Schule : „Lehrer besser ausbilden“

Pisa-Papst Jürgen Baumert erklärt, wie das deutsche Schulwesen gerechter wird - und was schuld ist an den sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem

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Gut gelernt. Spielen beim Übergang aufs Gymnasium soziale Gründe eine kleinere Rolle als angenommen? Foto: Kleist-Heinrich

In keinem Land hängt der Schulerfolg so sehr von der sozialen Herkunft der Kinder ab wie in Deutschland – als zu Anfang des Jahrtausends dieses Ergebnis aus der Pisa-Studie bekannt wurde, war die Nation geschockt. An der Frage, wie diese Ungleichheit zu bekämpfen ist, scheiden sich seitdem die Geister: Ob etwa Schüler länger zusammen lernen sollten, erregt immer wieder die Gemüter.

Der Bildungsforscher Jürgen Baumert, der damals als Leiter der Pisa-Studie die bittere Nachricht überbrachte, lenkte nun bei einem Vortrag in Berlin den Blick auf einen Aspekt, der in seinen Augen in der Diskussion vernachlässigt wird. Es gebe viele Anzeichen, dass die ungenügende fachdidaktische Ausbildung der Haupt- und Realschullehrer dafür verantwortlich sei, dass sich die Leistungen gerade in der Sekundarstufe in Deutschland mehr spreizten als anderswo, sagte Baumert jetzt beim Max-Planck-Forum in der Akademie der Wissenschaften. Wenn er politisch einen Schwerpunkt setzen dürfte, um den Schulerfolg vom sozialen Hintergrund zu entkoppeln, würde er „endlich die Brachstelle Lehrerbildung“ anpacken.

Baumert stützt sich auf Erkenntnisse mehrerer Schulstudien: Während es die Grundschulen einigermaßen schaffen, die Heterogenität ihrer Schüler auszugleichen, geht die Schere weit auseinander, sobald Jugendliche auf eine weiterführende Schule kommen. Zwar spiele dabei auch die Zusammensetzung der Schüler in den verschiedenen Schulformen eine Rolle. Dennoch sei er überzeugt, dass die „Lehrerbildung einen starken Effekt“ habe, vor allem in den Naturwissenschaften, in der Mathematik und in den Fremdsprachen, sagte Baumert: „Die Gymnasiallehrer sind einfach eine Liga besser“. Im Zusammenhang mit den neuen Sekundarschulen, in denen Berlin die Haupt- und Realschulen künftig zusammenführt und die auch die meisten anderen Länder auf der Agenda haben, sei das Thema ungemein wichtig: „Solange wir nicht an die Lehrerbildung rangehen, wird auch die Schulreform nur einen begrenzten Erfolg haben.“

Die Aussicht, Haupt- und Realschullehrer künftig ähnlich wie Studienräte fürs Gymnasium auszubilden, dürfte die Politik kaum freuen: Lehrerverbände würden für Lehrer aller Schulformen die gleichen Gehälter fordern. Das wäre finanziell kaum zu stemmen, gab Baumert zu.

Insgesamt beschrieb Baumert das Entstehen der Ungleichheiten als eine Abfolge komplexer Zusammenhänge. In der Kita- und Vorschulzeit würde eher verstärkt, was Kinder an unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Anregungen aus ihren Familien mitbrächten – was auch dran liegt, dass aus sozial schwachen Familien immer noch viele Kinder gar nicht in die Kita gehen. Der von der Bundesregierung vorangetriebene Ausbau der frühkindlichen Bildung müsse daher verstärkt werden. In der Grundschule unterrichteten Lehrerinnen in einer Klasse dann oft Kinder, die in ihrem Leistungsstand „drei bis vier Jahre auseinander“ liegen. Zwar würden tendenziell auch dort die sozial Stärkeren bevorzugt. Dennoch schafften es die Grundschulen, dass Migrantenkinder ein wenig aufholen. Woran das liegt – ob es sich um einen Aufholprozess handelt, der auch ohne Förderung einsetzt, oder um wirksame Programme gegen Leseschwächen – , sei nicht geklärt.

Beim Übergang auf die weiterführende Schule spielen sich nach Meinung vieler die größten Ungerechtigkeiten ab: Besser gestellte Familien drängen darauf, ihre Kinder aufs Gymnasium zu bekommen, Lehrer bevorzugen diese Schüler ebenfalls, weil sie es ihnen eher zutrauen, auf dem Gymnasium zu bestehen. Hier zeichnete Baumert ein differenzierteres Bild. Laut einer Studie aus seinem Institut fließt die „Sozialschichtkomponente“ zu 28 Prozent in die Übergangsentscheidung ein. Zu 47 Prozent spiele die „tatsächlich gemessene Leistung“ eine Rolle, 25 Prozent mache das Urteil der Lehrer über ihre Schüler etwa beim Fleiß aus. Diese Zahlen sprächen dafür, dass es sich um einen „leistungsbasierten Prozess“ handele.

Und wie steht es mit dem gegliederten Schulsystem? Wäre eine Schule für alle besser? Diese „Gretchenfrage“ der deutschen Bildungspolitik müsse leider unbeantwortet bleiben, sagte Baumert. Es gebe „keine belastbaren Daten“, um darüber eine Aussage zu treffen. Ebenso wenig lasse sich beweisen, ob die sechsjährige Grundschule der vierjährigen überlegen sei oder umgekehrt. Tilmann Warnecke

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