Sexualwissenschaftler Sigusch : „Im Bett mehr als ein Ziegenbock“

Liebe in Zeiten der "neosexuellen Revolution": Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch spricht mit dem Tagesspiegel über neue Freiheiten und neues Elend.

Inszenierung des „Selfsex“. Viele Tabus sind in den westlichen Gesellschaften gefallen. Ein Backlash ist aber möglich. Folgen die Leute in der Wirtschaftskrise einem charismatischen Blender, ist wieder mit dem Schlimmsten zu rechnen, sagt Volkmar Sigusch.
Inszenierung des „Selfsex“. Viele Tabus sind in den westlichen Gesellschaften gefallen. Ein Backlash ist aber möglich. Folgen die...Foto: dpa

Volkmar Sigusch, Jahrgang 1940, war von 1973 bis 2006 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Der Arzt und Soziologe gilt als Begründer der deutschen Sexualmedizin und ist weltweit einer der renommiertesten Sexualforscher. Soeben ist sein neues Buch erschienen: „Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit“ (Campus, 294 S., 24,90 Euro).

Herr Sigusch, seit mehr als 40 Jahren arbeiten Sie als Sexualwissenschaftler. Können Sie nach so vielen Jahren überhaupt noch auf den Punkt bringen, was Sexualität ist?

Der Begriff Sexualität bildete sich vor etwa 200 Jahren heraus, interessanterweise nur bei uns in Europa und in Nordamerika. Er zwang zahllose Erregungen, Wonnen und Gefühle unter einen Hut und verdrängte alle alten Begriffe wie Venus und Nisus. Letztlich ist unsere Vorstellung von Sexualität eine sehr begrenzte. Und als Praxis ist sie das Resultat eines kontrollierenden Prozesses. Das Ziel waren schließlich gefühls- und triebgedrosselte Menschen, die in der aufkommenden Industriegesellschaft mit Pflichtschulen und Dauerarbeit einigermaßen verlässlich funktionieren.

Die These, mit der Sie in den letzten Jahren sehr bekannt wurden, handelt aber eher von einer Triebentfesselung. Sie sagen, dass eine „neosexuelle“ Revolution stattgefunden habe. Im Zuge dieser Revolution seien die meisten der früher für tabu oder pervers gehaltenen Formen von Sexualität und sexueller Identität gesellschaftsfähig geworden.

Ja, das stimmt und gilt zum Beispiel mehr oder weniger für die Jugend- und die Alterssexualität, für den Transvestitismus, den Sadomasochismus, verschiedene Formen des Fetischismus. Nur die Kindersexualität und die Pädosexualität sind weiterhin tabu. Dass die Gesellschaft in sexueller Hinsicht so liberal werden konnte, liegt ohne Frage an der ungeheuren Kommerzialisierung und Mediatisierung vordem privater und verborgener Lebensbereiche. Denken Sie nur daran, was heute im Fernsehen oder über das Internet zu sehen und zu kaufen ist. Jeder kann dort seine kleine Perversion oder sehr spezielle Vorliebe öffentlich ausstellen und ausleben, das geht vom Voyeurismus bis hin zur Sodomie.

Sie schreiben aber auch, die Entwicklung sei eine von „freier Unfreiheit zu unfreier Freiheit“. Was genau meinen Sie damit?

Ich will damit sagen, dass die Verhältnisse paradox sind. Entlastet sind die Menschen, weil für den Gang der Gesellschaft immer belangloser ist, was sie tun und denken. Deshalb können sich sexuelle Orientierungen und Lebenswelten pluralisieren. Zugleich aber sind die Menschen belastet, weil alle überkommenen Lebensentwürfe und Kontinuitäten infrage gestellt werden. Die Liberalisierungen führen keineswegs automatisch zu einem sexuell erfüllten Leben. Nein, das sexuelle Elend in diesem Land ist nach wie vor gewaltig groß. Viele Menschen sind einsam, viele sind lustlos, viele fühlen sich nicht verstanden.

Der Preis, den wir für die Liberalisierung zahlen, ist allerdings, dass Sex harmlos und banal wird, ein buntes Konsumgut eben. Glauben Sie wirklich, dass ein Verbot notwendig zur Lust gehört?

Ich denke, die alten Verbote haben das Sexuelle groß gemacht, beinahe unerreichbar. Das berichten übrigens immer wieder Menschen, die in Ländern gelebt haben, in denen sie als Sexualsubjekte verfolgt worden sind. Konnten sie doch ihre Sexualität leben, war das Erlebnis überwältigend. Das, was ich jederzeit machen kann, verliert seinen einzigartigen Reiz, weil ich es ja auch morgen oder übermorgen machen könnte.

Der Sexualforscher Reimut Reiche sagt aber, die Menschen hätten im Grunde dieselben Ängste und Zwänge wie vor 50 Jahren.

Er sagt sogar: wie vor 100 und 200 Jahren. Das sehe ich anders. Reiche wendet noch die freudsche Sexualtheorie an, die jetzt mehr als 100 Jahre alt ist. Ich denke, wir brauchen eine neue Sexualtheorie. Vieles hat sich einschneidend verändert. Denken Sie nur daran, wie wirksam heute die Sphären Fortpflanzung und Sexualität getrennt sind, wie stark die Ehe durch andere Lebensformen zurückgedrängt worden ist, wie stark und bestimmend heute junge Frauen sind, wie sehr bei uns die Homosexualität anerkannt ist und so weiter. Davon haben die Sexualreformerinnen und -reformer noch in den 1960er Jahren geträumt. Für Freud dagegen war selbst der Mundverkehr pervers. Auch sind die Menschen heute sehr viel stärker auf sich selbst bezogen, nicht wie früher auf ihr Dorf und ihre Familie. Daher rede ich ja auch von „Selfsex“ und „Selfgender“. Love Parades sind übrigens die perfekte Inszenierung des „Selfsex“.

Sie sprechen auch davon, dass im Zuge der neosexuellen Revolution Männer und Frauen sich angleichen und dass die Heterosexualität sich homosexualisiert. Wie sehen Sie die Zukunft des Geschlechtsunterschieds? Können Sie sich vorstellen, dass die Geschlechter – wie Simone de Beauvoir es sich wünschte – „geschwisterlich“ zusammenleben?

Dann wäre die Luft raus. Nein, der Reiz der Geschlechterverhältnisse liegt in den Differenzen, im Geschlechtsunterschied. Leider haben wir ja offiziell nur zwei Geschlechter. Tatsächlich sind es aber äußerlich mindestens zehn, innerlich aber so viele wie es Menschen gibt, genauer gesagt: wie es Geschlechts- und Sexualsubjekte gibt. Kein Geschlechtswesen ist mit dem anderen identisch. Und Homosexualisierung der Heteromänner meint ja Zivilisierung, also die Gefühle der Partnerin ernst nehmen, im Bett mehr als ein Ziegenbock sein, die Unterhose wechseln und häufiger als einmal im Monat duschen.

Glauben Sie, dass der Prozess der „Neosexualisierung“ auch wieder umzukehren wäre? Wäre eine neue Prüderie, ein Backlash denkbar?

Ja, ich denke, bei einer anhaltenden und einschneidenden Wirtschaftskrise müssen wir nach wie vor mit dem Schlimmsten rechnen, vor allem wenn ein charismatischer Blender als Sanierer und Verfolger auftritt. Sektenmäßig gibt es Tendenzen in Richtung Prüderie und Abstinenz natürlich jetzt schon, etwa in den USA.

Eine Ihrer starken Thesen ist, dass von der politischen Sprengkraft her heute Gewalt an die Stelle der Sexualität getreten ist. Warum glauben Sie das?

Heute ist allerlei erlaubt, es stellt sich aber oft nicht der ersehnte Kick ein, sondern eher Leere und Depression, weil nicht mehr zu übersehen ist, wie unlebbar die Vorlieben sind oder wie unfrei sie eigentlich machen. Wenn das Sexuelle an Reiz verliert, suchen Menschen in einer Erlebnisgesellschaft einen anderen Thrill. Nach meiner Beobachtung gibt es zunehmend junge Männer, die sich am Wochenende zu Gewalttaten zusammenrotten, um aus sich und ihrem Leben voller Langeweile, Missachtung und Neid herauszutreten. Bei ihnen geht es nicht um Libido und Liebe, sondern um Destrudo und Hass.

Man hat manchmal den Eindruck, dass Sie zwei Siguschs in sich vereinen müssen. Der eine konstatiert trocken die neuen Sexualformen und redet vom Ende des sexuellen Zeitalters. Der andere scheint dennoch um alte Ideale zu trauern und an etwas Ursprünglicheres zu glauben.

Wenn Sie zwei Siguschs hören, dann habe ich ja der allgemeinen Paradoxie Genüge getan. Ja, ich kann mich nicht ganz frei machen von der alten Vorstellung, dass das Erotisch-Sexuelle aus der tagtäglichen Hölle des Kalkulierens und Vernichtens herausführen könnte – ins Paradies kindlichen Wohligseins, an den bewusstlosen Ursprung körperlich-seelischer Einheit.

Sie sprechen von Liebe als einem großen Fetisch. Man ist sich nie ganz sicher, wie Sie das eigentlich meinen. Der Fetisch ist doch immer eine Verblendung und gleichzeitig scheint eine Wahrheit in ihm zu liegen. Glauben sie an die Liebe?

Ja, ich glaube an die Liebe, weil einem in unserer Gesellschaft auch gar nichts anderes übrig bleibt. Die Liebe ist insofern ein einzigartiges, kostbares Gut, als sie weder produziert noch gekauft werden kann. Ja, ich sage sogar, sie ist für ein Leben wichtiger als Sex. Ihren Fetischcharakter – das heißt ihre Art und Weise in unserer berechnenden Gesellschaft – kann sie aber nicht ganz abstreifen.

Für Sie ist Sexualwissenschaft notwendigerweise politisch. Ein großes Anliegen war immer, differente Sexualformen nicht vorschnell zu pathologisieren und der Gesellschaft, den „Normopathen“, den Spiegel vorzuhalten. Wenn nun aber heute fast alles möglich ist, erübrigt sich dann nicht auch die kritische Sexualwissenschaft?

Nein, ganz und gar nicht. Die sexuelle Sphäre ist ja jetzt nicht für die nächsten Jahrhunderte erstarrt. Die Frage, wie Begehren und Leidenschaft umcodiert und wohin sie verschoben werden, stellt sich immer neu. Geschlechts-, Sexual- und Liebesleben vollziehen sich nicht nach einmal entdeckten Seelen- oder Naturgesetzen. Und wie schon gesagt: das sexuelle Elend ist nach wie vor groß. Neue Süchte werden durch das Internet produziert. Neue Sexual- und Geschlechtsformen zeichnen sich ab. Kritische Sexualwissenschaft tut also weiterhin not.

Das Gespräch führte Andrea Roedig.

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