Neue HU-Bibliothek : Bibliothekswunder mit Macken

Schön, voll und laut: Das neue Grimm-Zentrum der Humboldt-Uni wird von Lesern überrannt – nicht alle sind begeistert.

Friederike Schröter
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Zentral lesen. Das Grimm-Zentrum fasst die alte Universitätsbibliothek der HU und zwölf Zweigstellen zusammen. Bis zu 5000 Nutzer...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Am frühen Nachmittag herrscht rege Betriebsamkeit an einem Ort, an den sich vor wenigen Wochen kaum ein Mensch verirrt hätte. Ein stetiger Strom von Studierenden strebt auf das helle kastenartige Gebäude mit den vielen Fensterschlitzen am S-Bahn-Viadukt kurz vor dem Bahnhof Friedrichstraße zu. In der langgestreckten Eingangshalle des Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrums, der neuen zentralen Bibliothek der Humboldt-Universität, tummeln sich hunderte junge Menschen. Sie stehen an den Computertischen, drängeln sich vor dem Informationsschalter oder haben einen der letzten Plätze vor der kleinen Kaffeetheke ergattert. Seit einem Monat ist die Bibliothek geöffnet, und das Bild, das sie heute bietet, ist überaus lebendig – und ein bisschen chaotisch.

Hinter der Sicherheitskontrolle, im eigentlichen Bibliothekstrakt, laufen die Nutzer etwas orientierungslos mit Büchern im Arm zwischen defekten Selbstverbuchungsautomaten, Informationsschaltern und schwarzen Regalen hin und her. An allen Ecken wird diskutiert, gelacht, geschimpft. Richtige Arbeitsatmosphäre stellt sich erst ein, wenn man den gläsernen Lesesaal betritt. Die auf vier Etagen angelegten Leseterrassen bilden das Herzstück des Gebäudes.

Während in den ersten Tagen vor allem Kurzbesucher das Gebäude inspizierten, nahmen bereits ab der zweiten Woche 4000 bis 5000 Nutzer pro Tag die neue Universitätsbibliothek in Beschlag. Die Bibliothek verfügt über 1,5 Millionen frei zugängliche Bücher und 1 Million weitere in den Magazinen. 1250 Arbeitsplätze stehen Studierenden und externen Lesern zur Verfügung, davon sind 500 mit neuen Computern ausgestattet. In der „Rushhour“ von 11 bis 17 Uhr gebe es zurzeit keinen einzigen Platz mehr, sagt Bibliotheksdirektor Milan Bulaty.

Weniger freuen sich indes die Studenten, die zum Arbeiten und Lernen herkommen. „Als die Zweigbibliotheken schlossen, wurde uns versprochen, dass es in der neuen Bibliothek genug Arbeitsplätze geben wird“, sagt Franziska Kelch, die sich in der ehemaligen Geschichtsbibliothek sehr wohlgefühlt hat. „Heute bekommt man ab 10 Uhr nur noch Computerarbeitsplätze, von denen die meisten noch gar nicht funktionieren.“

Bulaty dagegen spricht von einem „Wunder“ und meint damit vor allem die nahezu reibungslose Übergabe des vom Architekten Max Dudler gestalteten Baus, die pünktliche Eröffnung zu Beginn des Wintersemesters und die Einhaltung des Etats. Aber Bulaty gibt zu, dass auf einen derartigen Ansturm weder Mitarbeiter noch Technik vorbereitet waren.

Neben der alten Zentralen Bibliothek, die seit dem 19. Jahrhundert provisorisch in fremden Gebäuden hauste, haben 12 Zweigbibliotheken der Geistes-, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ihren Platz im Grimm-Zentrum gefunden. Während diese zum Teil nur von 10 bis 16 Uhr geöffnet hatten, bietet die neue Bibliothek berlinweit einmalige Öffnungszeiten: in der Woche von 8 bis 24 Uhr, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. Ursprünglich seien sogar durchgehende Öffnungszeiten geplant gewesen, sagt Bulaty. Sollte sich abzeichnen, dass das genutzt würde, werde man das wieder in Erwägung ziehen. Zurzeit sitzen in der Stunde vor Mitternacht noch 100 bis 200 Personen an den Leseplätzen – dann geht es wirklich ruhig zu.

Da die Zahl der Mitarbeiter nicht gewachsen ist, setzt die Humboldt-Universität auf modernste Technik: Elektronische Ausleihe- und Rückgabeautomaten sollen Bibliothekare ersetzen. Ein virtuelles Rauminformationssystem soll den Standort des gewünschten Buches anzeigen. Doch vieles, was mit Technik zu tun hat, funktioniert nur eingeschränkt. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist angespannt. „Wir haben heute so viele Ausleihen am Tag wie die Zentralbibliothek früher in einem ganzen Monat“, sagt eine Mitarbeiterin am Informationsschalter. Eine richtige Einführung in die neuen Systeme habe sie nicht bekommen. „Hier ist noch ein ziemliches Durcheinander“, sagt die Frau. Das seien „Kinderkrankheiten“ einer großen neuen Bibliothek beschwichtigt Bulaty und fügt lachend hinzu: „Der Zustand befindet sich immerhin nicht auf dem S-Bahn-Niveau.“

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Tücken der Technik. Noch funktionieren viele der neuen Computerarbeitsplätze nicht. Man sei auf den Ansturm der Studierenden nicht...



Die meisten Nutzer der neuen Bibliothek sind von der Architektur des Gebäudes angetan. Die Kombination aus warmem Holz und Glas schafft eine angenehme Atmosphäre, die sich besonders in der Weite des zentralen Lesesaals, auf den 300 begehrten Terrassenplätzen, entfaltet. Um den verglasten Lesesaal herum befinden sich auf sechs Etagen schwarze Bücherregale, hinter denen sich die restlichen Arbeitsplätze verstecken.

Auch dies sei eine schöne Idee, aber nicht praxistauglich, sagt Tom Mühsam, Geschichts- und Sportstudent: „Dadurch, dass sich in der Mitte nicht nur das Treppenhaus, sondern auch Informationsschalter und Leselounges befinden, geht es hier zu wie in einer Bahnhofshalle. Man sieht einfach nicht, dass drei Meter weiter Leute arbeiten wollen, und unterhält sich.“ Außerdem sei das Material des Fußbodens schlecht gewählt: Wenn Frauen auf hohen Absätzen hin- und herliefen, sei das unheimlich laut. Auf den meisten der 1250 Arbeitsplätzen könne man sich deshalb nicht durchgehend konzentrieren. Einige Studierende, darunter auch Franziska Kelch, wollen wieder in die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz wechseln.

Den alten Zweigbibliotheken trauern vor allem die älteren Studenten nach: „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich das erste Mal in der Geschichtsbibliothek war. Um mich herum nur Bücher, Bücher, Bücher und eine Atmosphäre, die zum Entdecken, Suchen und Fragen einlud“, erinnert sich Tom Mühsam. In der Grimm-Bibliothek fehle dieser Charme. „Da steht alles in einem großen Raum und macht einen eher strengen Eindruck. Das Wühlen, das Entdecken, das ergibt sich hier nicht“, klagt Mühsam.

Während sich Architektur und Atmosphäre einer objektiven Bewertung entziehen, werden wohl noch ein paar Wochen ins Land gehen, bis die letzten Startschwierigkeiten überwunden und kleine architektonische Fehlplanung behoben sind. Problematisch ist etwa auch die Situation in der Garderobe: ein stets überfüllter kleiner Kellerraum. Das Gedränge nervt die Nutzer schon beim Eintreffen.

Das Ziel sei gewesen, mit modernen Mitteln eine Bibliothek zu errichten, die auch noch in fünfzig oder hundert Jahren als schön empfunden würde, sagt Bulaty. „Also haben wir uns Bibliotheken angesehen, die heute fünfzig oder hundert Jahre alt sind, und uns Elemente abgeguckt, die diesen Gebäuden die besondere Atmosphäre verleihen.“ Dass das wunderbar gelungen sei, strahlt Bulaty, sehe man gerade an den vielen Menschen, die Tag für Tag in das neue Gebäude strömten.

Offiziell eröffnet wird das Grimm-Zentrum am Donnerstag, dem 19. November, mit einem Tag der Offenen Tür von 15 bis 22 Uhr.

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