Publikationen : "Schluss mit der Salamitaktik"

Wissenschaftler sind gezwungen, möglichst viel zu veröffentlichen – das soll sich ändern.

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Klasse statt Masse. Künftig sollen sich Forscher wieder mehr auf Qualität und Originalität konzentrieren. Foto: TU Berlin/DahlUlrich Dahl

Wenn ein Wissenschaftler die Ergebnisse seiner Arbeit veröffentlicht, sollte das eigentlich ein Höhepunkt seines Schaffens sein: Ein bahnbrechendes Werk erscheint, das die Sicht auf sein Fach verändert. Doch nicht selten ist es heute andersherum. Forscher veröffentlichen einen kurzen Aufsatz nach dem anderen und recyceln ihre Ergebnisse darin gleich mehrfach. Sie sehen sich dazu gezwungen, möglichst viele Schriften auf den Markt zu werfen: Denn bei Anträgen für Forschungsmittel hat der Wissenschaftler bessere Chancen, der die längste Publikationsliste aufweisen kann. Auch auf eine Professur wird nur derjenige berufen, dessen Schriftenverzeichnis äußerst umfangreich ist. Zuweilen erfinden Forscher sogar Titel, um ihr Werk aufzupeppen.

Dieses düstere Bild zeichnete am Dienstag Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in Berlin. Die erste Frage an einen Wissenschaftler laute heute: „Wie viel und wo haben Sie publiziert?“ Was erforscht werde, trete in den Hintergrund. Die Wissenschaft setze heute fast nur noch auf Kennzahlen, wenn sie Leistung kontrolliere, kritisierte unlängst Ulrike Felt, Präsidentin des Instituts für Wissenschaftsforschung der Uni Wien, bei einer Diskussion in Berlin. In der Forschung drehe sich alles um die Zahl der Publikationen und Zitationen oder um Ranking-Resultate.

Das gilt nicht nur bei Anträgen für Forschungsmittel oder Berufungen. Hochschulen würden quantitative Kriterien als Maßstab heranziehen, wenn sie intern Mittel nach Leistung verteilen, genauso Ministerien, wenn sie ihre Unis nach Leistungskriterien bezahlen, sagte Kleiner. Diese Entwicklung betrachte er „mit Sorge“: „Sie schadet der Wissenschaft.“ Um die Publikationsflut einzudämmen und die Qualität der Forschung wieder in den Mittelpunkt zu stellen, will die DFG – die größte Forschungsfördergemeinschaft – ab Juli für ihre Anträge neue Regeln anwenden (siehe Kasten).

Künftig dürfen Forscher nur noch fünf maßgebliche Werke anführen, auf deren Basis Gutachter ihre Leistungsfähigkeit beurteilen sollen. Bisher konnten beliebig viele Schriften aufgelistet werden, nicht selten sind es mehr als 50. Die Begrenzung bedeute einen „Paradigmenwechsel“, sagte Kleiner. Er hoffe, der Schritt werde auf das gesamte deutsche Wissenschaftssystem ausstrahlen. In den USA hat die „National Science Foundation“ ähnliche Vorgaben gemacht.

Tatsächlich steigt die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen rasant. In den letzten 15 Jahren habe sich allein die Zahl der Aufsätze von deutschen Forschern in maßgeblichen Zeitschriften verdoppelt, sagt Jürgen Güdler, Chefstatistiker der DFG. Auch weltweit verdoppelte sich die Zahl der Artikel. Güdler schätzt, die Steigerungsrate bei Aufsätzen in Sammelbänden liege ähnlich hoch. Der Trend gehe „zu kürzeren Artikeln und Hyperspezialisierung“, stellten kürzlich Experten in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fest. Vor allem auf junge Wissenschaftler würde ein „außerordentlich starker Druck“ ausgeübt, möglichst viel zu publizieren, sagte Kleiner. Betroffen sind etwa Juniorprofessoren, die binnen weniger Jahre zeigen müssen, wie forschungsstark sie sind. Besonders in den Lebenswissenschaften publizierten Forscher ein winziges Teilergebnis nach dem nächsten „in Salamitaktik“. Das Problem habe aber längst auch die Geisteswissenschaften erreicht.

Wie der Publikationsdruck Forscher zum Fälschen verleiten kann, zeigte sich vor einem Jahr an der Uni Göttingen. Wissenschaftler führten unfertige Manuskripte an, um einen millionenschweren Sonderforschungsbereich zu verlängern. Fälschlicherweise hatten sie auch angegeben, Arbeiten seien bereits bei Journalen eingereicht worden.

Ein Skandal, der sich nicht wiederholen soll, auch wenn die DFG einen direkten Zusammenhang der neuen Richtlinien mit dem Göttinger Vorfall bestreitet. Künftig dürfen Forscher nur Publikationen aufführen, die als Manuskripte vorliegen und für die Herausgeber bestätigen, dass sie in Kürze veröffentlicht werden. Wenn es um Fehlverhalten gehe, beschäftige das Frisieren von Literaturlisten die DFG inzwischen am meisten, sagte Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek – andere Vergehen, wie das Fälschen von Messergebnissen, treten in den Hintergrund.

Die neuen DFG-Vorgaben werden die Arbeitsweise in der Wissenschaft nachhaltig verändern, glaubt Ernst Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Forscher müssten sich „auf Qualität und Originalität besinnen“. Es sei zu hoffen, dass die Gutachter die Belastung durchhielten, die fünf wichtigsten Aufsätze wirklich zu lesen – schließlich würde das sehr viel mehr Arbeit bedeuten. Ansonsten könnte das Pendel bald zurückschlagen. Der Leidensdruck in der Wissenschaft sei aber groß: „Wir wollten auf Dauer nicht mehr weitermachen mit der Salamitaktik“, sagt Rietschel.

Dass auch Ministerien oder Unileitungen von quantitativen Kriterien abrücken, halten Experten für unwahrscheinlich. Sybille Hinze, stellvertretende Leiterin des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn, befürchtet daher, dass Forscher künftig zwischen beiden Extremen hin und her gerissen sein könnten. Bei der leistungsbezogenen Mittelvergabe könnte für sie weiterhin die reine Masse zählen – während sie bei der DFG nachweisen müssen, dass sie Artikel mit Substanz produzieren.

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