Skandal : Schönschreiber

Die US-Pharmafirma Wyeth schmuggelte PR-Texte in Fachblätter. Nach Ansicht von Gerd Antes vom deutschen Cochrane-Zentrum ist diese Methode keine Ausnahme, sondern weit verbreitet.

Ralf Nestler

Das war eine gute Nachricht: Gegen typische Beschwerden der Wechseljahre wie Herzrasen und Hitzewallungen helfen Hormonpräparate. Also verschrieben zahlreiche Ärzte die Arzneien – und Millionen Frauen nahmen sie dankbar an. Vor sieben Jahren zeigte jedoch eine Langzeitstudie mit 17 000 Teilnehmerinnen, dass die Präparate das Risiko für Brustkrebs und Herzinfarkt erhöhen. Die Untersuchung wurde deshalb sogar abgebrochen. Und trotzdem erschienen weiterhin Fachartikel, in denen die Hormonersatztherapie positiv dargestellt und Nebenwirkungen heruntergespielt wurden.

Wie es dazu kam, zeigt ein aktueller Bericht der „New York Times“. Gerichtsdokumente belegen demnach, dass der US-Pharmakonzern Wyeth, Hersteller solcher Präparate, bis 2005 mehrere dieser unausgewogenen Artikel von einer PR-Firma schreiben ließ, die dann im Namen „echter“ Wissenschaftler veröffentlicht wurden. Insgesamt 26 Beiträge hätten es demnach in durchaus anerkannte Fachzeitschriften geschafft.

Für den Leiter des Cochrane-Zentrums in Freiburg, Gerd Antes, ist diese Nachricht nicht überraschend: „Das tendenziöse Verfassen von Fachartikeln ist gängige Praxis.“ Er kennt die Publikationspraxis genau. Täglich werten Antes und seine Mitarbeiter zahlreiche Studien zu bestimmten Themen – etwa Hautkrebs oder Herzinfarkt – aus, um einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu geben. Wenn aber mehrere Einzelstudien beeinflusst seien, werde auch das Gesamtergebnis ein falsches Bild zeigen, sagt er.

Der New York Times zufolge sagte der Wyeth-Sprecher, die Artikel seien wissenschaftlich korrekt. „Wenn jemand für einen Artikel viel Geld bezahlt, dann will er, dass dieser Beitrag in seinem Sinne formuliert ist“, sagt Antes. Es gebe zahlreiche Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Fachartikeln den gewünschten „Dreh“ zu geben. Auch in Deutschland.

Er ist sich deshalb sicher, dass die jetzt bekannt gewordene Praxis nicht nur bei Wyeth angewandt wird. Welcher Anteil der von seiner Arbeitsgruppe bearbeiteten Studien manipuliert sei, kann er nicht konkret benennen. „Es gehört zu unserer Arbeitsweise, dass wir nur Daten bekannt geben, die wir durch fundierte Studien ermittelt haben.“ Generell könne man namhaften Fachzeitschriften eher vertrauen, weil sie eingereichte Manuskripte strenger prüfen.

Eine gesunde Skepsis sei aber immer angebracht, sagt Antes. „Dass interessengesteuerte Interpretationen flächendeckend in Manuskripten zu finden sind, ist den Herausgebern der großen Journale bestens bekannt.“ Deshalb würden die Anforderungen an die Autoren ständig verschärft. Antes gehen sie aber noch nicht weit genug. „Alle Informationen über die Hintergründe eines Artikels müssen offengelegt werden“, fordert er. „Autoren, die nicht originär mit Forschung zu tun haben, müssen explizit als solche genannt werden.“ Und Verstöße müssten endlich geahndet werden. „Unehrliche Autoren versuchen es bei vielen Journalen. Das Schlimmste, was ihnen bisher geschehen kann, ist, dass sie mit dem Manuskript nicht durchkommen.“ Besser wäre es aus seiner Sicht, wenn Manipulationsversuche öffentlich gemacht würden und beispielsweise die Autoren von der betroffenen Zeitschrift gesperrt würden.

„Die gezielt tendenziöse Darstellung von Studienergebnissen ist kein Kavaliersdelikt“, sagt er. „Wer das Bild eines medizinischen Zusammenhangs systematisch verzerrt, ist verantwortlich für Krankheit oder gar Tod unschuldiger Menschen.“ Ralf Nestler

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