Schule : Abenteuer Austausch

Wie Jugendliche ein Schuljahr im Ausland zum Erfolg machen – und Enttäuschungen vorbeugen.

Günter Bartsch
Schueler
Sechzig Prozent der deutschen Austauschschüler gehen in die USA. -Foto: vario

Der Gastvater ein Alkoholiker, der nachts ins Treppenhaus uriniert. Eine Gastmutter, die sich mit Antidepressiva betäubt und plötzlich verschwindet. Und am Ende eine Krätze-Infektion: „Dieses halbe Jahr war der blanke Horror“, schreibt Rinny K. im Internetforum ausgetauscht.de über ihren Großbritannienaufenthalt. Doch auf die Hilfe ihrer Austauschorganisation hoffte die Schülerin vergeblich. Vielmehr gab es Vorwürfe, als das Sozialamt Rinny aus der Wohnung holte – keine gute Publicity für eines der größten Austauschunternehmen. Aber auch kein Einzelfall: Immer wieder gibt es Klagen über schlecht ausgewählte Gastfamilien – von Verwahrlosung bis zu sexuellem Missbrauch reichen die Vorwürfe.

Doch wie wird das Auslandsjahr ein Erfolg? Antworten auf diese Frage will der neue Qualitätsbericht des gemeinnützigen Vereins AFS Interkulturelle Begegnungen geben. Der Bericht beinhaltet die Ergebnisse von Umfragen unter AFS-Teilnehmern, ihren Gastfamilien und anderen Beteiligten. Daraus geht hervor, dass 87 Prozent der frisch zurückgekehrten Austauschschüler mit ihrem AFS-Auslandsjahr zufrieden waren. „Die Zufriedenheit mit AFS dürfte höher sein als bei anderen Organisationen“, sagt Sylvia Schill, Autorin des Ratgebers „Ein Schuljahr in den USA“.

Zwar gebe es kaum Vergleichsmöglichkeiten, weil andere Organisationen ihre Evaluationsergebnisse selten veröffentlichten. Jedoch sei die Vor- und Nachbereitung des Aufenthaltes bei AFS, wie auch bei Youth for Understanding (YFU), „extrem gut“. Eine sorgfältige Vorbereitung ist laut Schill unter anderem wichtig, um übersteigerte Vorstellungen zu dämpfen – damit es keine zu großen Erwartungen gibt, die dann enttäuscht werden könnten.

Verbesserungsbedarf gibt es aber auch bei AFS: Mit der Betreuung ihrer Kinder im Ausland waren 61 Prozent der Eltern von Austauschschülern zufrieden. Von den Gastschulen zeigten sich 60 Prozent zufrieden. Zu den aktuellen Zielen von AFS zählt daher „Mehr Service für Gastschulen“, um ihnen die Integration der Austauschschüler in den Unterricht zu erleichtern. Im Bericht werden auch Qualitätskriterien für den Jugendaustausch genannt, etwa die Gemeinnützigkeit der Austauschorganisation, Ehrenamtlichkeit und Transparenz bei Kosten und Leistungen.

Empfehlungen für oder Warnungen vor Organisationen will AFS nicht geben. Informationen zu Austauschorganisationen geben auch andere Quellen. So hat die Stiftung Warentest Preise und Leistungen der Anbieter zusammengestellt und Jugendliche nach ihren Erfahrungen mit Organisationen befragt. Auch daraus geht hervor, dass es nicht selten Probleme mit Gastfamilien gibt, die wenig sorgfältig ausgewählt wurden: So gab es Schüler, die bei alleinstehenden Rentnern untergebracht wurden, oder bei Paaren, deren Ehe gerade geschieden wurde – oder die Unterbringung in einem Wellblechcontainer. „Mit solchen Zuständen muss sich kein Austauschschüler auf Dauer zufriedengeben“, meint die Stiftung.

Ein knappes Jahr kostet laut test.de (Suchwort Auslandsjahr) zwischen 3800 und 7500 Euro. Die Tester warnen jedoch davor, die billigsten Angebote auszuwählen, da es bei diesen zu zusätzlichen Kosten kommen könne – wenn etwa Flüge und Versicherungen nicht im Preis enthalten sind.

Es muss allerdings nicht immer ein Horrorszenario sein, das dazu führt, dass sich ein Schüler in der Gastfamilie nicht wohlfühlt – oft stimmt auch einfach die Chemie nicht. Hier kommt es darauf an, dass die Austausch-Organisation vermittelt – oder sich notfalls um den Wechsel in eine andere Familie kümmert. Doch auch das klappt nicht immer reibungslos, da es oft an Gastfamilien mangelt. Anders als in den Vereinigten Staaten, wohin rund 60 Prozent der 13 000 Austauschschüler pro Jahr gehen, ist es zum Beispiel in Großbritannien durchaus üblich, die Gastfamilien zu bezahlen. „Manche Leute leben davon, das ist dort bereits ein eigener Verdienstzweig“, sagt Buchautorin Sylvia Schill. „Aber das kann natürlich auch zu Problemen führen.“

Wie die Stiftung Warentest kann auch Sylvia Schill mit keiner Rangliste dienen, welche die besten oder schlechtesten Organisationen abbildet – welche Organisation geeignet ist, hänge von persönlichen Wünschen ab. Auch sei die Gemeinnützigkeit einer Organisation allein noch kein Gütesiegel, sagt Schill. So gebe es Anbieter, welche die Gemeinnützigkeit als Marketinginstrument nutzten, wie etwa das Unternehmen Give, das einen Verein geschaffen habe, um am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (PPP), das Stipendienprogramm des Deutschen Bundestages, teilzunehmen. Hinzu kommt, dass die gemeinnützigen Organisationen den Ansturm bei weitem nicht abdecken können. Laut AFS-Bericht haben sich bei der Organisation mehr als 2400 Schüler für das Sommerprogramm 2007 beworben. Nur 1097 konnten aber mit AFS ins Ausland gehen. Um die 57 durch AFS vergebenen PPP-Stipendien haben sich 623 Schüler beworben.

Der Stuttgarter Verein Aktion Bildungsinformation (ABI) geht davon aus, dass zwei Drittel der Auslandsschuljahre ein Erfolg sind, ein Drittel nicht. Damit das Auslandsjahr kein Reinfall wird, bietet auch die Stuttgarter Organisation Broschüren mit Bewertungen der rund 60 deutschen Austauschorganisationen und außerdem eine telefonische Beratung an.

Mehr im Internet: www.afs.de/bericht (hier findet sich der AFS-Qualitätsbericht)
www.test.de (Ergebnisse unter dem Suchwort Auslandsjahr)
www.abi-ev.de

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