Nach Krebstod von Pielhau und Thiel : Wir brauchen Mut zur Hoffnung - jeden Tag

Besonders der Tod Jüngerer führt uns die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Und zeigt, wie wichtig es ist, jeden Tag bewusst zu erleben. Ein Kommentar.

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Die Moderatorin und Schauspielerin Miriam Pielhau starb im Alter von 41 Jahren an Krebs.
Die Moderatorin und Schauspielerin Miriam Pielhau starb im Alter von 41 Jahren an Krebs.Foto: dpa

Dieses Jahr 2016. Ein Jahr des Schreckens. So viele Menschen, die sterben. Jeden Tag. Und jetzt: zwei junge Frauen, zwei, die große Hoffnung hatten und boten, eine Geißel der Menschheit, den Krebs, besiegt zu haben. Viele halten inne, sind betroffen. Doch, ja, viele, wir, sind es. Selbst wenn wir es nicht wollten. Oder anders: nicht an uns heranlassen wollten. Denn der Schrecken hat Gesichter. Jana Thiel und Miriam Pielhau, so heißen die beiden jungen Frauen, waren sehr vielen bekannt. Sie standen in der Öffentlichkeit, waren als Fernsehmoderatorinnen Teil von ihr, wurden gesehen und haben ihren je eigenen Kampf auch in der Öffentlichkeit ausgetragen. Mitten im Leben.

Was heißt das auch: den Krebs besiegt? Krebs, über den wir wissenschaftlich gesehen mehr denn je wissen, immer mehr zu wissen glauben, ist nicht so einfach zu besiegen. Er geht, ungeachtet aller Mittel im übertragenen und im wörtlichen Sinn, nicht einfach weg. Krebs ist kein Gegner, der sich geschlagen gibt. Und doch steckt in dem Ganzen etwas, das die Grenzen überschreitet, von denen wir denken, dass sie uns wissenschaftlich oder medizinisch oder technisch gezogen sind – das ist der Glaube daran, gefährliche Krankheiten überwinden zu können.

Die Realität hilft nicht immer, aber die Hoffnung, meint Ovid. Wie weise das ist! Vielleicht hilft es gegen das Trübselige, das Unselige, das Krebskranke im Internet immer und zu jeder Zeit finden können, in Blogs oder Foren. Wenn die Hoffnung bis auf den Grund sinkt – dann lässt sich doch umgekehrt auch oft finden, was manche schlicht ein Wunder nennen. Und die gibt es immer wieder, buchstäblich, das ist das Wunderbare an unserer Existenz.

Die Hoffnung ist Teil der Realität

Was nicht banal ist, beileibe nicht. Vielmehr ist das Teil der Realität, wie wir sie erleben. Erleben können. Ja, mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, das wissen wir Menschen – und doch gibt es jeden Morgen, wenn wir in den Spiegel schauen, etwas, für das wir an diesem Tag, heute, dankbar sein können. Denn in allem, auch in größter Not, gibt es das, das uns versöhnen kann mit unserer Existenz: Hoffnung. Und die Hoffnung ist Teil der Realität.

Wer den Gedanken des Philosophen Odo Marquard folgt, der lernt für sich: Vollkommenes gibt es nicht. Wer nur Vollkommenes akzeptiert, wird den Glauben an das Bessere verlieren. Das führt zu Entmutigung oder zu Sinnlosigkeitsgefühlen. Perfektionismus ist ein Konzept zum Unglücklichwerden. Es gibt ja so viel Gutes im Unvollkommenen. Der Glaube an das Bessere, den müssen wir uns erhalten. Gerade im Angesicht von Meldungen wie denen, dass der Krebs wieder Todesopfer gefordert hat.

Hoffnung ist mehr als Ratio. Es muss schon auch darum gehen, Willen aufzubringen: den Willen, das auszuwählen, was die Vernunft als gut erkennt. Den Willen, gegen das Negative anzugehen. Und gut ist beispielsweise, dass die Mediziner so viel mehr über Krebs wissen, als wir uns in unserem oft ungesunden Halbwissen zusammenreimen, zusammenlesen, zusammendenken. Wir denken doch oft nur, dass wir die jederzeit verfügbare Information richtig einordnen können. Gut ist daher außerdem, dass der Kampf gegen Krankheit als Teil unseres Lebens nicht mehr bis zum Letzten tabuisiert ist. Nicht erst, aber auch durch Johannes Paul II. und Christoph Schlingensief, durch Jana Thiel und Miriam Pielhau.

Mut zum Vertrauen in andere Menschen

Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend im richtigen Maß zu sein, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck, auf die richtige Art zu sein – das ist schwer. Wütend sind wir auf den Tod: Er ist für uns Menschen ja ein Skandal, eine ungeheure Kränkung, weil er das Ich als eigenes Universum auslöscht. Besser ist es, achtsam mit der Zeit zu sein. Das bedeutet, jeden Tag bewusst erleben zu wollen. Nennen wir es Geistesgegenwart oder Mut. Den Mut zum Vertrauen in andere Menschen. Für ein gutes Leben. Heute. Dann wird uns das Morgen nicht schrecken. Oder wenigstens weniger.

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