Nubier : Antibiotikum der Frühzeit

In 1600 Jahre alten menschlichen Knochen im Sudan fanden Forscher Tetracyclin. Das Antibiotikum entstand wohl beim Brauen von Hirsebier.

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Jung und Alt. Noch heute leben Nubier im Sudan und im Süden Ägyptens. Foto: dpa
Jung und Alt. Noch heute leben Nubier im Sudan und im Süden Ägyptens. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Das Breitband-Antibiotikum Tetracyclin wurde erst 1948 entdeckt und 1955 patentiert. Die Frühmenschenforscherin Debra Martin wunderte sich daher sehr, als sie in gut 1600 Jahre alten menschlichen Knochen aus dem Norden des heutigen Staates Sudan genau dieses Antibiotikum fand. Wie so oft in der Wissenschaft stand der Zufall Pate: Das normale Mikroskop war gerade besetzt und Debra Martin wich auf ein anderes Gerät aus, das mit ultraviolettem Licht arbeitete. Verblüfft stellte sie fest, dass die Knochen der alten Nubier in einer gelb-grünen Farbe fluoreszierten, die typisch für Tetracyclin ist.

George Armelagos von der gleichen Universität staunte nicht schlecht, als Debra Martin ihm von der Entdeckung erzählte: „Wenn wir auf der Nase einer Mumie eine Designer-Brille gefunden hätten, wäre das kaum verblüffender gewesen!“

Das war 1980. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihren sensationellen Fund im Fachblatt „Science“. Doch viele Fachkollegen zweifelten das Ergebnis heftig an. 30 Jahre später aber haben George Armelagos, der mittlerweile an der Emory Universität in Atlanta arbeitet, und Mark Nelson von der Paratek-Pharmafirma in Boston alle Zweifel ausgeräumt. Im „American Journal of Physical Anthropology“ (Band 143, Seite 151) legen sie ihre neuen Ergebnisse jetzt vor – und bestätigen das Ergebnis von 1980.

Im Prinzip hätte das Antibiotikum zwar auch nach dem Tod der Nubier in die Knochen gelangen können. Das konnten die Forscher jedoch ausschließen, weil sich bestimmte Knochen nach und nach bilden. Einige Individuen hatten in manchen Knochenschichten Tetracyclin, in anderen nicht. Gelangt das Antibiotikum erst nach dem Tod in die Knochen, sollte es dagegen alle Schichten gleichmäßig durchdringen. Die gefundenen Muster entstehen, wenn der Betroffene zu bestimmten Zeiten das Antibiotikum erhält, zu anderen aber nicht.

Aber wo kam das Antibiotikum her? Als George Armelagos die Ernährungsgewohnheiten der Nubier anschaute, fand er rasch die Lösung des Rätsels. Die Nubier lagerten ihre Hirse wohl in Vorratsgruben im Erdboden. Dort konnten sich Streptomyces-Bakterien auf die Körner setzen, die von Natur aus Tetracyclin produzieren und sich damit gegen andere Bakterien wehren. Sobald die Menschen diese Hirse fermentierten, vermehrten sich die Mikroorganismen und produzierten große Mengen Tetracyclin. Die fermentierte Hirse aßen die Nubier zum Teil als Brei, brauten aber auch ein Bier daraus. Damit ist auch klar, weshalb die Forscher Tetracyclin auch in den Knochen von zwei- bis sechsjährigen Nubiern fanden: Vermutlich gehörte Hirsebrei zur ersten Nahrung nach dem Abstillen.

Heute wird Bier dagegen pasteurisiert und verliert so alle lebenden Bakterien. Als George Armelagos und seine Studenten Getreide mit Streptomyces-Bakterien ähnlich wie die alten Nubier fermentierten und ein Bier machten, erhielten sie zwar ein ziemlich saures und leicht grünliches Gebräu, das aber trinkbar war - und reichlich Tetracyclin enthielt. Roland Knauer

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