Selektiver Mutismus : Stumm vor Scheu

Manche Kinder sprechen nicht mit Fremden, erstarren wenn man sie anspricht. Dabei sind sich nicht blöd, sondern nur schüchtern. Um dem Problem beizukommen hilft nur Vertrauen.

Rosemarie Stein
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Schweigsam. Kinder mit Mutismus kommunizieren über Gesten, mit Kopfschütteln, einzelnen Lauten - und später mit Zetteln. -Foto: Imago

Die Eltern merkten erst gar nichts. Ihre kleine Anna redete ja zu Hause ganz normal, hatte für ihre dreieinhalb Jahre sogar einen erstaunlichen Wortschatz. Die Erzieherinnen wunderten sich anfangs auch nicht über das stille Kindergartenkind. Vor allem wohlbehütete Muttersöhnchen und -töchterchen sind in ungewohnter Umgebung oft wochen- und monatelang sehr schüchtern, bis sie endlich auftauen. Aber Anna war nun schon fast ein halbes Jahr hier und noch immer stumm wie ein Fisch. Weder die Erzieherinnen noch die anderen Kinder hatten je ihre Stimme gehört. Als sie sich eines Tages schlimm verletzt hatte, liefen ihr lautlos die Tränen übers Gesicht.

Die Mutter fiel aus allen Wolken, als die Leiterin des Kindergartens sie auf ihre stumme Tochter ansprach. Zu Hause redete die doch wie ein Buch. Aufgefallen war nur, dass sie recht ängstlich war und sofort ins Kinderzimmer floh, wenn es klingelte. Der Kinderarzt beruhigte die Eltern, sprach von „Trotzphase“ und meinte: „Das wächst sich aus.“ Ein Irrtum: Als Anna in die Schule kam, sprach sie auch dort kein Wort, machte aber sonst alles mit, schrieb und rechnete recht gut.

Die Kinder wählen sich aus, mit wem sie reden

Ein Schulpsychologe sprach als erster von „Mutismus“ (von lateinisch mutus = stumm), genauer: von „selektivem Mutismus“. Denn bei dieser psychischen Störung sind Kinder fast nie total stumm; sie wählen sich vielmehr diejenigen aus, mit denen sie reden, und die, welche sie anschweigen. Nicht absichtlich, nicht aus Verstocktheit oder aus extremer, aber noch nicht krankhafter Schüchternheit, sondern wegen einer seelischen Blockade. Sie stehen wie unter einem Bann, fanden die Eltern heraus. Denn nun, da sie den Namen der Störung wussten, konnten sie sich aus Büchern und im Internet informieren: Selektiver Mutismus ist ständiges Schweigen von Kindern gegenüber allen Personen, ausgenommen engsten Angehörigen. Unbehandelt dauert das oft bis über die Pubertät hinaus an.

Diese Kinder können sehr wohl sprechen, aber nur mit wenigen vertrauten Menschen. Manche reden mit Eltern und Geschwistern, aber nicht einmal mit den zu Besuch kommenden Großeltern. Andere sprechen auch mit ein paar Freunden, aber nur, wenn es niemand sieht.

Der Mutismus hat verschiedene Spielarten und Grade. Es gibt Kinder, die vor jeder Form der Kommunikation mit Fremden zurückscheuen. Sie senken den Kopf und erstarren, wenn man sie anspricht. Andere machen sich geschickt auch ohne Worte verständlich, mit Kopfnicken oder -schütteln, Gesten oder sogar einzelnen Lauten, später mit Zetteln oder Tonbändern.

Mutismus ist eine Angststörung

Mutistische Kinder sind meist normal intelligent, manche leisten in der Schule sogar Überdurchschnittliches, wenn die Lehrer verständnisvoll sind und das Mündliche nicht benoten.

Betroffen sind mehr Mädchen als Jungen (3 : 2). Die Störung beginnt meist im vierten Lebensjahr (Kindergarteneintritt) oder gegen Ende des sechsten (Schulanfang). Sie ist ungefähr so häufig wie der Autismus. Die Schätzungen schwanken zwischen einem und sieben von 1000 Kindern.

Wissenschaftler deuten den Mutismus als Angststörung. Warum schweigen Kinder? Aus Unfähigkeit, Fremdheit zu überwinden, schreibt die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Nitza Katz-Bernstein, die an der Universität Dortmund ein Beratungs- und Behandlungszentrum aufgebaut hat, in einem Fachbuch. Sie bauen sich einen Schutzwall aus Schweigen gegen die als bedrohlich empfundene Außenwelt.

Überbehütende Mütter sind ein Risikofaktor

Betroffen sind oft Migrantenkinder, die aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen werden und den Sprach- und Kulturschock nicht verkraften. Risikofaktoren sind auch überbehütende Mütter, häufiger Wechsel der Bezugspersonen oder Wohnorte, allzu wortkarge Eltern, wenig Außenkontakte der Familie, plötzliche Trennung von den Eltern (etwa längere Klinikaufenthalte) und andere traumatische Ereignisse.

Der selektive Mutismus ist nicht in erster Linie eine Sprechstörung. Es ist falsch, die Kinder immer wieder direkt zum Sprechen aufzufordern; damit erreicht man nach Erfahrung der Experten genau das Gegenteil. Notwendig sind vielmehr „vertrauensbildende Maßnahmen“, Ermutigung, Stärkung der Selbstsicherheit. Die Therapie darf also keineswegs allein darauf abzielen, das Kind zum Sprechen zu bringen.

Das A und O ist eine gute Beziehung zur Kinderpsychotherapeutin. Eine geeignete zu finden, ist aber schwierig. Katz-Bernstein nennt die nötigen Qualitätsmerkmale, zum Beispiel professionelle Reife, Erfahrungen mit der Mutismusbehandlung, flexible und individuelle Anwendung verschiedener Methoden, Vermittlung von Sicherheit, Motivation des Kindes zur Mitarbeit, Kooperation mit Eltern, Erziehern und Lehrern. Eine geduldige und konsequente Therapie führt meist irgendwann zum Ziel.

Buchtipps: Reiner Bahr: Wenn Kinder schweigen. Redehemmungen verstehen und behandeln. Walter-Verlag Düsseldorf, 157 Seiten, 14,90 Euro.
Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern. Ernst Reinhard-Verlag München, 249 Seiten, 24,90 Euro.

Suchdienst der Psychotherapeutenkammer: 030-88714020.
Verein „Stillleben“, Hilfe für Eltern, Ärzte und Pädagogen unter 0511-1296580.

Mehr im Internet unter:
www.psych-info.de
www.selektiver-mutismus.de
www.mutismus.de
www.selectivemutism.org (in englischer Sprache)

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