Raumfahrt : Stippvisite auf dem Mond

Wie die Menschheit den Erdtrabanten vor 40 Jahren eroberte - und sich dann wieder von ihm abwandte.

Thomas de Padova
Mondlandung
Zweiter. Edwin Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, wird von seinem Kollegen Neil Armstrong (im verspiegelten Visier zu erkennen)...Foto: dpa

Auf der Suche nach einer geeigneten Landestelle schwebt der „Adler“ über dem Mondboden, als sich das Kontrollzentrum in Houston meldet: Der Treibstoff reiche nur noch für 60 Sekunden aus. „Wir waren noch gut 30 Meter über dem Boden“, erzählt der Astronaut Edwin Aldrin. „Ein bisschen zu hoch für einen Ausfall der Bremsraketen.“ Alles ist für einen Abbruch des Landemanövers bereit, aber kurz bevor der Treibstoff ausgeht, setzt die Mondfähre sicher auf.

Neil Armstrong betritt am 21. Juli 1969 als erster Mensch einen fremden Himmelskörper. „Meine Schritte sinken nur ungefähr einen viertel Zentimeter ein.“ Der Mondstaub sei fein wie Puder. „Überhaupt keine Schwierigkeit, hier herumzulaufen.“ Eine halbe Milliarde Fernsehzuschauer verfolgt, wie sich nach ihm auch Aldrin durch die Luke nach draußen zwängt.

Während die beiden Apollo-Astronauten Mondgestein sammeln, Messgeräte und die amerikanische Fahne aufstellen, zweifelt kaum jemand daran, dass die Menschheit bald eine feste Basis auf dem Erdtrabanten errichten wird. In der Euphorie wird bereits über regelmäßige Reisen zum Mars diskutiert. Es sieht so aus, als würde sich der Generation Apollo der ganze Himmel öffnen.

Zwar erreichten bei nachfolgenden Missionen tatsächlich zehn weitere Astronauten den Mond, doch 1972 wurde das Apollo-Programm vorzeitig beendet. Seither hat kein Mensch mehr einen Fuß auf einen anderen Himmelskörper gesetzt. Heute fehlen der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa sogar die technologischen Voraussetzungen dazu. Während in nahezu allen Gebieten der Technik und Wissenschaft enorme Fortschritte erzielt worden sind, hat die bemannte Raumfahrt nie mehr an die Erfolge von damals anknüpfen können.

In seinem mitreißenden Buch „Moonwalker“ beschreibt der britische Journalist Andrew Smith seine seltsamen Begegnungen mit den neun noch lebenden Apollo-Astronauten. Bei fast allen ist die Katerstimmung nach dem großen Theater noch heute zu spüren. „Wenn man etwas mit aller Macht erreichen will, zerstört man es letztlich“, so Smith.

Als der amerikanische Präsident John F. Kennedy am 25. Mai 1961 das Ziel ausgab, bis zum Ende des Jahrzehnts Menschen auf den Mond zu bringen, hatte noch kein einziger US-Astronaut eine Rakete bestiegen. Nur der Schimpanse „Ham“ war in einer Mercury-Kapsel bis in 250 Kilometer Höhe geschossen worden. Ein kleiner Hopser angesichts der riesigen Entfernung des Mondes von mehr als 350 000 Kilometern.

Erfolgreicher waren die Russen seit dem Start des ersten Satelliten „Sputnik“ gewesen. Am 12. April 1961 hatte Juri Gagarin als erster Mensch im All die Erde umrundet. Mit einer Mondlandung wollte Kennedy die Überlegenheit der russischen Weltraumtechnik ausbügeln und das Vertrauen in seine eigene Regierung zurückgewinnen, nachdem die Invasion in der Schweinebucht in Kuba soeben gescheitert und zu einem politischen Debakel für ihn geworden war.

Das Apollo-Programm wurde zu einem Hauruck-Unternehmen. Immer mehr Zwischenetappen wurden gestrichen, auf dem Höhepunkt der Vorbereitungen kostete es 5,2 Milliarden Dollar pro Jahr. Wegen der enormen Ausgaben brach die einzigartige Raumfahrtinitiative nach der Mondlandung sofort in sich zusammen. Die technischen Errungenschaften jener Zeit sind heute nur noch im Museum zu sehen.

Überwältigend ist vor allem der Anblick der Saturn-V. Mit 110 Metern Länge und zehn Metern Durchmesser ist sie die größte Rakete, die jemals gebaut wurde. Wie ein gestrandeter Riesenwal aus längst vergangenen Tagen liegt sie im Johnson Space Center in Houston. Dass dieses Monstrum einmal fliegen konnte, ist für Besucher kaum noch vorstellbar.

Beim Start der Rakete in Cape Kennedy in Florida am 16. Juli 1969 lagen Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins oben an der Spitze des Kolosses. Eine kleine Kommandoeinheit sollte für die nächsten Tage ihr Schlaf- und Badezimmer sein, sie war voll gepackt mit Computer, Steuer- und Funkgeräten, mit Klimaanlage und Raumanzügen. Als die Rakete nach dem Countdown abhob, verbrannte sie mehr als 700 000 Liter Treibstoff pro Minute. 180 Millionen PS katapultierten die drei Astronauten in den Weltraum.

Was bei einem solchen Start passieren konnte, hatten die Russen dreizehn Tage zuvor erlebt. Auch sie hatten unter enormen Anstrengungen eine 105 Meter große, unbemannte Mondrakete auf die Rampe gestellt. Sie war nur 200 Meter weit geflogen und dann zu Boden gestürzt. Bei der Explosion hatte sie das ganze Startareal zerstört. Nach vier solchen Fehlstarts gaben die Russen das gesamte Projekt auf. Bis heute ist kein russischer Kosmonaut je über eine nahe Erdumlaufbahn hinausgekommen. Aber auch die Nasa verfügt inzwischen über keine Rakete mehr, die antriebsstark genug wäre, Menschen zum Mond, geschweige denn zum Mars zu transportieren.

Was also bleibt 40 Jahre nach der ersten Mondlandung außer den Erinnerungen an Armstrongs und Aldrins Pioniertat? Nur eine wehmütige Generation von Star-Trek-Fans und ein paar Kisten Mondgestein? Dass sich mit dem Apollo- Programm tatsächlich eine neue Weltsicht den Weg bahnte, wird eher begreifbar, wenn man an den Dritten im Bunde neben Armstrong und Aldrin erinnert: Michael Collins. Er blieb als einziges Besatzungsmitglied der Apollo-11-Mission im Orbit zurück.

Collins steht am Fenster des Mutterschiffs, als seine Kollegen mit der Landefähre zur Mondoberfläche hinabgleiten. Langsam verschwindet das spinnengliedrige Vehikel aus seinem Blickfeld. In hundert Kilometern Höhe fliegt er über Vulkane und Schluchten hinweg und verbringt einen Großteil der Zeit in absoluter Funkstille: hinterm Mond. Die spektakuläre Landung seiner Kollegen kann Collins nicht mitverfolgen. Er ist ganz dicht am Geschehen dran und doch außen vor. „Du bist wahrscheinlich der Einzige weit und breit, der kein Fernsehen hat“, sagt ihm ein Sprecher in Houston, als das Mutterschiff wieder einmal aus dem Schatten des Mondes heraustritt.

Aber Collins fällt bei dieser Reise eine andere Rolle zu. Während die Welt auf den Mond blickt, schaut er zurück zur Erde. Er sieht sie als marmorierte Kugel im Weltraum schweben, mit weißen, verwirbelten Wolken über tiefblauen Ozeanen. Bei jeder Runde beobachtet er, wie die Erde am Horizont des Mondes aufgeht. Ganz friedlich und ruhig habe sie ausgesehen, „vor allem aber zerbrechlich“.

Die Fotos der Apollo-Astronauten sind zum Inbegriff der Einzigartigkeit unseres Planeten geworden. Sie haben ihre Wirkung bis heute nicht verloren. Der Aufbruch des Menschen in den Weltraum wurde eine Reise zu sich selbst. Nachdem die Wissenschaft die Erde zunächst aus dem Zentrum des Kosmos verdrängt hatte, erlebten die Astronauten den Globus mit seiner dünnen Schutzhülle als Oase des Lebens. Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es in unserem Sonnensystem keinen anderen Ort, an dem Organismen länger existieren könnten. Erdähnliche Planeten in fremden Sonnensystemen harren weiter ihrer Entdeckung.

In den vier Jahrzehnten nach der Mondlandung ist die Erde selbst zum Gegenstand der Forschung geworden. Satelliten in nahen Erdumlaufbahnen ermitteln Daten über das Abschmelzen der Eisflächen in der Arktis, den Anstieg des Meeresspiegels und die Wüstenbildung. Der Blick aus dem Weltraum hat ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge geschaffen. Er hat dazu beigetragen, unseren Planeten als eine Welt gemeinsamer Risiken und einer gemeinsamen Verantwortung zu begreifen. Das ist keine geringe Leistung angesichts der Tatsache, wie klein der alltägliche Horizont jedes Einzelnen von uns ist, wie stark die Menschheit in ihrer Gesamtheit aber in die globalen Zusammenhänge eingreift und folglich in solchen Kontexten denken muss.

„Der Mond – Buzz Aldrin und Thomas Reiter im Gespräch“ von Ralf Jaumann und Ulrich Köhler (Fackelträger Verlag, 320 Seiten, 49,95 Euro) ist ein großformatiger, imposanter Bildband.

„Moonwalker“ (Fischer Verlag, 494 Seiten, 22,95 Euro) von Andrew Smith gibt faszinierende Einblicke in das Schicksal der Astronauten im Anschluss an ihre Reise zum Mond.

„Der Mond und die Abenteuer der Apollo-Astronauten“ (Herbig Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro) von Alexis von Croy besticht durch die detaillierte technische Beschreibung der Mondlandung.

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