Mehr junge Talente für die Translationsforschung : 100 Juniorprofs für das BIG

Das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) soll Ideen aus der Grundlagenforschung in die klinische Praxis umsetzen. Dazu muss sich die Berliner Gesundheitsforschung öffnen. Ein Gastkommentar.

Andreas Eckert
Andreas Eckert, Gründer der Eckert & Ziegler AG
Andreas Eckert ist ein Berliner Seriengründer und Wagniskapitalgeber im Bereich der Gesundheitswirtschaft.Foto: Eckert & Ziegler AG

Die gescheiterte Olympiabewerbung hat gezeigt, Berlin ist kein Selbstläufer. Trotz mancher Fortschritte ist vieles unerledigt. In der Gesundheitswirtschaft wäre geboten, endlich die Brücke von den gut ausgestatteten Lebenswissenschaften hin zu strukturprägenden Firmengründungen, erfolgreichen Produkten und konkreten Verbesserungen für Patienten zu schlagen. Dazu müssen die Verantwortlichen rund um das Großökosystem „Berliner Institut für Gesundheitsforschung“ (BIG) ihren Blick über Klinik und reine Publizitätsforschung hinaus weiten und stärker auf neue, junge Zielgruppen setzen.

Hinter den Erwartungen zurückgeblieben

Bislang ist die Umsetzung („Translation“) von wissenschaftlichen Erkenntnissen in breit nutzbare Anwendungen bei den Gliedkörperschaften des BIG, also bei der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum (MDC), weit hinter den Erwartungen geblieben. Während Vorbilder in den USA wie Stanford oder das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg harte, eindrucksvolle Zahlen zu Erfindungsmeldungen, Patenten, Verwertungsverträgen oder Lizenzeinnahmen sogar auf ihren Webseiten präsentieren, sind Charité und MDC – jeweils gerechnet pro Wissenschaftler – um mindestens den Faktor 10 abgehängt. Nimmt man die schiere Größe beider als Maßstab, sind auch ihre Ausgründungserfolge bescheiden. Als Geburtshelfer für nachhaltige Gründungen schlagen Bayer-Schering und lokale Firmen das BIG um Längen. Medikamente oder Medizinprodukte, die weltweit mit dem Namen Charité oder MDC in Verbindung gebracht werden, wie weiland etwa die „Charité-Bandscheibe“ von Karin Büttner-Janz, sind rar.

Womöglich fehlte bisher Gelegenheit, das Thema ernsthaft anzugehen. Dem Finanzsenator war eine schwarze Null für die Charité und dem Gesundheitssenator eine stabile Krankenversorgung wichtiger als der Beitrag zur Berliner Wirtschaft oder Fortschritte für Patienten in Form neuer Medikamente. Die Wissenschaftler wiederum konzentrierten sich auf publikationsträchtige Forschung. Der persönlichen Karriere ist diese allemal zuträglich, die Relevanz eines Forschungsinstituts jedoch definiert sich zunehmend über Anwendungen – und die werden nur selten beherzt verfolgt.

Jungforschern die Tore öffnen

Will man das Potenzial der Translation für Stadt und Patienten nutzen, braucht das BIG jetzt starke und phantasievolle Gestalter, die neue Leistungsträger für einen Paradigmenwechsel anlocken. Die rund 350 Professoren und Arbeitsgruppenleiter von Charité und MDC, die bisher Projekte beantragen können, sind selten aus dem Holz geschnitzt, aus dem Gründer und Anwendungsbesessene sein müssen. Meist handelt es sich um über 50-Jährige Laufbahnwissenschaftler, die eine Ochsentour über Approbation, Facharzt und Habilitation hinter sich haben und erst mit über 40 in ihre Stellungen berufen wurden. Ein Blick auf die Jungmillionäre des Digitalzeitalters lehrt jedoch, dass auch bei technologienahen Gründungen die erfolgreichsten Macher oft unter 30-Jährige sind. Ihnen muss man Tore öffnen.

Fast überall können heute junge Talente Schlüsselstellungen besetzen. In der Medizin jedoch gilt nach wie vor, dass dazu mindestens das „Facharztpatent“ vorliegen muss.

Will das BIG neue Leistungsträger für die Translation erschließen, sollte es etwa über Juniorprofessuren starken 25-Jährigen ermöglichen, sich ebenfalls mit eigenen Projekten zu bewerben. Sind diese schlecht, dann müssen Begutachtungskommissionen und ein strenges Controlling es eben herausfiltern. Dazu sollte man die Gremien nicht nur mit Honoratioren und Wissenschaftsbeamten, sondern auch mit Industriepraktikern und Wagniskapitalgebern besetzen.

Das BIG als Magnet für Talente

In Deutschland wäre eine so ausgerichtete Institution einmalig. Das BIG könnte ein bundesweiter Magnet für Überflieger werden, der mithilft, die oft beklagte Abwanderung junger Talente zu stoppen. Schon 15 Millionen Euro jährlich finanzieren 100 Juniorprofessuren. Die jährlich 80 Millionen Euro für das BIG müssten nicht, wie heute mangels attraktiver Projekte, vorwiegend in Neubauten versenkt werden. Umgarnte man noch Quereinsteiger aus der Industrie, hätte man mit Sicherheit im Schleppnetz schnell mehr Perlen, als die Stadt von ihrer Hochschule je gewohnt war. Translation ist machbar. Man muss sie nur wollen.

Der Autor ist ein Berliner Seriengründer und Wagniskapitalgeber im Bereich der Gesundheitswirtschaft.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben