Neue US-Regierung : Wie Trump die Unis verändert

"Dramatisch auch für Studierende": Die New Yorker DAAD-Leiterin Nina Lemmens erklärt, wie sich die Politik der US-Regierung auf das Klima an den Unis auswirkt.

Studierende stehen auf einem Campus und halten Schilder mit Parolen doch, unter anderem ist "Not my President" zu lesen.
Unter Protest. An vielen Unis wird gegen Trump demonstriert – wie an der University of California in Los Angeles.Foto: Mike Nelson/picture alliance/dpa

Frau Lemmens, US-Präsident Donald Trump ist seit vier Monaten im Amt. US-Forscher befürchten eine Verschlechterung ihrer Bedingungen, sie sind beim March for Science auf die Straße gegangen, um gegen Wissenschaftsfeindlichkeit zu demonstrieren. Schlagen sich Veränderungen bereits an den Unis nieder?
Das Klima hat sich verändert. Zum Beispiel ist es auch an Universitäten gesellschaftsfähiger geworden, Menschen, die anders aussehen, darauf anzusprechen und zu beschimpfen. Und konkret wird es beim Thema Geld. Trump hat in seinem ersten Budgetentwurf ganz klare Kürzungen für die Wissenschaft vorgesehen.

Die National Science Foundation soll um 10 Prozent gekürzt werden, das National Institute of Health um 18 Prozent. Die Bundesförderung der Kultur- und Geisteswissenschaften soll ganz abgeschafft werden.

Die ganze Richtung ist beängstigend – man denke nur an die Kündigung des Pariser Klimaabkommens. Auch daran kann man sehen, wie wenig die Regierung von der Wissenschaft hält. Allerdings muss man sagen, dass der Kongress beim Budget für dieses Haushaltsjahr, das bis Ende September gilt, die Kürzungen nicht umgesetzt hat, sondern teilweise sogar kleine Erhöhungen beschlossen hat. Man muss jetzt abwarten, wie das weitergeht.

Die Kürzungen würden vor allem die Grundlagenforschung betreffen. Wie sind die Perspektiven für Studierende?

Auch für die könnte es dramatisch werden. Es sollen bestimmte Programme für benachteiligte Bevölkerungsgruppen gekürzt werden. Das könnte in großem Maße gerade diejenigen betreffen, die als Erste ihrer Familie an eine Uni gehen, zum Beispiel Hispanics oder Afroamerikaner. Gerade sie brauchen natürlich Unterstützung. Wenn hier Programme gestrichen würden, wäre das fatal. Oder denken Sie an das Thema Studiengebühren und Schulden. Obama hatte sehr viele Regulierungen eingeführt, damit die Zinsen für Studiendarlehen nicht weiter durch die Decke gehen. Das will Trump ändern. Studierende wären dann einem schwer kontrollierbaren Zinsmarkt ausgeliefert. Dabei zahlen viele schon jetzt bis zur Rente ihre Studiengebühren ab.

Eine Frau in einem roten Pullover steht lächelnd vor einer gestreiften Tapete.
Nina Lemmens leitet seit 2014 das Nordamerika-Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New York City.Foto: Beowulf Sheehan/DAAD

Bisher hat Trump auch noch keinen Wissenschaftsberater für seine Regierung ernannt. Wie wirkt sich das aus?

Bei der Themensetzung und bei der Budgetverteilung ist die Wissenschaft gar nicht präsent. Es gibt niemanden, der der Regierung erklären kann, wie wichtig Wissenschaft ist. Viele andere Stellen sind auch nicht besetzt. Die Kanäle in die Administration hinein sind so gekappt.

Der „Travel Ban“ wurde von Gerichten schnell außer Kraft gesetzt. Macht er sich dennoch bemerkbar?

Die ersten offiziellen Zahlen kommen Mitte Juni raus, dann wird man genau sagen können, wie sich die Einschreibezahlen von internationalen Studierenden verändern. Es gab aber schon eine Umfrage bei den Colleges: Vierzig Prozent haben gemeldet, dass die Nachfrage zurückgeht. Gleichzeitig steigt die Nachfrage in Kanada. Die Universität Toronto etwa hat achtzig Prozent mehr Bewerbungen aus den USA erhalten. Natürlich spielt dabei eine Rolle, dass die Studiengebühren in Kanada niedriger sind, die Qualität der Unis ist dennoch oft ähnlich hoch wie in den USA. Aber es ist eben auch ein Zeichen, wenn sich Justin Trudeau …

... der kanadische Premierminister …

Wenn der sich nach der Wahl von Trump hinstellt und sagt: Ihr seid alle willkommen. Das ist was anderes, als wenn einer sagt: Ihr seid eher nicht willkommen.

Kann man auch in Deutschland spüren, dass weniger in die USA gehen wollen?

Das können wir nur vermuten. Schon nach 9/11 haben die Amerikaner die Visa-Bedingungen sehr verschärft. Damals gab es bereits einen deutlichen Rückgang der Interessentenzahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass jetzt weniger Studierende gehen wollen, weil sie das Klima des Nicht-willkommen-Seins auch auf sich beziehen. Bei den fortgeschrittenen Wissenschaftlern sind die USA dagegen immer noch sehr wichtig. Wenn der Travel Ban aber tatsächlich umgesetzt wird und womöglich Visabestimmungen für besonders Hochqualifizierte verschärft werden – dann werden sich die Leute dreimal überlegen, ob sie sich dem aussetzen.

Bekommen Sie besorgte Anfragen?

Was ich höre: An US-Unis haben Professoren große Sorgen, dass Wissenschaftler nicht mehr zu Konferenzen kommen wollen. Oder denken Sie an Forscher aus den betroffenen Ländern, die schon in den USA sind und ein Visum haben: Die reisen jetzt nicht aus, um an internationalen Tagungen teilzunehmen – sie könnten ja auf einmal nicht mehr zurückkommen dürfen. Es ist so, als ob in der Wissenschaft gerade auf die Bremse getreten wird. Ein besonders krasses Beispiel ist die Grenze zu Mexiko.

Wegen des von Trump angedrohten Mauerbaus?

An vielen amerikanischen Unis im Grenzgebiet sind Studierende eingeschrieben, die als Tagesstudierende aus Mexiko kommen. Die Mexikaner sind jetzt extrem verärgert. Sie tragen ihr Geld an eine amerikanische Uni und müssen sich fragen, welche Kontrollen ihnen künftig womöglich an der Grenze bevorstehen, ob sie die überhaupt werden passieren können. Diese Universitäten – etwa in Texas – haben auch ganz enge Forschungskooperationen mit Unis in Mexiko. Die Mexikaner suchen sich jetzt schon neue Partner.

Was können die Hochschulen machen, um dem entgegenzuwirken?

Sie tun schon das, was man machen muss. Was ich sehr beeindruckend finde: wie sich die Bürgerbewegungen neu formieren. Viele Menschen waren in den Achtzigern oder in den Neunzigern aktiv – gegen Rassismus, für Lesben und Schwule, während der Aids-Epidemie. Die stehen alle wieder in den Startlöchern. Alle sind etwas entnervt, sie sagen: Dafür habe ich doch vor dreißig Jahren schon gekämpft. Sie wissen aber auch, wie es geht. Die Universitäten organisieren intern viele Veranstaltungen, in denen Gesprächsforen geschaffen werden. Viele befürchten, dass es auf ihrem Campus zu Auseinandersetzungen kommt. Sie versuchen daher eine Atmosphäre der Offenheit herzustellen, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen.

Gibt es mehr Anfragen von Angehörigen von US-Unis, die zu uns kommen wollen?

Wir haben in den letzten Jahren allgemein ein größeres Interesse von Studierenden an Deutschland festgestellt. Das fing 2014 an, als mit Niedersachsen das letzte Bundesland die Studiengebühren abschaffte. Darüber gab es einen großen Bericht bei der BBC. Der löste einen richtigen Schneeballeffekt aus und lenkte die Aufmerksamkeit auf Deutschland. Es hängt natürlich damit zusammen, dass die Leute nach Alternativen suchen müssen, weil die Studiengebühren in den USA immer weiter steigen.

Könnte sich dieser Trend umkehren, wenn jetzt mit Baden-Württemberg das erste Bundesland Gebühren für internationale Studierende nimmt?

Die werden 3000 Euro im Jahr sein. Wenn man das mit den durchschnittlichen Gebühren an einer Universität in den USA vergleicht, ist das immer noch sehr wenig. Wenn die Studiengebühren in Baden-Württemberg kommen, muss man aber auch gewährleisten, dass internationale Studierende in der Regelstudienzeit fertig werden. Für die Amerikaner ist das Business: Wenn ich etwas zahle, will ich auch etwas bekommen.

Sollten Deutschland und die EU die Gunst der Stunde nutzen und US-Forscher gezielt abwerben?

Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren unseren Wissenschaftsbereich erheblich aufgewertet, haben sehr viel Geld in das System gepumpt, es für internationale Kollegen attraktiv gemacht. Diese Angebote sollten wir weiter stark promoten – aber ohne einen zynischen Beiklang des aggressiven Abwerbens. Es wäre für alle schlecht, wenn wir die Wissenschaft in den USA nicht stützen, sondern versuchen, daraus Gewinn zu schlagen. Das wird sowieso passieren, aber das sollten wir nicht auch noch forcieren.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

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