Monogamie : Die Lebensweise der Weibchen entscheidet

Seit Jahrzehnten streiten Forscher, warum manche Säugetiere einen Bund fürs Leben schließen: Aus Angst vor Kindstötung, um Weibchen zu monopolisieren oder zur Aufzucht der Jungen? Nun präsentierten zwei Gruppen zwei verschiedene Antworten.

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Zwei Erdmännchen blicken in die Ferne.
Lebenslanger Bund. Die meisten Erdmännchen leben als Paar.Foto: Dieter Lukas

Auf den ersten Blick ist Monogamie für Männchen sinnlos. Wer im Laufe der Evolution erfolgreich sein will, sollte für möglichst viele Nachkommen sorgen. Ein einzelnes Weibchen ist mit Trächtigkeit, Geburt und Säugen eine ganze Weile beschäftigt, ihr Potenzial ist also begrenzt. Ihr treu zu sein, wäre kontraproduktiv.

Diese Logik hat zwei Haken. Zum einen gibt es weitere Männchen, die um die weibliche Gunst buhlen. Zum anderen reicht es nicht, Nachkommen in die Welt zu setzen. Sie müssen auch überleben. Es gibt daher drei Thesen, warum die Vertreter von knapp zehn Prozent der Säugetierarten damit anfingen, sich zu Paaren zusammenzuschließen: Zu zweit kann man effizienter Junge aufziehen. Man kann die eigenen Nachkommen so besser vor rivalisierenden Männchen schützen, die sie sonst umbringen würden, um selbst zum Zug zu kommen. Oder man kann die Weibchen besser monopolisieren – besonders dann, wenn sie als Einzeltiere und nicht in einer Gruppe leben.

Seit mehr als 30 Jahren streiten Forscher, was ausschlaggebend war. Am Montag verkündete ein Team im Fachblatt „PNAS“ erneut des Rätsels Lösung: Wenn die Forscher mit Computersimulationen die Evolution von 230 Primatenarten bis zu einem gemeinsamen Vorfahren vor 75 Millionen Jahren zurückverfolgten, sahen sie nur eine Variable, die immer vor der Monogamie kam: die Kindstötung durch Rivalen. Dass sich die Väter dann auch um ihre Kinder kümmerten, sei ein Nebeneffekt, schrieben die Forscher um Christopher Opie vom University College London.

Andere Gruppe, anderes Ergebnis

Sie haben damit nicht das letzte Wort. Dieter Lukas und Tim Clutton-Brock von der Uni Cambridge suchten in einem Stammbaum mit 2288 nichtmenschlichen Säugetierarten Gründe für Monogamie. Die Zoologen fanden 61 Übergänge, die die heutige Verteilung dieser Lebensweise erklären. Wie sie im Fachblatt „Science“ schreiben, kam es dabei in 60 Fällen auf die Weibchen an. Wenn sie vereinzelt statt in Gruppen leben – etwa weil sie sich von seltenen Früchten oder Fleisch ernähren und keine weiblichen Futterneider in ihrem Revier dulden – haben die Männchen nur zwei Optionen: Sie können noch größere Gebiete als die Weibchen durchstreifen und eventuell alle verlieren. Oder sie müssen sich auf ein Weibchen festlegen und es gegen Avancen anderer schützen. Nachwuchspflege, inklusive Schutz vor Kindstötung, ist demnach Folge und nicht Ursache der Monogamie.

Opie verteidigte gegenüber „Nature“ seine Ergebnisse. Primaten seien möglicherweise ein Spezialfall, sagte er. Was mit dem Menschen ist, klärt keine der beiden Studien. Zum einen lebten unsere Vorfahren in Gruppen. Zum anderen gibt es einen Faktor, der alles andere verzerrt: Kultur. Und Forscher sind sich nicht einmal einig, ob unsere Art überhaupt als monogam bezeichnet werden kann.

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