NS-Verbrechen : Hitlers Operateure

05.10.2011 10:54 UhrVon Rosemarie Stein
Abtransport: Psychisch Kranke und Behinderte besteigen einen Bus, hier in Bayern. Sie wurden während der NS-Zeit in eigens errichtete Anstalten gebracht, wo viele sterilisiert und ermordet wurden. Foto: picture-alliance/epd
Abtransport: Psychisch Kranke und Behinderte besteigen einen Bus, hier in Bayern. Sie wurden während der NS-Zeit in eigens errichtete Anstalten gebracht, wo viele sterilisiert und... - Foto: picture-alliance/epd

Frühe Gefolgschaft, grausame Versuche: Chirurgen waren tief in die NS-Verbrechen verstrickt. Ohne ihre Beteiligung wäre Hitlers Euthanasie-Programm nicht durchführbar gewesen.

1933 waren sie schnell dabei, die deutschen Chirurgen. Auf einen Wink von oben ließ Wilhelm Konrad Röpke, im Jahr der „Machtergreifung“ Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft für Chirurgie“, alle jüdischen Mitglieder auffordern, ihre Vorträge für den Jahreskongress im April zurückzuziehen. Vorsichtshalber wiederholte er den Rausschmiss in seiner Eröffnungsrede: „Ich bitte alle Herren Redner, (...) deren Auftreten hier angesichts der heutigen nationalen Strömung Unruhe oder Missstimmung hervorrufen könnte, zurückzutreten; denn der ruhige Verlauf unserer Tagung und die Würde der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie geht allem anderen voran.

Dass gerade mit solchen Worten der Verlust ihrer Würde begann, erkannten die deutschen Chirurgen viel später als andere medizinische Disziplinen. Erst mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende beauftragte die Chirurgengesellschaft ein medizinhistorisches Forscherteam, die Verstrickungen der Chirurgen in die NS-Ideologie und -Medizin aufzuhellen.

Die ersten Ergebnisse wurden jetzt in einem 300-seitigen Band veröffentlicht. „Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie setzt ein Zeichen gegen das Vergessen und Verschweigen. Sie stellt sich ihrer historischen Verpflichtung. Auch nach 66 Jahren gibt es hierfür keine Unzeit“, sagt Hans-Ulrich Steinau, der als Präsident 2006/7 die Initiative ergriffen hatte. Angesichts von Zwangssterilisationen – eine Aufgabe für Operateure – und unfassbar grausamen Versuchen an Gefangenen und Verschleppten müsse man nach der Entstehung von „gewissenlosem Forscherdrang, Karrieresucht und verblendetem Rassismus“ fragen.

Auftragsgemäß widmeten sich die Medizinhistoriker zuerst den Führungspersönlichkeiten, den jeweils für ein Jahr gewählten Präsidenten der Fachgesellschaft in der NS-Zeit. Es waren ausgezeichnete Operateure, medizinische Wissenschaftler und Hochschullehrer – die besten Repräsentanten ihrer Disziplin. Die Forscher trugen ohne Schwarz-Weiß-Malerei Fakten zu ihrem Leben zusammen, zu ihren politischen Aktivitäten, aber auch zum psychosozialen und politischen Umfeld.

Dort suchen die Medizinhistoriker einen Grund für die besondere NS-Affinität der Chirurgen wie auch für das lange Schweigen der Zunft. Schon vor 1933 wurden die Ärzte in streng hierarchisch gegliederten Krankenhäusern sozialisiert. Soldatische Zucht durch den Sanitätsdienst im 1. Weltkrieg prägte sie: Die meisten waren deutsch-national orientiert und gegen die Weimarer Demokratie eingestellt. Chirurgische Kliniken wurden auch ohne Hitler straff nach dem „Führungsprinzip“ geleitet.

Das liest man in der Einleitung des jetzt veröffentlichten Buches. Zu hoffen ist, dass der Band auch Nachwuchs-Mediziner erreicht, unter denen die Herausgeber „deutliche Informationsdefizite“ und „Desinteresse an der Vergangenheit ihres künftigen Standes“ beobachten. Hier könnten sie viel über die einstige Elite ihrer Zunft erfahren.

Auf der Seite 2 lesen Sie wer die Chirurgen waren, die sich an dem Euthanasie-Programm beteiligten.

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