Wissen : Sparen und aufsteigen

Brandenburgs Hochschulen 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Positive Bilanz an der Viadrina

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Anspruch. Die Uni Potsdam profiliere sich als „mittelgroße Spitzenuniversität“, lobt Ministerin Münch.Foto: Uni Potsdam/Karla Fritze Foto: ddp
Anspruch. Die Uni Potsdam profiliere sich als „mittelgroße Spitzenuniversität“, lobt Ministerin Münch.Foto: Uni Potsdam/Karla...Foto: ddp

Die brandenburgische Wissenschaftsministerin Martina Münch nutzte die Eröffnung des akademischen Jahres an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), um eine Bilanz über 20 Jahre Hochschulen in Brandenburg zu ziehen. Seit den Zeiten des ersten Wissenschaftsministers Hinrich Enderlein sollten die Fachhochschulen und Universitäten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung der Regionen leisten. Dieser Auftrag gilt bis heute über alle Regierungskoalitionen hinweg. Seit 1992 sind 1,3 Milliarden Euro in den Hochschulausbau investiert worden. Aus der geringen Zahl von 6900 Studenten im Jahr 1992 sind inzwischen 50 000 Studierende geworden.

Ausrechnet im Jubiläumsjahr aber müssen die Universitäten empfindliche Kürzungen hinnehmen: Unter dem Spardiktat des Finanzministers zieht ihnen Münch insgesamt zehn Millionen Euro aus den universitätseigenen Rücklagen ab. Doch das sollte die Feststimmung selbst bei den an der Viadrina anwesenden Hochschulchefs nicht trüben: Angesichts der 20-jährigen Erfolgsgeschichte wurde an diesem Tag über die Streichungen geschwiegen.

Zum Ende der DDR-Zeit hatte Brandenburg gerade einmal drei Hochschulen, und mit ihnen war wahrlich kein Staat zu machen. Die Pädagogische Hochschule in Potsdam war als führende Ausbildungsstätte für die künftigen Lehrer in der DDR ideologisch belastet. In Cottbus gab es eine jener Spezialhochschulen, die der DDR den mittleren technischen Fachkräftebedarf für Bauingenieure liefern sollte. Nur in Babelsberg hatte die damalige Filmhochschule einen über die DDR hinausreichenden Ruf.

Heute hat Brandenburg neben der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg drei Unis und fünf Fachhochschulen. Sie wurden alle in der kurzen Zeit nach der Wende bis 1991/92 gegründet: Aus der PH Potsdam entstand die Universität, die heute von der Zusammenarbeit mit dem Geoforschungszentrum und weiteren naturwissenschaftlichen Instituten profitiert und mit dem Wissenschaftspark Golm ein erfolgreiches Gegenstück zu Adlershof geschaffen hat.

Aus der Spezialhochschule in Cottbus wurde unter Mithilfe von Ingenieurwissenschaftlern aus Berlin und Dresden eine vollwertige TU. Die Viadrina, die heute als das Beispiel für den Brückenschlag nach Polen gilt, musste überhaupt erst nach 180 Jahren Tiefschlaf erneut ins Leben gerufen werden. 1811 war sie geschlossen worden, weil das arme Preußen alle Kräfte für die Gründung der Berliner Universität benötigte.

In Zeiten eines tiefgreifenden demografischen Wandels wird es für die brandenburgischen Hochschulen künftig nicht leichter. Bereits heute rechne die Regierung mit einem Rückgang der Steuereinnahmen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2020, sagte Ministerin Münch. Dann ist der Solidarpakt zwischen westdeutschen und ostdeutschen Ländern ausgelaufen. Der Landesetat wird voraussichtlich von zehn auf acht Milliarden Euro schrumpfen. Und wenn der Studentenberg abgebaut ist, werden den Hochschulen die Bund-Länder-Mittel aus dem Hochschulpakt fehlen. Dennoch solle es in Brandenburg bei der Priorität für Bildung, Wissenschaft und Forschung bleiben, betonte Münch.

Die Unipräsidenten wollten denn auch nicht über Kürzungen jammern, sondern über Erfolge sprechen. Viadrina-Präsident Gunter Pleuger kündigte „mehrere Vorhaben“ in der Exzellenzinitiative an. Daneben unterstützt das Land den Aufbau eines Kompetenzzentrums für interdisziplinäre Polenstudien. Und die Viadrina will sich nun auch nach Russland öffnen. Kooperationsverträge mit der Kant-Universität in Kaliningrad (Königsberg) und der Universität Thorn seien bereits geschlossen, sagte Pleuger.

Die TU Cottbus zieht nach den Worten ihres Präsidenten Walther Zimmerli besonders Studenten aus China und Kamerun an. International erfolgreich sei die Uni mit ihren Schwerpunkten in Energie, Umwelt und umweltverträglicher CO2-Entsorgung. Zimmerli kündigte ein Projekt in Südafrika an: Die Energieversorgung der Slumsiedlung Soweto soll mithilfe von Ingenieuren aus Cottbus auf eine neue Grundlage gestellt werden.

Noch hat es allerdings keine Brandenburger Universität geschafft, im Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter die 40 leistungsstärksten Universitäten aufzurücken. Potsdam aber profiliere sich mit seinen über 20 000 Studierenden als „mittelgroße Spitzenuniversität“, lobte Münch. Einen großen Erfolg konnte die Uni am gestrigen Mittwoch verbuchen: Der Psycholinguist Harald Clahsen von der University of Essex kommt als Alexander-von-Humboldt-Professor nach Potsdam – von der Humboldt-Stiftung ausgestattet mit bis zu fünf Millionen Euro Forschungsmitteln. Uwe Schlicht

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