Neues Zentrum in Berlin : Mehr Wissen über Osteuropa

Das Auswärtige Amt finanziert ein neues Institut, das sich mit dem postsowjetischen Raum beschäftigen soll. Der Ukraine-Konflikt hat deutlich gemacht, dass Deutschland die Experten fehlen.

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Moskauer Innensicht: Die Skyline der russischen Hauptstadt
Moskauer Innensicht: Wissenschaftler mit Russland-Expertise werden in Deutschland wieder gebraucht.Foto: Imago

Experten, die den Krieg in der Ukraine, die Denkweise im Kreml und die innenpolitische Gemengelage in Russland erklären können, werden derzeit dringend gebraucht. Allerdings gibt es in Deutschland wenige Fachleute auf diesem Gebiet. „Deutschland hatte einmal eine führende Rolle in der Osteuropaforschung. Das ist nach der Wende weggebrochen“, sagt Gabriele Freitag, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO). Gegenwartsbezogene Forschung zu der Region gebe es kaum noch.

Lehrstühle wurden nicht neu besetzt

Nach dem Ende der Sowjetunion wurden Lehrstühle nicht neu besetzt, das Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln wurde im Jahr 2000 aufgelöst. Heute fehle es an Wissenschaftlern, die zu Russland und den postsowjetischen Staaten arbeiten, sagt Stefan Meister, Programmleiter für Osteuropa, Russland und Zentralasien bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Als besonders dramatisch gilt die Entwicklung in den Politik- und Sozialwissenschaften, in denen es nur noch wenige Lehrstühle mit Osteuropaschwerpunkt gibt. „Wir wissen viel über die Geschichte, aber immer weniger über die Gegenwart“, konstatierte Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, bereits vor mehr als zwei Jahren. Die Ukraine-Krise hat diese Defizite nun drastisch vor Augen geführt: „Das Wissen über die Ukraine ist in der Gesellschaft gering, an den Universitäten und in der Politik prekär“, betont Sapper.

Auswärtiges Amt gibt zunächst 5,5 Millionen Euro

Ein neues Institut soll Abhilfe schaffen. Das Auswärtige Amt unterstützt den Aufbau eines Osteuropa-Zentrums in Berlin, das die Entwicklungen im postsowjetischen Raum analysieren und Entscheidungsträger beraten soll. Die Initiative geht von der DGO aus, ihr Präsident Ruprecht Polenz warb dafür. In diesem Jahr sind im Haushalt des Auswärtigen Amtes 500 000 Euro für das Zentrum vorgemerkt, in den kommenden zwei Jahren je 2,5 Millionen Euro. Das Zentrum solle sozialwissenschaftliche Expertise liefern, die schnell abrufbar sein müsse, heißt es in Berlin. Dabei gehe es nicht um Grundlagenforschung, sondern um „anwendungsbezogenes Wissen“. Dagegen nennt DGO-Geschäftsführerin Freitag als Säulen des neuen Zentrums „gegenwartsbezogene Grundlagenforschung“, Nachwuchsförderung in Kooperation mit den Hochschulen und Politikberatung.

Nachwuchsförderung angemahnt

In der Fachwelt wird grundsätzlich begrüßt, dass die Fehler der Vergangenheit korrigiert werden. Doch gerade diejenigen, die sich selbst mit der Region befassen, verweisen auf bestehende Strukturen: „Warum werden die nicht ausgebaut und aufgestockt?“, fragt Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Außerdem fehle der Nachwuchs in diesem Bereich. „Woher sollen denn die Osteuropaexperten kommen, wenn nicht ausgebildet wurde?“ Mehr Nachwuchsförderung wünscht sich auch Klaus Segbers, einer der Leiter des Osteuropa-Instituts der FU Berlin. Derzeit gebe es für Studierende keine Anreize, sich auf Regionalstudien zu spezialisieren. Auf dem Arbeitsmarkt fehle die Nachfrage, an den Universitäten erhalte man damit keine unbefristeten Stellen. Stefan Meister von der DGAP hofft darauf, dass das neue Zentrum „nicht das dupliziert, was schon da ist“. Noch eine Institution für Politikberatung ist aus seiner Sicht nicht erforderlich.

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