Serie: Gender in der Forschung (1) : Keine Angst vorm bösen Gender

Gegen die Geschlechterforschung wird massiv gehetzt – aber an den Fakten vorbei. Worum es in den Gender Studies wirklich geht.

Ilse Lenz
Gender ist an allem schuld. Während interessierte Kreise versuchen, die Geschlechterforschung auch mit Falschbehauptungen zu verunglimpfen, halten die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder der Wissenschaftsrat sie für unabdingbar.
Gender ist an allem schuld. Während interessierte Kreise versuchen, die Geschlechterforschung auch mit Falschbehauptungen zu...Foto: picture alliance / dpa

Nicht nur anonym im Internet, auch in Qualitätszeitungen wird die Genderforschung regelmäßig als „Genderwahnsinn“ attackiert, werden Geschlechterforscherinnen und -forscher diffamiert. Genderforschung verleugne beim Thema Frauen und Männer die biologischen Fakten, heißt es. Sie sei darum keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie mit dem Ziel der geschlechterlosen Gesellschaft. – Aber stimmt das? Wir haben Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gebeten, uns einen Beitrag zur Genderforschung aus ihrer jeweiligen Disziplin zu schreiben. In der nächsten Zeit veröffentlichen wir die Texte in loser Folge. (Tsp)

Früher waren die Weiber schuld, dann war es der Feminismus und heute sind es Gender und die Genderforschung. Kleine, aber stimmgewaltige Kreise greifen die Genderforschung seit einiger Zeit heftig an und fordern ihre Abschaffung. Sie sei unwissenschaftlich, pervers, aus ihr spreche Männerhass oder gleich Wahnsinn („Gender-Gaga“). Die Kritiker sind politisch zumeist im neoliberalen, rechtskonservativen und rechtsextremen Spektrum zu Hause. Sie befinden sich in fundamentalistischen kirchlichen Gruppen, unter „Männerrechtlern“, in der AfD oder bei Pegida, aber durchaus auch in der „bürgerlichen“ Presse. Einige schrecken vor Hass und Drohungen bis zu Mord und Vergewaltigung nicht zurück.

Wissenschaftsferne Hassprediger wollen festlegen, was Wissenschaft sein soll

Selbstverständlich ist Kritik an der Geschlechterforschung wichtig und willkommen, aber sie sollte auf ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung beruhen. Diese haben die deutschen Wissenschaftsinstitutionen wie die Universitäten, die relevanten Fächer und die DFG vollzogen. Im Ergebnis haben sie die Geschlechterforschung nach langen Debatten und einer Reihe von Evaluierungen aufgenommen und institutionalisiert. Man wundert sich schon über selbst ernannte wissenschaftsferne (Hass-)Prediger, die beliebig festlegen wollen, was „unwissenschaftlich“ sein soll. Wie steht es angesichts der massiven Abwertungs- und Abschaffungskampagne und besonders der Bedrohung von Forscher_innen heute um die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Forschung in der Bundesrepublik?

Dabei ist die Geschlechterforschung grundlegend, um Gesellschaften und besonders ihren gegenwärtigen Wandel zu verstehen. Seit jeher werden über Geschlecht Macht, Chancen und Ressourcen verteilt – Geschlecht bildet also zum einen eine Strukturkategorie für soziale Ungleichheit. Zum anderen wird diese Ungleichheit oft mit der Geschlechterdifferenz begründet. Die Genderforschung trennt diese Fragen nach Geschlechterungleichheit und -unterscheidung analytisch, auch wenn sie zusammenhängen.

Dass "Biologie" wichtig ist, stellt die Genderforschung nicht infrage

Die Genderforschung stellt nicht infrage, dass es „die Biologie“ gibt und sie eine wichtige Bedeutung hat. Aber sie hat beobachtet, wie unterschiedlich biologische Zusammenhänge kulturell interpretiert und gestaltet werden. So hat Geschlecht eine grundlegende Bedeutung für die Versorgung von Kindern, aber zugleich zeigt sich eine hohe Variabilität zwischen den Kulturen. Bei den Trobriandern im Südpazifik etwa fütterten und betreuten herkömmlich die Väter ihre Kinder. In der Moderne wurde demgegenüber die Kinderversorgung als biologische Rolle der Frau und Mutter zugeschrieben. Damit wurde ihre Abhängigkeit vom männlichen Ernährer und Familienvater begründet und im Familienrecht festgeschrieben. In anderen Worten wirkte die Geschlechterunterscheidung nun als Legitimation von Ungleichheit. Die Geschlechterforschung hat die weltweiten Variationen von Gender und die damit verbundenen Machtverhältnisse untersucht und sie hat daraus geschlussfolgert: Im Zusammenhang mit Geschlecht zeigen sich ganz unterschiedliche soziale Strukturen, es wird also: sozial gestaltet oder konstruiert.