Sterbekultur : Die Kraft, loszulassen ist schwer

Der Berliner Internist Michael de Ridder macht sich Gedanken über „Sterbekultur“ und Sterbehilfe.

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Linderung. Die Palliativmedizin in Deutschland wird völlig unzureichend finanziert, kritisiert Internist de Ridder. Foto:...dpa-Zentralbild

Alexander N. ist wach. Seine Augen sind offen, sein Herz schlägt regelmäßig. Er atmet aus eigener Kraft. Er hustet, er gähnt, er schmatzt, er seufzt.

Und doch wird Alexander N. niemals das Bewusstsein wiedererlangen.

Der irreversibel hirngeschädigte junge Mann Anfang 20 ist einer von mehr als 10 000 Wachkoma-Patienten in Deutschland. Aber der Ausdruck Wachkoma führt in die Irre. Denn obwohl der Patient „wach“ ist, ist er bewusstlos. Eine paradoxe Existenz. Alexander N. wird künstlich ernährt und bedarf der Pflege rund um die Uhr.

„Ein menschlicher Daseinszustand, der hoffnungsloser kaum sein könnte“, kommentiert Michael de Ridder. In seinem Buch „Wie wollen wir sterben?“ (DVA, 317 Seiten, 19,95 Euro) erzählt der Berliner Internist und Chefarzt Alexanders ebenso ergreifende wie aufrüttelnde Geschichte. Sie ist bezeichnend für eine Medizin, die zum Selbstzweck geworden ist und die Interessen des Patienten aus den Augen verloren hat.

Mit 18 Jahren wird Alexander das Opfer eines alkoholisierten Autofahrers. Das Leben des Abiturienten wird auf einen Schlag unwiederbringlich zerstört. Die Kopfverletzungen lassen ihn ins Wachkoma fallen, das zutreffender, wie im englischen Sprachraum üblich, als permanenter vegetativer Status bezeichnet werden sollte. Seine Mutter erinnert sich an Äußerungen ihres Sohns, der unter diesen Umständen keinesfalls am Leben gehalten werden wollte. Aber als sie um ein Gespräch über die Frage der Lebenserhaltung um jeden Preis nachsucht, lässt sie der Oberarzt der Intensivstation an der Uniklinik herrisch abblitzen.

Es folgt eine regelrechte Odyssee für Alexander. Sie beginnt mit fruchtlosen Therapieversuchen in einer Rehaklinik, gefolgt von der Unterbringung in einem Pflegeheim. Die Mutter möchte nun, dass ihr Sohn sterben darf. Sie nimmt ihn zu sich nach Hause, aber ihr Sohn wird ihr auf richterlichen Beschluss genommen und erneut in ein Pflegeheim gebracht. Dort gibt es das volle Programm. In den Zimmern der Wachkoma-Patienten läuft der Fernseher, Krankengymnastik und Logopädie werden verabreicht, Flüssigkost per Magensonde durch die Bauchdecke zugeführt. Es ist eine Welt „verbissenen Hoffens und surrealer Kommunikation“, eine Welt „kindlichen Wunderglaubens“, notiert de Ridder. Endlich gelingt es der Mutter, ihren Sohn wieder nach Hause zu holen. Nach vier Jahren im Koma darf Alexander N. gehen; er stirbt in den Armen seiner Mutter.

Mit solchen aus der eigenen Erfahrung als Arzt gespeisten Fallgeschichten illustriert de Ridder das Dilemma der Hochleistungsmedizin. Sie verzeichnet beeindruckende Erfolge – und produziert auf der anderen Seite Menschen wie Alexander N. Als Treibgut der modernen Medizin werden sie zum Vegetieren in einer Schattenwelt verdammt.

Es sind jedoch gerade solche Patienten, denen aus Sicht de Ridders besondere Aufmerksamkeit gebührt. Menschen, deren Zustand nicht mehr zu bessern ist, die von einer auf Heilung fixierten Medizin aufgegeben werden oder deren Sterben um jeden Preis hinausgezögert wird. Menschen also, die sinnlos leiden müssen.

Palliativmedizin heißt das Fachgebiet, bei dem es nicht mehr ums Gesundwerden, sondern um Linderung geht. Darum, Schmerzen und Angst zu nehmen, Aufmerksamkeit zu schenken, zu trösten und die Einsamkeit des Sterbens zu mildern. Der Wert der Palliativmedizin wird bislang verkannt und im Gesundheitssystem völlig unzureichend finanziert, kritisiert de Ridder. Das ist für ihn Ausdruck einer großen Gleichgültigkeit gegenüber den Alten, Kranken und Gebrechlichen.

Der Arzt geißelt die „Kälte des Krankenhausbetriebs“, er prangert die schweren Mängel in der Altenpflege („Gepflegt und doch verendet“) und der Schmerztherapie („Verordnetes Leid“) an. Den größten politischen Zündstoff enthalten aber jene Kapitel, in denen es um das Lebensende selbst geht, um die von de Ridder geforderte „neue Sterbekultur“.

„In schwerster Not“ des Patienten sei nicht nur die Beihilfe zur Selbsttötung, sondern auch die aktive Sterbehilfe durch den Arzt, die Tötung auf Verlangen, ethisch geboten. De Ridder rührt hier an ein Tabu, ist doch die aktive Sterbehilfe in Deutschland strafbar.

Die offene und unvoreingenommene Diskussion darüber wird nicht selten mit Verweis auf die „Euthanasie“-Praxis der Nationalsozialisten diskreditiert. Eine vernichtende Anklage, die aus Sicht des Arztes die Dinge auf den Kopf stellt. „Die Verweigerung letzter Hilfen, die vom Sterbenden oder Schwerstversehrten klaren Sinnes und nachhaltig verlangt werden“ stehe der Nazi-Medizin in Wahrheit näher als die aktive Sterbehilfe.

Seit 1997 ist es im US-Bundesstaat Oregon möglich, mit ärztlicher Hilfe aus dem Leben zu scheiden. Der Arzt kann nach gründlicher Prüfung ein tödlich wirksames Medikament verschreiben. Bis zum Jahr 2005 haben sich 246 Menschen für diesen Weg entschieden. Das entspricht lediglich einem von 1000 Verstorbenen.

Von Missbrauch und dem stets beschworenen ethischen „Dammbruch“ kann also nicht die Rede sein. Und: Viele Betroffene lösten ihr Rezept nicht ein. Ihnen genügte offenbar die Sicherheit, jederzeit auf diese Weise „gehen“ zu können. In Deutschland wird die Debatte über Sterbehilfe jedoch weitgehend blockiert, beklagt de Ridder. „Strikte Ablehnung“ hat etwa die Bundesärztekammer bekundet und verweigert sich damit der Diskussion. Man kann hier getrost von einer weißen Betonfraktion sprechen, auch wenn der Mediziner solche polemischen Töne vermeidet. Er lässt die Geschichten der Patienten sprechen. Das ist ohnehin viel überzeugender.

Wie wollen wir sterben? Schnell und mit möglichst wenig Schmerzen, werden viele sagen. Vielleicht mit einem zufriedenen Blick zurück auf das eigene Leben. Nicht jedem ist das vergönnt. Auch de Ridder bekundet am Ende seines Buches, dass es uns trotz aller Bemühungen nicht gelingen wird, „Leben und Sterben miteinander zu versöhnen“. Immerhin, nie waren die Möglichkeiten besser, diesem Ziel so nah wie möglich zu kommen. „Wie wollen wir sterben?“ ist ein bemerkenswerter Beitrag dazu.

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