Sprache im digitalen Zeitalter : Sinn und Sinnlichkeit

Warum sind Charaktere "aalglatt", Witze "saftig" und Blicke "bohrend"? Über die Notwendigkeit griffiger Wendungen

Dagmar Schmauks
Tastorgan Zunge. Das Auge nimmt Form, Farbe und Bewegung von Objekten wahr. Nur durch ihr Betasten sind winzige Unebenheiten sowie Oberflächenfilme wie Klebrigkeit oder Öligkeit zu entdecken.
Tastorgan Zunge. Das Auge nimmt Form, Farbe und Bewegung von Objekten wahr. Nur durch ihr Betasten sind winzige Unebenheiten sowie...Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die klassischen „fünf Sinne“ des Menschen werden heute sehr unterschiedlich beachtet und gefördert. Internet, Fernsehen und Kino sind die Leitmedien des „audiovisuellen Zeitalters“ und vermitteln uns täglich eine Fülle von Informationen. Geschmacks- und Geruchseindrücke sind eng mit dem Wohlbefinden verknüpft, deshalb appellieren die Lebensmittel- und die Parfümindustrie gezielt an sie.

Erst beim Betasten erkennen wir winzige Unebenheiten

Die zahlreichen Leistungen des Tastsinns hingegen bleiben oft unbemerkt, obwohl sie grundlegend für unsere Lebenspraxis sind. In der Evolution ist der Tastsinn als erster Sinn entstanden, und schon lange vor der Geburt betastet der Embryo sich selbst und das Innere der Gebärmutter. Ohne Tasteindrücke könnten wir keine Mitmenschen berühren, keine Objekte handhaben und hätten keine derart komplexe materielle Kultur entwickelt. Während das Sehen die Form, Farbe und Bewegung von Objekten wahrnimmt, entdecken wir nur durch ihr Betasten winzige Unebenheiten sowie Oberflächenfilme wie Klebrigkeit oder Öligkeit.

Die Handhabung von Objekten motiviert die Alltagssprache

Ebenso wichtig sind die Tasteindrücke der Füße bei der Fortbewegung und die der Mundorgane bei der Nahrungsaufnahme. Noch weniger beachtet wird der Tastsinn unserer Kehrseite, obwohl er etwa schnell und verärgert auf splitterige Holzsitze reagiert.

Diese vielfältigen Aufgaben des Tastsinns spiegeln sich in zahlreichen Redewendungen wider. Deren Untersuchung belegt unter anderem, dass die Handhabung von Objekten vielfältige begriffliche Abbildungen unserer Alltagssprache motiviert: Wir „wälzen“ Probleme, „kramen“ in Erinnerungen und „feilen“ an Texten. Sehr ergiebig ist die Untersuchung von Berichten zur gegenwärtigen Finanzkrise, denn dort werden ständig irgendwo „Finanzpakete geschnürt“, „Rettungsschirme aufgespannt“, „Banken abgewickelt“, „Lasten gemeinsam geschultert“, „Ausgaben gedeckelt“, „Milliardenlöcher gestopft“, „Schuldenbremsen angezogen“, „Geldströme in Pleiteländer gepumpt“, „Steueroasen trockengelegt“ und „Konten eingefroren“.

Abstrakte Zusammenhänge anschaulich machen

Ganz offensichtlich sind solche Wendungen nicht wörtlich gemeint, sondern sollen abstrakte Zusammenhänge anschaulich machen, indem man sie mit konkreten und allgemein bekannten Handlungen vergleicht. Der linguistische Fachausdruck „Metapher“ bedeutet wörtlich „Übertragung“ und bezieht sich auf die Tatsache, dass der betreffende Ausdruck von seinem konkreten Ursprungsbereich auf einen abstrakten Zielbereich übertragen wird. Wer etwa „ein Paket schnürt“, will seinen Inhalt irgendwohin schicken, und ein „Finanzpaket“ wird darum wohl Geld enthalten. Wir wissen jedoch, dass diese Redewendung nur ein grobes Modell der Tatsachen ist, denn bei internationalen Transaktionen sind keine Pappkartons voller Münzen und Scheine unterwegs.

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