angehörigen müssen zudem damit fertig werden, dass der Unfall von einer Minute auf die andere das Leben verändert hat. „Die Entwicklung verläuft meist vom Verleugnen der Störung über Depressionen und aggressives Verhalten bis zu ersten Schritten der konstruktiven Anpassung“, berichtet Mauritz.

In der letzten Phase der Behandlung wird nach Möglichkeiten in Situationen geübt, die dem Alltag nahe kommen. „Die Patienten gehen zum Beispiel übers Wochenende nach Hause, um dort ihre Belastbarkeit zu erproben“, sagt Liepert.

Sein Kollege Mauritz berichtet von einigen Patienten, die nach monatelanger Therapie in anspruchsvolle berufliche Positionen zurückzukehren konnten. „Viele verlieren wir leider aus dem Blick, andere sagen aber auch ganz bewusst: ,In einem Jahr komme ich Sie wieder besuchen!’“ Dann haben sie meist weitere Fortschritte gemacht und sind vor allem wieder länger leistungsfähig. „Ab einem bestimmten Level trainiert man auch durch das normale Alltagsleben weiter“, sagt Mauritz. Um diesen Level zu erreichen, braucht es jedoch fast immer viel Geduld.

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