Medizin : Nach der Geburt allein

In Afrika werden Fisteln zum Massenproblem. Rund zwei Millionen Frauen, die meisten im ländlichen Raum, haben das gleiche Schicksal.

Hermann Feldmeier
Schwangerschaft
Die medizinische Versorgung Schwangerer kann dazu beitragen, Geburtsschäden zu vermeiden. -Foto: laif

Raichatou war 13, als ihre Eltern sie mit einem Mann aus dem Nachbardorf verheirateten. Bald darauf war die junge Frau schwanger. Als die Wehen einsetzten, richtete sich Raichatou – wie im ländlichen Burkina Faso üblich – auf eine Entbindung in der ihr zugewiesenen Hütte ein. Eine alte Frau aus dem Dorf wurde gerufen, um der Gebärenden beizustehen. Dass das Becken der Heranwachsenden zu klein war, um den Kopf des Kindes beim Geburtsvorgang durchzulassen, war der Laienhebamme unbekannt. Nach einigen Stunden heftiger Wehen steckte der Kopf des Kindes im kleinen Becken der Mutter fest.

Was wie ein vorübergehender Geburtsstillstand anmutet, ist eine Katastrophe für Mutter und Kind. Der Kopf des Kindes drückt bei jeder Kontraktion der Gebärmutter mütterliches Gewebe gegen das Becken. Das verhindert eine ausreichende Durchblutung. Die Folge: Mütterliches Gewebe stirbt ab, vor allem zwischen Vagina und Blase beziehungsweise zwischen Vagina und Enddarm. Es bildet sich eine Fistel. Im günstigsten Fall ist es eine winzige Verbindung zwischen Blase und Vagina. Wurde viel Gewebe zerstört, entstehen Öffnungen in beiden Richtungen, so dass Urin und Stuhl über die Scheide abgehen.

Auch ein traditioneller Heiler konnte Raichatou nicht helfen. Ihre Verwandten sammelten Geld für den Transport ins nächste Krankenhaus, wo die mittlerweile bewusstlose junge Frau drei Tage später ankam. Dort wurde in höchster Eile ein Kaiserschnitt gemacht. Das Kind war bereits tot, die junge Mutter überlebte. Wenige Tage nach dem Schock bemerkte Raichatou, dass ihr ständig Urin aus der Scheide tropfte – ein untrügliches Zeichen einer Blasen-Vagina-Fistel.

Nach einem kürzlich erschienenen Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinigten Nationen UNFPA ist die Frau aus Burkina Faso kein Einzelfall. Rund zwei Millionen Frauen, die meisten im ländlichen Afrika, haben das gleiche Schicksal. „Jedes Jahr kommen 150 000 neue Fälle von Geburtsfisteln dazu“, sagt Kees Waaldijk. Seit 24 Jahren operiert der Gynäkologe im Norden Nigerias Frauen, die an einer Geburtsfistel leiden. „Diese Frauen sind von der Gesellschaft ausgestoßen“, sagt Waaldijk, „ihr Schicksal gleicht dem von Aussätzigen.“

Durch die Inkontinenz wird nicht nur die Unterwäsche verschmutzt, die Frauen verbreiten auch einen penetranten Geruch. Sie sind für den Ehemann nur noch eine Last, werden verstoßen und leben häufig isoliert in Armut und Scham. Zahlreiche Frauen, so der UNFPA-Bericht, entwickeln Depressionen, einige begehen Selbstmord.

Die Studie, in der Daten aus 29 Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgewertet wurden, zeigt, dass Geburtsfisteln in Afrika zu einem Massenproblem werden. Die typische Patientin ist jung und noch nicht ausgewachsen. Ihr Becken ist zu klein, um eine normale Geburt zu ermöglichen. Geburtsfisteln treten besonders häufig bei Frauen in ländlichen Gebieten auf, die ihr Kind zu Hause entbinden und – meist aus finanzieller Not – keine Klinik aufsuchen.

Heute haben in Afrika Geburtsfisteln zunehmend auch politische Gründe. Bei Unruhen und Bürgerkriegen werden Frauen systematisch mit Stöcken, Flaschenhälsen oder Gewehrläufen penetriert. Die US-amerikanische Organisation Heal Africa organisierte in der Stadt Goma im Osten der demokratischen Republik Kongo innerhalb von zwei Jahren 600 Fisteloperationen. Untersuchungen ergaben, dass 68 Prozent der Patientinnen zuvor vergewaltigt worden waren.

Mittlerweile gibt es in einigen afrikanischen Ländern Zentren, in denen Geburtsfisteln operiert werden. Vorreiter sind neun Kliniken, die Kees Waaldijk mithilfe von Spenden im Niger und in Nigeria aufgebaut hat. Der deutsche Gynäkologe Jürgen Wacker, Chefarzt der Bruchsaler Frauenklinik, plant ein Fistelzentrum in Dori im Norden Burkina Fasos. „Eine Behandlung einschließlich der nachoperativen Versorgung sowie Krankengymnastik, mit der die Beckenbodenmuskulatur gekräftigt wird, kostet etwa 300 US-Dollar“, sagt Wacker.

Angesichts der Dimension des Problems können engagierte Ärzte nur punktuell helfen, gefragt sind aber nachhaltige Konzepte. Jürgen Wacker veranstaltet deshalb in Burkina Faso Workshops, in denen heimische Ärzte eine Standardoperationstechnik erlernen.

Sein Kollege Waaldijk geht noch weiter. Basierend auf der Erfahrung von 18 000 Operationen hat er ein Schritt-für-Schritt-Kompendium entwickelt, mit dem sich junge Ärzte die Technik selbst aneignen können. Diese ist mittlerweile so ausgereift, dass die Heilungsrate bei 90 Prozent liegt.

Raichatou hatte Glück im Unglück. Jemand erzählte ihr von der Initiative des deutschen Gynäkologen. Die verstoßene Ehefrau ging nach Dori, als dort zufällig ein Fistel-Workshop abgehalten wurde. Sie wurde operiert und ist heute eine gesunde junge Frau wie viele andere. Hermann Feldmeier

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