Nachruf : Wendepunkte der Antike

Zum Tod des Althistorikers Walter Eder.

Kurt Raaflaub

Servitus publica, die öffentliche Sklaverei im alten Rom – das Thema, mit dem sich Walter Eder 1978 an der Freien Universität Berlin habilitierte, verrät sein großes Interesse an der Sozialgeschichte. Es folgten weitere Arbeiten zur griechisch-römischen Geschichte, zur politischen, sozialen und Rechtsgeschichte. Entscheidende Wendezeiten antiker Geschichte wurden in den von Walter Eder herausgegebenen Tagungsbänden diskutiert: die frühe Republik in Rom und die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert v. Chr. Eder war ein Althistoriker, der überaus kritisch die Quellen hinterfragte, schonungslos vorherrschende Meinungen durchlöcherte – und unkonventionelle Hypothesen entwickelte. Manche Phänomene der griechisch-römischen Geschichte erschlossen sich in Eders Vergleichen neuem Verständnis.

1941 im böhmischen Winterberg geboren, wuchs Walter Eder in Bayern auf und promovierte 1969 in München. Seit 1968 wirkte er an der FU, wo er bereits 1971 auf eine erste Professor berufen wurde. 1992 folgte er einem Ruf auf den althistorischen Lehrstuhl in Bochum und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 2006. Schon zehn Jahre zuvor zog es ihn und seine Familie zurück in Richtung Berlin, erster Wohnsitz wurde Kleinmachnow.

Walter Eders unabhängige Haltung machte ihn zunächst eher zum Außenseiter. Seine Ideen fanden in den USA – Forschungsaufenthalte führten ihn nach Washington und Princeton – früher Anklang als in Deutschland. In engstem Kontakt mit seinen Fachkollegen aber stand Eder als Autor und Redakteur des „Neuen Pauly“, der heute wichtigsten Enzyklopädie der Altertumskunde. Ihm verdankt das Unternehmen grundlegende Leistungen. Und das von den Bochumer Schülern 2006 organisierte Abschieds-Colloquium zeugte von der tiefen Achtung, die sich Eder inzwischen erworben hatte.

Ohnehin war er ein engagierter Professor, seine Vorlesungen waren stets mit originellen Ideen gespickt. Wichtig war es Eder, in Lehre und Forschung zu vermitteln, dass Geschichte nie monokausal verläuft, sondern ein Bündel mit zahlreichen Strängen darstellt, das man auseinandernehmen kann, aber am Schluss wieder zusammenfügen muss.

Am 16. Juli ist Walter Eder 68-jährig in Berlin gestorben.Kurt Raaflaub

Der Autor ist Professor für die Geschichte des Altertums an der Brown University und Direktor des Center for Hellenic Studies in Washington D. C.

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