Semesterbeginn : Lernen, wo es lang geht

Cum Tempore, Campus-Management und Opac: Mentoren geben Tipps für die ersten Schritte an der Uni.

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Orientierungslos? Wer neu ist an der Hochschule, sollte keine Einführungsveranstaltung auslassen.
Orientierungslos? Wer neu ist an der Hochschule, sollte keine Einführungsveranstaltung auslassen.Foto: FU Berlin/Ausserhofer

Um kurz vor zwei Uhr nachmittags ist der Hörsaal 1a der Freien Universität fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Einführungsveranstaltung für Lehramtsstudenten steht auf dem Plan. Nur: Um sieben Minuten nach zwei hat sich vorne auf dem Podium noch immer nichts getan. Die ersten blicken auf die Uhr. Da greift Gerd Heursen zum Mikro und erklärt eine dieser vielen Eigenheiten des universitären Kosmos, die das erste Semester so schwierig machen. Um 14 Uhr, sagt der Leiter des Studienbüros im Zentrum für Lehrerbildung, das heißt an der Uni meist um Viertel nach, also „cum tempore“, mit Zeit. Es sei denn, die Anfangszeit ist explizit anders gekennzeichnet, als „s.t.“ oder sine tempore, also pünktlich. Alles klar?

Auch zwei Stunden später ist die Antwort bei vielen wohl eher: „Nein“. An das Gefühl allgemeiner Verwirrung direkt nach der Einführungsveranstaltung kann sich auch Christoph Janke gut erinnern, obwohl das inzwischen ein Jahr her ist. Polyvalentes Studieren? Workload? Leistungspunkte? Dem Abiturienten aus Staaken schwirrte der Kopf. Doch glücklicherweise war er mit seinen Fragen nicht allein. Denn da war Anne. „Das rettende Seil“, wie Janke heute sagt.

Anne Pacula ist eine von rund 30 Mentorinnen, die im Fachbereich Erziehungswissenschaften die Uni-Neulinge durch das erste Semester lotsen. Das Mentorenprogramm des Fachbereichs Erziehungswissenschaften gibt es seit acht Jahren – und es ist nicht das einzige an der FU. Die Unileitung will alle Projekte in ein campusweites Programm überführen, das 2011 starten soll. Auch an der Humboldt-Uni gibt es etliche Programme, in denen ältere Studierende den Neuankömmlingen helfen.

All diesen Initiativen liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die ersten Wochen an der Universität schwierig sind – und die Erstsemester wertvolle Studienzeit verlieren, etwa, weil sie wichtige Ansprechpartner nicht finden. „Wir wollen den Erstsemestern bei einem reibungslosen Start an der Uni helfen“, sagt Hansjörg Neubert, FU-Professor am Fachbereich für Erziehungswissenschaft, der das dortige Mentorenprogramm initiiert hat. Seitdem haben jedes Semester 300 bis 350 Studierende teilgenommen, also etwa die Hälfte der angehenden Lehrer, die jedes Jahr neu an die Uni kommen. Gleich in der Einführungswoche melden sich die Studierenden für das Programm an und werden dann in kleinen Gruppen auf die Mentoren verteilt, die sich mindestens drei bis vier Mal pro Semester treffen.

Hilfreich. Mentorin Anne Pacula berät Chemiestudent Christoph Janke.Foto: Thilo Rückeis
Hilfreich. Mentorin Anne Pacula berät Chemiestudent Christoph Janke.Foto: Thilo Rückeis

Für Janke begann das Studium mit der Frage: Wo ist eigentlich die FU? Ursprünglich wollte er in Potsdam studieren. „Dort schien mir alles irgendwie kleiner, zentraler und überschaubarer“, erzählt er. Als es dann doch die FU wurde, musste er erst einmal auf den Stadtplan schauen – in diesem Teil von Berlin war er noch nie gewesen. Die Koordinatorin des Mentorenprogramms Diana Burkhardt rät, sich gleich am Anfang schlau zu machen, welche U-Bahn-Station in der Nähe welcher Gebäudeteile liegt, um Wege zu sparen.

Doch auch, wer die Gebäude erreicht hat, ist noch längst nicht am Ziel. Auch Christoph Janke musste feststellen, dass es auch innerhalb der FU „Straßen“ gibt, die durchnummerierten Gänge der FU. Dazu kommt ein verwirrendes System von Räumen, deren Nummern etwa mit eins beginnen, die man aber dennoch im Erdgeschoss findet. „Eigentlich liegt auch hier alles nahe beieinander“, sagt Janke. „Aber um das zu verstehen, muss man sich erst einmal auskennen.“ Diana Burkhardt lacht. „Manche haben einen besseren und manche einen schlechteren Orientierungssinn. Bei mir hat es bis zum dritten Semester gedauert, bis ich mich zurecht gefunden habe.“

Eine weitere Hürde ist für viele der erste Stundenplan. „In der Schule hat man ja immer genau gesagt bekommen, wann man wo zu sein hat“, sagt Christoph Janke. „An der Uni muss man viele Entscheidungen selbst treffen.“ Das hat sich auch mit der Bologna-Reform nicht geändert. Zwar gibt es in den meisten Fächern einen exemplarischen Studienverlaufsplan, viele möchten allerdings hier und da davon abweichen – aus Interesse oder weil sie nebenbei jobben müssen. „Wir empfehlen unseren Mentees trotzdem, immer so nah wie möglich am Regelstudienplan zu bleiben. Sobald man da raus ist, ist die Überschneidungsfreiheit nicht mehr gewährleistet“, sagt Burkhardt.

Probleme bereitet beim Basteln des Stundenplans auch das Campusmanagement-System. „Das ist noch jung und hat ein paar Kinderkrankheiten“, sagt Diana Burkhardt. „Für die Erstsemester ist das natürlich besonders schwierig.“ Christoph Janke bereitet das System auch im dritten Semester noch Kopfzerbrechen. „Als ich dieses Mal meinen Stundenplan gemacht habe, hat mir das System Veranstaltungen vorgeschlagen, die gar nicht im exemplarischen Studienverlaufsplan vorgesehen waren“, sagt er. Da hat er sich wieder einmal an Anne gewandt.

Ist das Semester erst einmal gestartet, geht es in den Mentorengruppen vor allem um die Arbeitstechniken, etwa darum, wo und wie man die notwendige Literatur findet, wie man ein Referat hält oder eine Hausarbeit schreibt. Generell gilt: Vor jedem Referat und jeder Hausarbeit steht die Literaturrecherche. Nach dem Campusmanagement muss man sich in ein zweites Computersystem einarbeiten, den „Opac“. Das ist der Online-Katalog, über den sich die Bestände der Unibibliothek erschließen. Wie es geht, erfährt man in Tutorien oder Bibliotheksführungen. Für Referate meldet man sich am besten frühzeitig – dann kann man sich das beste Thema aussuchen und die interessantesten Kommilitonen für die Gruppenarbeit. Moderne Präsentationstechniken kommen gut an: Mindestens sollte man Folien oder ein paar Bilder zeigen, am besten ist eine gehaltvolle Powerpoint-Präsentation zur Begleitung des Vortrags.

Die Beziehung zwischen Mentor und Mentee ist aber nicht nur eine technische, sondern auch eine persönliche. „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, die Mentees zu beruhigen“, sagt Anne Pacula. In ihrem Fach, Biologie, kommt zum Beispiel jedes Semester das Gerücht auf, es gebe nicht genug Plätze im Chemiepraktikum. Auch Christoph Janke hat in seinem ersten Semester davon gehört. „Aber Anne hat gesagt: Ruhe bewahren, bislang hat der Fachbereich das noch jedes Mal geregelt.“ Und so war es dann auch.

„Die Erstsemester brauchen vor allem viel Zuspruch und Trost“, ist sich Anne Pacula sicher. Manche suchen noch ein Zimmer, andere haben Geldprobleme oder müssen Job und Uni unter einen Hut bekommen. Die Mentorengruppen sind daher auch Selbsthilfegruppen, aus denen sich oft bleibende Freundschaften entwickeln. „Wir sind schließlich Leidensgenossen“, sagt Janke. Das Wichtigste, was er aus seiner Gruppe mitgenommen hat, war außer den neuen Kontakten aber noch etwas anderes, nämlich eine Gewissheit: „Man kann das alles schaffen.“

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