Ökologie : Junkfood für Kaptölpel

Fischabfälle von Booten sind ungesund für Seevögel.

Matt Kaplan

Seevögel haben die ungesunde Angewohnheit entwickelt, Fischabfälle zu fressen, die von Fischern über Bord geworfen werden. Sich auf dieses "Junkfood" zu stützen, bedeutet neuer Forschung zufolge, dass die Vögel nicht das ausgewogene Nahrungsspektrum erhalten, das sie brauchen, um ihren Nachwuchs adäquat füttern zu können.

Fischer nehmen ihren Fang häufig bereits an Bord des Schiffs aus und werfen die Fischreste ins Meer. Unter dem Abfall befinden sich auch die Kadaver ganzer Fische, die zufällig mit gefangen wurden. Insgesamt werden jedes Jahr etwa 7,3 Millionen Tonnen Fischereiabfälle weltweit produziert. Diese Abfälle wurden lange Zeit als harmlos betrachtet, schließlich handelt es sich um organisches Material. Es ist sogar argumentiert worden, dass diese Abfälle Seevögeln zugute kommen.

Unglücklicherweise sind diese Abfälle nicht so harmlos wie ursprünglich gedacht.

Frühere Forschung hat bereits gezeigt, dass zum Beispiel der südafrikanische Kaptölpel aus diesem "Junkfood" im Vergleich zu seiner natürlichen Beute nur die Hälfte der Kalorienwerte erhält. Nun haben David Griméllet vom Nationalen Zentrum für Wissenschaftsforschung in Montpellier, Frankreich, und seine Kollegen gezeigt (1), dass dies negative Auswirkungen auf die Küken hat, die von fehlernährten Eltern gefüttert werden.

Fischkost

Ein Jahr lang analysierten Grémillet und sein Team das Hervorgewürgte von 444 Kaptölpeln, nachdem die Vögel von ihren Beutezügen auf See zurückgekehrt waren. Zwischen Mai und September - der Fischereisaison in dem untersuchten Gebiet - machten Fischabfälle mehr als 70 Prozent der Nahrung der Tölpel aus.

Kaptölpel ernähren sich normalerweise von kleinen fetten Fischen wie Sardellen und Sardinen. Fischabfälle in Südafrika bestehen jedoch meist aus den Innereien von Seehechten, die am Meeresgrund leben und für tauchende Tölpel nicht erreichbar sind. Während die Innereien der Hechte für adulte Tölpel durchaus geeignet sind, enthalten sie Grémillet zufolge zu wenig Fett, das junge Tölpel während der Wachstumsphase brauchen. Die Wissenschaftler schätzen, dass die Küken etwa 29 Prozent weniger Energie bekommen als sie eigentlich bräuchten.

Kalorienmangel ist möglicherweise nicht das einzige Problem. "Ich frage mich, wie viele Gräten in den Abfällen enthalten sind", sagt Shana Lavin vom Lincoln Park Zoo in Chicago, Illinois. Die Gräten von Sardellen und Sardinen könnten eine wichtige Kalziumquelle für heranwachsende Vögel darstellen. Sind die Gräten in den Fischabfällen zu groß zum Fressen, könnte daraus ein Kalziumdefizit resultieren, erklärt sie.

Futter für die Kids

Das Team beobachtete ferner 14 adulte Kaptölpel, deren Tauschtiefe bei der Futtersuche durch Datenlogger aufgezeichnet wurde. Die Tölpel, die Junge zu ernähren hatten, tauchten häufiger als Vögel ohne Nachwuchs. Tauchen ist notwendig, um lebende Fische zu erbeuten, nicht jedoch, um Fischabfälle zu ergattern.

Trotz der vielen Tauschgänge macht lebende Beute nur noch 20 Prozent oder weniger der Nahrung der Vögel aus. Dies kann daran liegen, dass sich die Sardinen- und Sardellenbestände in der Region aufgrund von Überfischung und Klimawandel reduziert haben, sagt Grémillet. Der Mangel an hochkalorischer Nahrung bei den Eltern könnte weniger Überleben der Jungtiere bedeuten. Die Tölpelpopulation ist in den letzten 50 Jahren um die Hälfte zurückgegangen, so Grémillet.

Mit den Sardinen mitziehen

Sardellen und Sardinen sind an die Ostküste Südafrikas gewandert, als sich das Klima erwärmte. Die Kaptölpel sind jedoch geblieben, was daran liegen könnte, dass sie ihre angestammten Brutplätze jedes Jahr wieder aufsuchen. Die Verfügbarkeit von Nahrung - in Form von Fischabfällen - könnte darüber hinaus die Motivation zu wandern mindern.

"Für die Nordsee, wo Fischabfälle ebenfalls negative Auswirkungen haben, wird empfohlen, die Abfälle mit an Land zu nehmen, wo sie zu Fischfutter verarbeitet werden. Wir möchten erreichen, dass die südafrikanischen Fischer dasselbe tun", erklärt Grémillet.

Es wird sich zeigen müssen, ob alle Seevogelarten unter dem Fressen von Fischereiabfällen leiden. "Tölpel sind hochspezialisiert und brauchen hochkalorisches Futter, andere Seevögel könnten weit weniger Probleme mit den Abfällen haben", meint Stephan Voiter, Biologe an der University of Plymouth in Großbritannien. "Wir müssen weitere Spezies studieren, um die globale Situation einschätzen zu können."

(1) Grémillet, D. et al. Proc. R. Soc. B 18, 1-9 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 12.2.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.570. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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