Streit um Rechtschreibung : „Das Kind nicht entmutigen“

Lehrerinnen und Lehrer sollen Fehler schon früh korrigieren, sagt die Grundschulpädagogin Renate Valtin. Aber mit Gefühl.

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Schülerinnen und Schüler sollen von Anfang an spontan schreiben, selbst wenn sie dabei Fehler machen, meint Renate Valtin.
Schülerinnen und Schüler sollen von Anfang an spontan schreiben, selbst wenn sie dabei Fehler machen, meint Renate Valtin.Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach

Frau Valtin, Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat die Grundschullehrkräfte des Landes angewiesen, Rechtschreibfehler schon bei Schulanfängern sofort zu korrigieren. Ist das eine gute Anweisung?

Das kommt auf den Entwicklungsstand des Kindes an. Hat es noch nicht gelernt, phonetisch zu schreiben – also den Lauten Buchstaben zuzuordnen –, wäre eine Korrektur des „Wortsalats“ eine Überforderung für Kind und Lehrkraft. Kann es aber phonetisch verschriften und macht dabei orthografische Fehler, sollte man es darauf aufmerksam machen, wie die „Erwachsenen-Schreibweise“ aussieht. Allerdings sollte man das Kind nicht entmutigen. Die Hinweise müssen also gemäß der psychischen Robustheit des Kindes dosiert sein.

Bei einem psychisch robusten Erstklässler sollte die Lehrkraft aber sofort intervenieren?

Ja, sofern das Kind schon phonetisch verschriften kann und auch immer dann, wenn Texte des Kindes veröffentlicht werden, zum Beispiel wenn sie in der Klasse aufgehängt oder an Eltern geschickt werden. Schreiben die Schüler auf Arbeitsblättern, kann die Lehrkraft die richtige Schreibweise danebenschreiben. Wichtig erscheint mir, dass die Kinder zum freien und spontanen Schreiben angeregt werden, Schreibweisen erproben und erfahren, dass Fehler „normal“ sind. Das Vorgehen im heutigen Unterricht unterscheidet sich also von dem in früheren Zeiten, in denen Schulanfänger nur Richtiges produzieren sollten und deshalb nur Texte abschreiben durften. Entscheidend ist aber, dass man den Kindern auch immer zeigt, wie die richtige Schreibweise aussieht.

Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann ist auch dagegen, dass Schulanfänger beim Schreiben von Lauten ausgehen, also nach Gehör schreiben.

Lesen- und Schreibenlernen wird heute als Entwicklungsprozess mit charakteristischen Stufen angesehen, welche die Einsichten des Kindes in den Aufbau unserer Schrift widerspiegeln. Nach einer Stufe des Kritzelns und Malens begreifen die Kinder das alphabetische Prinzip und entwickeln die Einsicht „Ich schreibe, wie ich höre beziehungsweise wie ich spreche“. Da man im Deutschen die Schreibweise aber nicht über das Hören erschließen kann, müssen die Kinder in einer weiteren Stufe die Rechtschreibregelungen lernen. Ich halte es für gefährlich, Schüler und Schülerinnen bis zur 3. oder 4. Klasse nur nach Gehör schreiben zu lassen und ihre Rechtschreibfehler nicht zu korrigieren.

Sie spielen auf die umstrittene Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen an.

Genau. Nach dieser Methode werden die Kinder in den Gebrauch einer Anlauttabelle eingeführt, in der jeweils ein Buchstabe einem Bild zugeordnet ist: „M – Maus“. Die Kinder sollen dann möglichst selbstständig die Buchstaben-Laut-Beziehungen entdecken, und sie schreiben im ersten Schuljahr und auch später noch frei nach Gehör. Erwachsene sollen in diesen Prozess nicht eingreifen und Rechtschreibfehler nicht korrigieren. Reichen erwartet, dass Kinder sich bei dieser Methode das Lesen und die richtige Schreibweise selbst beibringen.

Und das funktioniert nicht?

Alle empirischen Untersuchungen hierzu sind eindeutig negativ. Deshalb sollte man diese Methode verbieten. Sie setzt auch voraus, dass Kinder über eine hochdeutsche Aussprache und über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. Aber schon Kinder, die Dialekt sprechen, sind im Nachteil. Zum Beispiel würde ein bayerisches Kind das Wort „Bäckergeselle“ nach Gehör völlig richtig als „Begaxel“ verschriften. Zu bedenken ist auch, dass der Anteil von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund und geringen deutschen Sprachkenntnissen immer mehr zunimmt. Für diese Kinder ist die Reichen-Methode ein Risikofaktor.

Warum gibt es dann Lehrkräfte, die die Methode anwenden?

Das ist mir auch unverständlich, zumal bei dieser Methode das Lesenlehren zu kurz kommt. Der Schweizer Jürgen Reichen, der die Methode seit den achtziger Jahren in Deutschland propagierte, war eine charismatische Persönlichkeit. Befürwortet wurde seine Methode auch vom Grundschulverband. Sie gilt als besonders „kindorientiert“, weil die Schülerinnen und Schüler schon von Anfang an lernen, dass Schreiben eine kommunikative Handlung ist.

Aber dieses wichtige freie Schreiben kann und sollte auch in systematische Erstleselehrgänge aufgenommen werden. Bei der Reichen-Methode sehe ich das Problem, dass die Kinder die Schrift selbst entdecken sollen. Die Menschheit hat zur Entwicklung des Alphabets mehrere Jahrtausende gebraucht. Deshalb sollten wir Kinder bei diesem Lernprozess nicht alleinlassen.

Die von Reichen erfundene Anlauttabelle kursiert in den Schulen überall. Müssen bei kritischen Eltern sofort die Alarmglocken schrillen, wenn ihr Kind damit Lesen lernt?

Nein, überhaupt nicht, sofern die Anlauttabelle ein Bestandteil eines systematischen Leselehrgangs ist. Sie kann in den Anfangsmonaten Kindern dabei helfen, einige Buchstaben-Laut-Beziehungen zu festigen und sie bei ihren freien Schreibversuchen zu unterstützen. Aber sie muss im Laufe des ersten Schuljahres eben überflüssig werden.

Manche Leute haben den Eindruck, dass Schulabsolventen heute weit schlechter in Rechtschreibung sind als frühere Generationen. Zu Recht?

Es gibt keine große Längsschnittuntersuchung, aus der wir das ersehen könnten. Ich habe nur eine anekdotische Evidenz: Wenn ich meine Studierenden früher das Kosog’sche Diktat schreiben ließ – „Tut nie unrecht, seid Ihr aber im Recht, so habt Ihr recht“ und so weiter –, hatten sie schon in drei Sätzen so viele Fehler wie die Leute achtzig Jahre vorher im ganzen Text. Allerdings hat die Rechtschreibreform inzwischen ja vieles leichter gemacht.

Was die Grundschule betrifft, so zeigen die Rechtschreibtests von Iglu 2001 und 2006, dass sich die Leistungen sogar signifikant verbessert haben. Insgesamt ist mir allerdings die Betonung des Themas Rechtschreibung in der bildungspolitischen und didaktischen Diskussion in Deutschland völlig unverständlich. International spielt die Beherrschung der Rechtschreibung so gut wie gar keine Rolle. Stattdessen wird zu Recht die Förderung der wichtigen Kompetenzen Lesen und Schreiben als Verfassen von Texten betont.

Renate Valtin ist Professorin für Grundschulpädagogik (i.R.) an der Humboldt-Universität und Mitglied im Konsortium der internationalen Grundschulstudie Iglu.

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