Rheumabehandlung : Aufwachsen ohne Schmerzen

Neue Medikamente helfen Kindern mit Rheuma – ohne dass sie das Krebsrisiko erhöhen.

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Der Verdacht, dass entzündungshemmende Medikamente gegen Rheuma das Krebsrisiko von Kindern erhöhen könnten, ist neuer Studien nach unbegründet.
Der Verdacht, dass entzündungshemmende Medikamente gegen Rheuma das Krebsrisiko von Kindern erhöhen könnten, ist neuer Studien...Foto: IMAGO

Am Beginn stehen oft unerklärliche Veränderungen: Ein kleines Kind, das gerade voller Freude laufen gelernt hat, weint, sobald es ein paar Schritte tun soll, es will ständig auf den Arm, kann vielleicht die Finger nicht mehr strecken, hat entzündete, gerötete Augen und scheut das Licht. Ist schließlich die Diagnose „Juvenile idiopathische Arthritis“ klar, dann sorgt das bei der ganzen Familie für eine gewisse Erleichterung. Denn trotz aller Sorge kann dann immerhin die Behandlung endlich beginnen.

Gute Erfahrungen mit Rheumamedikamenten

Neben Substanzen, die Schmerzen lindern, und Injektionen von Kortison in die betroffenen Gelenke kommen dabei heute auch bei Kindern Mittel zum Einsatz, die langfristig wirken und die Krankheit im Idealfall sogar zum Stillstand bringen. Sie werden nicht nur häufiger, sondern auch früher im Krankheitsverlauf verordnet: Über zwei Drittel der Kinder mit einer Arthritis in mehreren Gelenken bekommen heute Basismedikamente wie Methotrexat, um der Zerstörung des Knochens Einhalt zu gebieten. Mindestens jedes dritte Kind wird mit einem Biologikum behandelt, etwa Antikörpern wie den TNF-alpha-Blockern, die den Botenstoff Tumornekrosefaktor alpha ausschalten, der bei Entzündungsreaktionen eine Rolle spielt.

Die Erfahrungen mit diesen Behandlungen sind gut. Bei der Mehrheit der Heranwachsenden kommt das Gelenkrheuma zum Stillstand. „60 Prozent unserer Patienten werden ohne Einschränkungen der Alltagsfunktionen erwachsen“, sagt Kirsten Minden, Kinderrheumatologin an der Charité und Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendrheumatologie am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum in Berlin. In der seit 2007 laufenden „Jumbo“-Studie (für: Juvenile Arthritis-Methotrexat/Biologicals-Longterm-Observation) schätzen die Teilnehmer ihre Lebensqualität deutlich positiver ein als Rheuma-Patienten, die ihre Kindheit Jahrzehnte früher erlebten. „Was sich nicht geändert hat, ist aber leider der Anteil der Patienten, die mit einer Therapie ins Erwachsenenalter gehen“, bedauert Minden. Denn bei vielen Kindern meldet sich das Rheuma nach einiger Zeit zurück, wenn die Mittel probeweise abgesetzt werden.

Therapien erhöhen Krebsrisiko nicht

Umso wichtiger ist die Frage nach den Langzeitfolgen dieser Behandlung. Die größte Sorge der Ärzte und der Eltern gilt einem möglicherweise erhöhten Krebsrisiko – infolge der Behandlung mit Methotrexat, vor allem aber mit den modernen Biologika, biotechnologisch hergestellten Medikamenten wie TNF-alpha-Blockern. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, der am Mittwoch in Bremen beginnt, wird das Ergebnis von sieben großangelegten Studien bekannt gegeben werden, die dieses Risiko untersucht haben. Ein Zusammenhang zwischen der Behandlung mit diesen Mitteln und erhöhter Krebsgefahr ist demnach nicht zu erkennen.

In die Analyse wurden auch die deutschen Biologika-Register einbezogen, die Daten von 3000 Patienten und ihrem Krankheitsverlauf zwischen 2000 und 2014 sammeln. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Minden berichtet jedoch, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen den mit dem Basismittel Methotrexat und den mit Biologika behandelten Patienten gefunden wurden.

Beunruhigte Eltern

Abschließend kann man das Sicherheitsrisiko nach 13 Jahren selbstverständlich nicht beurteilen. Das wird erst möglich sein, wenn die Patienten deutlich länger beobachtet wurden. Trotzdem sind die jetzigen Studienergebnisse eine entlastende Nachricht für Eltern, deren rheumakranken Kindern auf Dauer nur mit diesen Biologika geholfen werden kann. Sie ist umso wichtiger, als die Krankheit selbst das Risiko, Krebs zu bekommen, um das Zwei- bis Vierfache erhöht. Und zwar bei allen Kindern mit juveniler idiopathischer Arthritis. Das sei das Hintergrundrisiko, das durch die Erkrankung selbst zustande komme, erläutert Minden. „Es ist nicht leicht, die Eltern damit zu konfrontieren, denn natürlich beunruhigt es sie.“ Allerdings ist Krebs bei Kindern insgesamt sehr selten, sodass auch Kinder mit Rheuma trotz erhöhten Risikos nur selten daran erkranken.

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