Petition gegen Parabene : Der Feind in der Creme

Viele Konsumenten wollen keine Parabene in Kosmetika, weil sie um ihre Gesundheit fürchten. Doch die Alternativen sind nicht besser: Andere Konservierungsmittel lösen öfter Allergien aus.

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Nivea-Dosen
Ohne Parabene. Niveacreme kommt ohne Parabene aus. Doch das ist nicht automatisch ein Gütesiegel.Foto: picture alliance, dpa

Die Ester der Para-Hydroxybenzoesäure haben viele Feinde. Etwa 80 000 Unterzeichner wendeten sich in einer vom Umweltverband Bund und der Berliner Moderatorin Britta Steffenhagen initiierten Online-Petition an die Firma Beiersdorf. Sie fordern, die Stoffe in Kosmetika der Marke Nivea nicht mehr zu verwenden, weil sie „hormonell wirksam“ seien. Am gestrigen Dienstag wurden die Unterschriften bei einer Kundgebung vor der Konzernzentrale in Hamburg übergeben.

Ein ähnlicher Protest hat dafür gesorgt, dass die chemischen Verbindungen, bekannt als Parabene, aus der Penatencreme von Johnson & Johnson verschwanden. Beiersdorf ließ sich bisher nicht auf einen „Ausstieg“ ein, auch wenn auf einigen Nivea-Produkten inzwischen der Aufdruck „ohne Parabene“ steht. „Du kommst hier nicht rein“, wird zum Beispiel die „Natural Beauty“-Linie im Netz beworben. Eine Information, die wie ein Gütesiegel daherkommt. Sind diese Konservierungsmittel also gefährlich, wie man im Umkehrschluss vermuten muss?

Ihre Familie ist groß. In Cremes und anderen Kosmetika werden vor allem Methyl- und Ethyl-Paraben, aber auch Butyl- und Propyl-Paraben eingesetzt. 2004 kamen sie durch eine Studie der britischen Hormonforscherin Philippa Darbre von der Universität Reading in Verruf. Als sie 20 Brustkrebs-Gewebeproben mit verschiedenen Methoden untersuchte, fand sie darin vor allem Methyl-Paraben. Ihre Studien aus den letzten Jahren – die neueste ist im Januar im „Journal of Applied Toxicology“ erschienen – bestätigen das.

Es gibt keinen Beweis, dass Parabene Brustkrebs verursachen

Ihre darauf aufbauende These machte Schlagzeilen: Methyl-Parabene aus Deodorants gelangen demnach ins Brustgewebe und binden dort an Antennen für das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. Gestützt werde dies durch die Tatsache, dass die meisten Tumoren sich im oberen äußeren Quadranten der Brust bilden, der nahe der Unterarm-Achsel liegt.

Für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Konservierungsmitteln in Kosmetika und bösartigen wie gutartigen Veränderungen des Brustgewebes ist das allerdings kein Beweis. Zum einen wurde bei den Untersuchungen kein gesundes Vergleichsgewebe einbezogen. Zum anderen haben sich die Befunde weder in Tierexperimenten bestätigt, noch haben andere Forschergruppen ähnliches gefunden. Hinzu kommt: Die hormonähnliche Wirkung der Parabene ist um ein Vielfaches schwächer als die des natürlichen Östradiols. Und ausgerechnet das von Darbre nachgewiesene Methylparaben hat eine millionenfach schwächere hormonelle Aktivität.

„Ohne Parabene“ heißt zudem nicht „ohne Konservierungsstoffe“. Um Cremes, Gels, Shampoos und Zahnpasten haltbar zu machen, setzen die Firmen notgedrungen andere Stoffe mit konservierender Wirkung ein. „Mit Keimen belastete Produkte dürfen nicht auf den Markt gelangen“, sagt Annegret Blume, Geschäftsführerin der Kommission für kosmetische Mittel beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Andere Konservierungsstoffe verursachen öfter Allergien

Was also wäre die Alternative, wenn die Parabene vom Markt verschwinden sollten? „Dadurch könnten problematische Stoffe öfter zum Einsatz kommen, zum Beispiel Methylisothiazolinon“, warnte Stiftung Warentest vor Kurzem. Die Substanz mit dem Kürzel MI tötet zwar effektiv Mikroorganismen ab, löst aber bei vielen Menschen Allergien aus. „Das ist bedeutsam, weil Methylisothiazolinon Bestandteil vieler Alltagsprodukte ist, bis hin zu Wandfarben“, sagt Blume.

Tatsächlich kommt es inzwischen öfter zu Gesichtsekzemen nach Anwendung von Kosmetika, die mit MI konserviert werden, sagt Axel Schnuch, Leiter des Informationsverbunds Dermatologischer Kliniken zur Erfassung und Auswertung der Kontaktallergien an der Universität Göttingen. Hier werden regelmäßig Daten aus 56 Hautkliniken in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgewertet.

Wird der vermeintliche Teufel Paraben also mit dem Beelzebub MI ausgetrieben? Zumindest Allergiespezialisten macht das große Sorgen. „Mit Kampagnen gegen Parabene in Kosmetika wird eine wertvolle Chemikalie ohne stichhaltigen Grund schlechtgeredet, die dann durch weit problematischere Stoffe ersetzt wird“, sagt Schuch. Konservierungsstoffe seien schon wegen des feuchten, warmen Milieus in Badezimmern nötig. Cremes und Lotionen wären sonst ein Nährboden für Pilze und Bakterien. „Und die Parabene haben den Vorzug, dass sie kaum Sensibilisierungen hervorrufen.“

Babycremes sind eine Ausnahme

Auch das BfR hält einen generellen Ersatz von Parabenen in kosmetischen Mitteln nicht für sinnvoll. „Viele der anderen gegenwärtig verwendeten Konservierungsstoffe haben ein deutlich höheres allergenes Potenzial“, heißt es in einer Stellungnahme, die das BfR auf Wunsch des Verbraucherschutzministeriums herausgegeben hat. Sie enthält Empfehlungen für ein Konzentrationslimit: Aufgrund der toxikologischen Daten sehe man bei Methyl- und Ethyl-Paraben eine Konzentration von bis zu 0,4 Prozent als sicher an, bei Butyl- und Propyl-Paraben sei wegen unzureichender Daten eine Beschränkung auf 0,19 Prozent ratsam. Dass Konsumenten gleichzeitig eine Palette von Kosmetika anwenden, von Shampoo und Duschgel über Rasierschaum, Cremes bis hin zu Sonnenschutzmitteln, fließe in die Bewertungen ein, versichert Blume. Die Höchstmengen, die Fachleute für unbedenklich halten, dürfte kein Konsument erreichen.

Nur in einem Bereich sei man noch vorsichtiger geworden, berichtet Blume: Der Wissenschaftliche Ausschuss Verbrauchersicherheit der Europäischen Kommission empfehle nun, dass Produkte, die bei Babys unter den Windeln aufgetragen werden, keine Parabene enthalten sollen. Weil Babyhaut noch nicht über einen ausgereiften Stoffwechsel verfügt, und sie in der Windel recht luftdicht verpackt ist, sei ein Risiko denkbar. Der Preis liegt wiederum im größeren Allergierisiko durch andere Konservierungsmittel.

Weil Dänemark trotzdem für ein umfassenderes Paraben-Verbot plädiert, stockt derzeit der EU-Gesetzgebungsprozess. Was aber ebenfalls zur Regulierung ansteht, sind Werbeaussagen für Kosmetika, die gesundheitliche Vorteile suggerieren. Und damit wird es wohl schneller gehen. Mit dem vermeintlichen Gütesiegel „parabenfrei“ könnte dann bald Schluss sein.

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