Mori-Ogai-Gedenkstätte : Eine japanische Enklave in Berlin

Der japanische Arzt und Übersetzer Mori Ogai, der 1884 bis 1888 in Berlin studierte und arbeitete, prägt bis heute das Deutschlandbild in seiner Heimat. An ihn erinnert eine eindrucksvolle Gedenkstätte in Mitte.

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Ein Gruppenfoto japanischer Ärzte in Berlin. Foto: Mori-Ogai-Gedenkstätte/Hisako Yamane
Inspiriert. Mori Ogai – oben links in einer Gruppe japanischer Mediziner in Berlin – schrieb hier Tagebuch und eine Novelle, die...Foto: Mori-Ogai-Gedenkstätte/Hisako Yamane

Beate Wonde reißt die Fenster auf. Ein bisschen stickig ist es in der Altbauwohnung, die eigentlich eine Gedenkstätte ist. Und zwar für Mori Ogai, den japanischen Arzt, Übersetzer, Intellektuellen der Jahrhundertwende. Normalerweise gibt es grünen Tee für die Besucher, aber es ist ja viel zu heiß momentan. Wasser also, und ein Plastikfächer. Früher hätten die Leute glänzende Augen bekommen beim Stichwort Japan. Gelehrtenkultur, Japanische Moderne, diplomatische Beziehungen.

„Heute denken alle nur an Atomkraft“, sagt Wonde. Sie weiß das, weil sie seit nunmehr dreißig Jahren Kuratorin der Mori-Ogai-Gedenkstätte in der Luisenstraße 39 in Berlin-Mitte ist. Die Initiative für die Gründung im Jahr 1984 ging von dem Japanologen Jürgen Berndt aus. Seitdem zahlt die Humboldt-Universität die Grundkosten der Gedenkstätte. In den goldenen Jahren, nach der Wende, kamen 8000 Besucher jährlich. „Ganze Japanerbusse hielten vor der Tür.“

Sein "Ballettmädchen" ist Pflichtlektüre in japanischen Schulen

Inzwischen sind die ehemals moosgrünen Infotafeln im Flur etwas verblasst. Um die 3000 Interessierten kommen jetzt im Schnitt, überwiegend japanische Touristen und Schulklassen. Mori Ogais Berlin-Novelle „Das Ballettmädchen“ von 1890 – die bedrückende Geschichte eines japanischen Gelehrten auf Austauschbesuch, der eine junge Frau schwängert und sie am Ende verlässt – ist bis heute Pflichtlektüre an den Schulen. Der Tiergarten, die Berliner Universität, die Allee Unter den Linden sind im kollektiven Bewusstsein Japans fest verankert.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebte Japan einen Modernisierungsschub – das Feudalwesen wurde abgeschafft, das Land orientierte sich städtebaulich, medizinisch, juristisch zunehmend am Westen. Der Austausch speiste sich auch aus der Berliner Universität, wo zwischen 1870 und 1918 über 740 japanische Gaststudierende immatrikuliert waren. Einer von ihnen: Mori Ogai, bis heute eine Symbolfigur dieser Zeit. 1862 in einer traditionsreichen Arztfamilie geboren, zwölfjährig schon an der Medizinschule, später Militärarzt im Japanisch-Chinesischen (1894/95) und Japanisch-Russischen (1904/05) Krieg, 1922 starb er an Tuberkulose. 1884 bis 1888 jene bedeutsamen Jahre in Berlin und am Hygiene-Institut der Universität Leipzig. Er lernte bei Robert Koch und Rudolf Virchow, schulte sich an James Hobrecht, dessen Abwasser- und Kanalisationspläne er nach Tokio importieren half.

Großes Erstaunen: In Rummelsburg spielen Ausflügler Versteck

Und dann die Literatur! Exzellent Ogais Deutschkenntnisse und begierig sein Interesse an nordeuropäischer, russischer, deutscher Literatur. Ibsen, Strindberg, Rilke, Hofmannsthal, Kleist. 1922 legt er die erste japanische Übersetzung des „Faust“ vor und läutet eine bis heute lebendige Goethe-Rezeption ein. Über 140 literarische Texte hat er übersetzt, eine sprachschöpferische Leistung ohne Beispiel, die auf sein literarisches Schaffen abstrahlt. Das „Ballettmädchen“ ist die erste Ich-Erzählung der modernen japanischen Literatur und verhandelt die Begegnung der Liebenden auch als interkulturellen Konflikt zwischen der Berlinerin Elis und dem japanischen Studenten Tyotaro.

Autobiografischen Einblick in seine Berliner Jahre gibt sein „Deutschlandtagebuch“. Kurz nach seiner Ankunft, im Mai 1884, notiert er nach einem Ausflug an den See bei Rummelsburg: „Die Landschaft dort ist wunderschön. Ein paar Ausflügler, Männer und Frauen, spielten hier ganz unbekümmert Versteck. Vor Erstaunen hat es uns die Sprache verschlagen.“

Volle Archive und Pläne für eine neue Ausstellung

„Unsere Archive sind noch voller ungehobener Schätze“, erzählt Wonde. 55 Sonderausstellungen hat sie an der Gedenkstätte kuratiert. Literatur, Kunst, Fotografie. Nun will sie die Dauerausstellung über Ogai und die deutsch-japanischen Beziehungen modern aufziehen. Mit der Digitalisierung habe man ja ganz neue Möglichkeiten, Geschichte zu erzählen. Stimmt schon, ein bisschen angestaubt wirkt es, das Gedenkzimmer am Ende des Flures, in dem sie vor nunmehr einem Vierteljahrhundert ein Zimmer hergerichtet haben, wie Ogai es bewohnt haben könnte. Waschtisch, Holzbett, weiße Leinendecke. Eine gründerzeitatmosphärische Zeitreise, dieser Raum, fast zu schön, um sie gegen einen verspiegelten Screen einzutauschen.

Aber eigentlich, findet Wonde, sei ihre kleine japanische Enklave ein Zukunftsseismograf: „Wir spüren schneller als andere, was in Japan politisch geschieht.“ Im Moment fahre die rechtskonservative Regierung eine Sparpolitik, die den Wissenschaftsaustausch nicht gerade erleichtere. Und wer weiß schon, wie viel Geld es zukünftig von hiesiger Seite geben wird? Kleine Fächer wie die Japanologie haben es nicht leicht, das Geld ist immer knapp. Institute werden zu Regionalforschungszentren zusammengeschlossen oder Professuren nicht nachbesetzt, so wie an der Humboldt-Uni. Bis 2013 gab es hier noch eine Professur für Japanologie, aber weil die Freie Universität einen ähnlichen Schwerpunkt hatte, strich man den Lehrstuhl. Immerhin, die Gedenkstätte bleibt der HU institutionell zugehörig. Ihre Fenster stehen weit offen.

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