Schüler Macchiarinis verlässt Klinik : Zweifelhafte Studien

Der Skandal um Paolo Macchiarini betrifft auch die Karriere seines deutschen Mitarbeiters. Philipp Jungebluth wehrt sich gegen die Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

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Unzureichende Dokumentation. Die Kommission bemängelte, dass Rohdaten und Aufzeichnungen zu den Experimenten nicht vollständig waren.
Unzureichende Dokumentation. Die Kommission bemängelte, dass Rohdaten und Aufzeichnungen zu den Experimenten nicht vollständig...Foto: rdnzl, Fotolia

Der Skandal um Paolo Macchiarini, der das altehrwürdige Karolinska-Institut in Stockholm erschüttert, schlägt weiter Wellen. Philipp Jungebluth, ein Schüler und enger Mitarbeiter Macchiarinis, ist nun nicht mehr als Assistenzarzt an der Thoraxklinik der Universität Heidelberg angestellt. Er habe die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen, bestätigte Kirsten Gerlach, Pressesprecherin der Klinik, einen Blogpost.

Macchiarini hatte zwischen 2011 und 2013 drei Patienten am Uniklinikum des Karolinska eine künstliche Luftröhre eingesetzt, die er mittels 3-D-Druck aus Plastik hergestellt und mit Stammzellen besiedelt hatte. Im „Bioreaktor Mensch“ sollte sich daraus ein Organ mit Schleimhaut bilden. Die Eingriffe wurden als Erfolg gefeiert. Dann starben zwei Patienten, eine Frau hatte Komplikationen und muss bis heute stationär behandelt werden.

Eine unabhängige Untersuchungskommission befand, dass bereits bei der Berufung Macchiarinis Warnzeichen wie schlechte Referenzen und Unstimmigkeiten im Lebenslauf übersehen wurden. In der Klinik seien ethische Standards für die Behandlung der Patienten nonchalant missachtet worden. Das Karolinska habe sich zudem schützend vor Macchiarini gestellt, als es Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens gab. So konnte der Thoraxchirurg in Russland weiter operieren.

Irreführende Präsentation der Daten

Jungebluth hat bei Macchiarini promoviert, er folgte ihm von Hannover nach Barcelona und Stockholm. Die gemeinsam verfassten Studien untersucht nun die Zentrale Ethikkommission in Schweden auf wissenschaftliches Fehlverhalten. Das erste Gutachten war verheerend: Rohdaten und Aufzeichnungen zu Experimenten mit Ratten, denen eine künstliche Speiseröhre implantiert wurde, seien unzureichend. Aus der lückenhaften Dokumentation könne man aber schließen, dass die im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlichten Ergebnisse irreführend präsentiert wurden.

Die Autoren hätten behauptet, eine funktionierende Speiseröhre geschaffen zu haben, die man Menschen transplantieren könne. Tatsächlich hätten die Ratten nach der Operation extrem abgenommen und seien in sehr schlechter Verfassung gewesen. Die Forscher wären verpflichtet gewesen, das Experiment aus Tierschutzgründen abzubrechen. Neben Macchiarini, der die Hauptverantwortung trägt, hätten Sebastian Sjöqvist und Philipp Jungebluth „Schlüsselrollen“ gespielt.

„Pauschale Statements mit ungeheuren Konsequenzen“

Jungebluth verwahrt sich gegen die Anschuldigungen. Die Kommission habe die eingereichten Daten in großen Teilen gar nicht oder nur oberflächlich eingesehen. Es sei befremdlich ist, dass es bereits ein öffentliches Statement zum Ergebnis der Untersuchung gab, bevor die angeforderten Kommentare zu den Vorwürfen vorlagen. Die Hauptautoren seien nicht befragt worden, um die Verantwortungsbereiche bei der Erstellung des Manuskripts abzugrenzen. „Stattdessen werden pauschale Statements mit ungeheuren Konsequenzen für die einzelnen Personen abgegeben“, schreibt Jungebluth in einer E-Mail. „Wir als die Hauptautoren können die Daten nach erneuter Durchsicht sehr guten Gewissens vertreten. Jedoch können bei allen aufwendigen experimentellen Arbeiten immer Dinge gefunden werden, die man in zweierlei Richtungen interpretieren kann.“

Offenbar solle nicht nur Macchiarini sondern die gesamte Gruppe diskreditiert werden, um vom Gesamtversagen des Karolinska-Instituts und des Karolinska-Krankenhauses abzulenken, meint Jungebluth. „Das Einsetzen des Verfahrens zur Tracheatransplantation war rückblickend wohl zu früh“, schreibt er zu den umstrittenen Operationen an drei Patienten. „Jedoch wurde die Entscheidung zum damaligen Zeitpunkt nach bestem Wissen und Gewissen, sowie nach Abwägung aller damaligen Möglichkeiten in interdisziplinären Ausschüssen getroffen.“

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