Position : „Wir können auf Tierversuche nicht verzichten“

Die Erfolge der modernen Medizin seien ohne solche Tests undenkbar - schreibt Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in einem Beitrag für den Tagesspiegel.

Günter Stock
Eine weiße Labormaus sitzt auf der Hand eines Labormitarbeiters und nagt an einem Futterstückchen.
In menschlicher Hand. Forscher wollen weniger Tierversuche machen, das Tierwohl verbessern und nach Alternativen suchen.Foto: IMAGO


Die Tatsache, dass renommierte Zeitungen, wie jüngst geschehen, eine ganzseitige Anzeige von Tierversuchsgegnern mit dem Titel „Kreiter macht eiskalt weiter“ a) unkommentiert und b) überhaupt drucken, ist schwer zu ertragen.

Die Anzeige ist ehrverletzend für alle Tierexperimentatoren, aber vor allem für den Neurobiologen Andreas Kreiter, der an der Universität Bremen erfolgreich forscht. So arbeitet er an einem Projekt, das von der Tierschutzkommission geprüft, genehmigt und entsprechend der Rechtslage vom Oberverwaltungsgericht Bremen bestätigt wurde. Genehmigte, nach wissenschaftlichen Kriterien geplante und ordnungsgemäß durchgeführte Tierversuche dürfen nicht als „Tierquälerei“ verunglimpft oder in die Nähe von James-Bond-Filmen („Lizenz zum Töten“) gerückt werden. Dies ist in einer wichtigen und seriösen Debatte, wie sie seit Jahrzehnten keineswegs nur von Tierversuchsgegnern, sondern auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft geführt wird, fehl am Platz.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen der sogenannten Grundlagen- (oder besser formuliert: erkenntnisorientierten) Forschung und der angewandten Forschung. Der Begriff „Neugierforschung“, wie er in der Anzeige verwendet wird, diskreditiert die Arbeit der Wissenschaftler auf empörende Weise. Grundlagenforschung strebt nach neuer Erkenntnis, die nicht unmittelbar zur Anwendung führen muss, aber zum Beispiel in der Medizin sehr wohl nach gewisser Zeit häufig zu neuen Medikamenten oder Behandlungsmöglichkeiten führt.

Gerade in der molekularen Medizin und der Neurobiologie sind Tierversuche unverzichtbar. Der Weg hin zu neuen Therapien ist sehr lang und komplex – Tierversuche helfen uns, Hypothesen zu entwickeln und zu überprüfen, in welcher Weise bestimmte biologische Mechanismen im menschlichen Organismus wirksam sein könnten.

So wird die Entstehung und damit die Behandelbarkeit vieler Krankheiten heute im Wesentlichen über drei Schritte aufgeklärt: Ausgangspunkt ist eine auf unserem Wissen über molekulare Vorgänge entwickelte Hypothese, die vielfach auf molekularer Ebene an einfachen Zellsystemen in vitro, also in der Petrischale, überprüft und dann an einem Gesamtorganismus von oftmals wirbellosen Tieren bestätigt wird. Besonders günstig für den Erkenntnisfortschritt ist es, wenn der Mechanismus der Krankheitsentstehung beispielsweise in genetisch veränderten Mäusen nachgeahmt werden kann. Dabei müssen nicht nur erwünschte, sondern möglicherweise auch unerwünschte, toxische Wirkungen im Gesamtorganismus geprüft werden. So soll sichergestellt werden, dass ein Wirkstoff tatsächlich mehr hilft als schadet.

Deshalb sind Tierversuche bei der Entwicklung neuer therapeutischer Maßnahmen aus Sicherheitsgründen ausdrücklich gesetzlich vorgeschrieben. Diese Tests machen bei der Medikamentenentwicklung mehr als die Hälfte aller Tierversuche aus. Erst wenn diese umfangreichen Versuche mit Tieren eine sichere und wirksame Anwendung beim Menschen erwarten lassen, darf eine erste Anwendung an gesunden Probanden überhaupt geplant und vorgenommen werden.

Günter Stock ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Günter Stock ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.Foto: Promo

Natürlich können Experimente – trotz bester Planung – auch scheitern. Dennoch: Die Qualität und Zahl der heute verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten ist, gemessen an den therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten vor 40 oder 50 Jahren, erheblich gestiegen. So können viele Krebserkrankungen, die wie die Leukämie früher tödlich verlaufen sind, heute behandelt werden. Auch für Parkinson und Multiple Sklerose gibt es zwar noch keine voll befriedigenden, aber doch die Lebensqualität deutlich verbessernden Therapien. Wer also die Fortschritte der modernen Medizin, die zum allergrößten Teil auch auf Tierversuchen beruhen, nicht sieht, will sie nicht sehen – aus welchen Gründen auch immer.

Die Debatte über den Weg zu besseren therapeutischen Maßnahmen wird nicht aufhören, aber wir sollten uns grundsätzlich bemühen, die vorliegenden Fakten zur Kenntnis zu nehmen, sorgfältig zu argumentieren und alles dafür zu tun, die Fragestellungen und die eingesetzten notwendigen Methoden so zu verfeinern, dass möglichst viele von ihnen in vitro, also an einfachen Organsystemen, beantwortet werden können. Aber es wird in der Zeit, die wir heute überblicken können, keine Möglichkeit geben, auf Tierversuche zu verzichten, wenn wir medizinischen Fortschritt wollen.

Wem das Leid der vielen Erkrankten nicht gleichgültig ist, der muss diesen möglichen Fortschritt bejahen. Im Übrigen, und dies soll kein populistisches Argument sein, auch für die Tiergesundheit und Therapie von Erkrankungen bei Tieren ist diese Art von Forschung nötig und erfolgreich.

Der Autor ist Mediziner. Er ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und der All European Academies.

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