Mysteriöse Tropenkrankheit : Das unheimliche Nicken

Alle drei Sekunden fällt der Kopf nach vorne, manche wachsen nicht oder bleiben geistig zurück: In Ostafrika leben Kinder mit dem Kopfnicksyndrom. Bisher suchen Forscher vergeblich nach der Ursache des Leidens.

Franziska Badenschier
Gefährdet. Während eines Anfalles können sich die Kopfnick-Kinder schwer verletzen – etwa an einem offenen Feuer. Manche Eltern wissen sich nicht anders zu helfen, als sie zu ihrem Schutz mit einem Strick im Schatten anzubinden.
Gefährdet. Während eines Anfalles können sich die Kopfnick-Kinder schwer verletzen – etwa an einem offenen Feuer. Manche Eltern...Foto: REUTERS

Vor dem Krankenhausbett sitzen zwei Jungen auf dem Boden. Der eine wirkt jugendlich, der andere wie ein Grundschüler. Der Größere reicht dem Kleinen einen Knautschball. Dieser kann den bunten Ball kaum drücken, geschweige denn zurückwerfen. „Mein Name ist Tabu, ich bin 22 Jahre alt“, sagt der Große. „Und das ist mein Bruder Kidega. Er ist 18.“

Vor zwölf Jahren begann Kidega zu nicken. Die Mutter brachte ihn in eine Klinik, aber die Ärzte konnten nichts gegen seine seltsamen Krämpfe tun und schickten die Familie wieder fort. Der Junge hörte auf zu wachsen. Heute kann er kaum noch sprechen, sich nicht alleine waschen, nicht laufen. Dafür suchen ihn regelmäßig Anfälle heim. „Kidega geht es immer schlechter“, sagt Tabu. „Wir sind nun das siebte Mal im Krankenhaus.“ Immerhin gibt es eine Diagnose: Kopfnick-Syndrom. Im Norden Ugandas weiß fast jeder, was damit gemeint ist.

Das Leiden befällt nur Kinder, irgendwann zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr. Während der Nick-Episoden sind sie wie weggetreten, ihr Kopf fällt bis zu 20-mal in der Minute nach vorne und wird reflexhaft wieder angehoben. Minutenlang, teilweise zehnmal am Tag. Im Laufe der Zeit bleiben viele von ihnen geistig und körperlich zurück. Manche stürzen bei einem Anfall in eine Feuerstelle oder in einen Fluss und verletzen sich schwer. Die Eltern müssen trotzdem arbeiten. Einige wissen sich nicht anders zu helfen, als ihre Kinder anzubinden. Die kranken Kinder finden keine Spielkameraden. Aus der Angst, sich anzustecken, wird ein Stigma.

Die Regierung befürchtete eine Epidemie mit einem unbekannten Erreger

Seit mehr als einem Jahrzehnt suchen Wissenschaftler in kleinen, prekär finanzierten Studien nach der Ursache der mysteriösen Krankheit. Sie stehen vor einem Rätsel. Ob und wie das Kopfnicksyndrom von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, ist nach wie vor unklar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat es nun in die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten aufgenommen.

Anscheinend kommt das Leiden nur in Ostafrika vor. Bereits in den 1990er Jahren erzählte man sich in Uganda und im Sudan von einzelnen Kindern, die immer wieder geistesabwesend nicken. Eine offizielle Meldung erreichte das Gesundheitsministerium von Uganda erst 2003. Seitdem zählte die Behörde rund 3000 Fälle, allesamt aus drei Bezirken im Norden Ugandas. Auch in einem angrenzenden Gebiet, dem heutigen Südsudan, mehren sich die Berichte.

Grafik: Anna Schmidt

Ugandas Regierung befürchtete eine Epidemie mit einem neuen Erreger. Also bat sie die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC um Hilfe. Die CDC hat eine Sondereinheit, deren Teams immer dann ausschwärmen, wenn irgendwo eine unbekannte Krankheit ausbricht. Eine Seuche, die sich eventuell bis in die USA ausbreiten könnte. Eines kam Ende 2009 und Mitte 2010 nach Uganda. Die Forscher sammelten Blut und Rückenmarksflüssigkeit, Urin- und Hautproben von Nick-Kindern. Bei 23 von ihnen leiteten sie über eine Art verkabelte Badekappe die Hirnströme ab. Während der Untersuchung bekamen zufällig zwei Kinder einen Anfall. Die Kurven zeigten, dass für einen Moment die Hirnströme unnormal waren. Dadurch waren die Nackenmuskeln nicht richtig angespannt – der Kopf fiel nach vorne. Die Studie bestätigte einen Verdacht: Eine Nick-Episode ist eine Art epileptischer Anfall. Das erklärt aber nicht, warum es dazu kommt.

"Die Erde ist hier voller toter Menschen."

„Ich glaube, die Krankheit ist eine Folge der Munition. Oder sie entsteht, weil die Erde hier voller toter Menschen ist“, sagt Martin Ocan. Der Mann lebt im Busch im Norden Ugandas. In dieser Gegend herrschte zwei Jahrzehnte lang ein Bürgerkrieg. Ganz in der Nähe ist Joseph Kony aufgewachsen, jener christliche Fundamentalist, der als Anführer der Lord’s Resistance Army folterte, mordete und Kinder zu Soldaten machte. Millionen flüchteten vor seinen Truppen. Auf der anderen Seite der Grenze kämpften Rebellen gegen Soldaten und Milizen um die Unabhängigkeit des Südsudans. Heute wird in dem neuen Staat wieder gemordet, wieder gibt es Flüchtlinge.

Im Dorf von Martin Ocan ist das im Moment weit weg. Er ruft fünf seiner 24 Kinder zusammen: Agnes, Joyce, Sarah, Jacob und Moses. Sie alle haben das Kopfnicken, erzählt er, als sie sich auf einer zerlöcherten Decke unter einem kleinen Baum niedergelassen haben. Sie waren alle noch klein, als die Familie von 2003 bis 2006 wegen des Bürgerkriegs in einem Vertriebenenlager gelebt hat. „Bedenklich finde ich das fremde Essen, das wir dort bekommen haben. Augenbohnen oder ein anderes Öl. Zu Hause essen wir Hirse, Mais, Bohnen und Erbsen.“

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