Studienreform : Der Bachelor kann’s

Die große Studienreform ist besser als ihr Ruf. Das belegen neue Statistiken – und ein Vergleich mit den alten Zeiten. Allerdings liegen die Einstiegsgehälter für Bachelor-Absolventen niedriger als für Magister-Studierende.

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Schneller studieren. Vor den Zeiten von Bachelor und Master wurde die Regelstudienzeit vielfach deutlich überschritten. Das ist nun anders. Foto: dpa Foto: dpa
Schneller studieren. Vor den Zeiten von Bachelor und Master wurde die Regelstudienzeit vielfach deutlich überschritten. Das ist...Foto: dpa

Mecklenburg-Vorpommern führt das Diplom für Ingenieure wieder ein – diese Nachricht vom vergangenen Dezember hat zu Freudentänzen unter den Bachelor-Feinden und zu Empörung bei den Bachelor-Freunden geführt. Am Donnerstag hat sich nun die Kultusministerkonferenz (KMK) bei ihrem Treffen in Berlin mit dem Ausscheren des Bundeslandes aus dem Bologna-Prozess befasst und beschloss eine Erklärung: Die KMK erwartete, dass die Hochschulen und die Mitglieder der KMK „den Bologna-Prozess weiterhin engagiert vorantreiben“. Die Kultusminister zogen auch eine insgesamt positive Zwischenbilanz der großen Studienreform. Zu Recht. Denn trotz mancher Kinderkrankheiten gibt es bereits viele gute Effekte zu sehen.

Die Reform mit den international üblichen Abschlüssen Bachelor und Master ist 1998 in Deutschland gestartet worden. Inzwischen gibt es 11 549 Bachelor- und Masterstudiengänge von insgesamt 14 000. Die Mängel sind klar: Oft ist zu viel in die Semester gepresst worden. Studierende hetzen von Prüfung zu Prüfung, finden zum Jobben keine Zeit. Denn Teilzeitstudiengänge sind rar. Berlin, Brandenburg sowie die Uni Heidelberg sind dabei Schrittmacher.

Aber es gibt auch Erfolge zu melden. Zumal, wenn man sich die Situation an den Hochschulen im Jahre 1990 vor Augen hält. Kennzeichen waren überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten. Nach einem Überblick des Wissenschaftsrats waren 1990 die Lehramtsstudierenden am Ende ihres Studiums durchschnittlich 29 Jahre alt. Naturwissenschaftler und Ingenieure machten ihr Diplom an Unis mit 28 Jahren. Der Altersschnitt bei der Promotion lag bei 32 Jahren.

Die Studiendauer war extrem lang: 13 Semester im Schnitt in den Sprach- und Kulturwissenschaften – in manchen Fächern auch weit mehr –, zwischen elf und 13 Semester in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In den meisten Naturwissenschaften dauerte das Studium im Schnitt bis zu 13 Semester. Bei den Ingenieuren sogar zwischen 13 und 15 Semester. Deutschland drohte ins Abseits zu geraten. Die Initiative „Bachelor welcome“, in der die bedeutendsten deutschen Industriebetriebe, Banken und Versicherungen vertreten sind, fasst die Mängel zusammen: „Ein im internationalen Vergleich später Berufseintritt durch lange Studiendauer, hohe Abbrecherquote, geringe Praxisorientierung des Studiums, mangelnde internationale Kompatibilität der Abschlüsse und fehlende Angebote an akademischer Weiterbildung waren Merkmale für den Reformbedarf des alten Systems.“

Und heute? An den Fachhochschulen dauert das Bachelorstudium sieben Semester, an den Universitäten meistens sechs Semester und das Masterstudium vier Semester. Anders als früher werden diese Vorgaben für die Regelstudienzeit nur geringfügig durch die realen Studienzeiten überboten. 6,6 Semester dauert das Bachelor-Studium im Schnitt an den Universitäten und 7,4 Semester an den Fachhochschulen. Das weist die neueste Statistik der HRK aus. Der fertige Bachelor ist 25,5 Jahre alt, und der Master geht mit 27,9 Jahren in den Beruf. Die Absolventen zahlen heute also früher Sozialbeiträge und Steuern als vor der Reform.

Es bewahrheitet sich, was der einstige Hochschulexperte der SPD, Peter Glotz schon Ende der siebziger Jahre gesagt hatte: „Studienzeiten müssen von den Politikern vorgegeben werden. Die Hochschulen werden von allein nicht zu einer relevanten Studienzeitverkürzung in der Lage sein.“ Mitte der siebziger Jahre hatten es die Politiker mit einer Festlegung von acht Semestern Regelstudienzeit für die Unis im Hochschulrahmengesetz versucht. An der Wirklichkeit änderte sich aber nichts, weil die Unis keine radikale Studienreform umsetzten.

Bleibt die Frage: Wie hoch ist heute die Akzeptanz der neuen Studiengänge? Die Studenten streben in ihrer großen Mehrheit (70 Prozent) nach dem Bachelor den Master an. Aber viele Länder halten für den Master nur 50 Prozent der Aufnahmekapazität des Bachelors vor. Die Enge des Flaschenhalses zeigt sich jetzt: Es fehlen immer mehr Masterplätze. Die Initiative „Bachelor welcome“ fordert: „Das Verhältnis von Bachelor- und Masterstudienplätzen darf sich nicht an politisch festgelegten Quoten orientieren.“

Unabhängig von diesen Wünschen der jungen Generation ist die Akzeptanz des Bachelors bei den führenden Unternehmen in Deutschland verbreitet. Die Initiative „Bachelor welcome“ erklärt seit 2004 bis heute immer wieder, „dass Bachelorabsolventen für die Unternehmen attraktive Mitarbeiter sind“.

Inzwischen liegen die Ergebnisse einer Untersuchung des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung (INCHER) in Kassel vor. Befragt wurden eineinhalb Jahre nach ihrem Abschluss 11 000 Bachelor- und Masterstudenten, 3900 Doktoranden und 51 390 Absolventen der alten Studiengänge. Bei den Bachelorabsolventen hatten 72 Prozent bereits nach drei Monaten einen Job. 18 Prozent benötigten für die Jobsuche bis zu einem halben Jahr. Ein bemerkenswertes Ergebnis in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Auch die Zufriedenheit mit ihrer Ausbildung ist bei den Absolventen der neuen Studiengänge viel höher, als man nach der heftigen Kritik erwarten durfte. Im Durchschnitt waren der Umfrage nach 77 Prozent der Absolventen der Ansicht, dass sie den richtigen Abschluss im Hinblick auf die Anforderungen ihres gerade ausgeübten Berufs hatten. Die höchste Zufriedenheit erreichten zwar die Akademiker mit den alten Abschlüssen: Entsprechend äußerten sich 79 der Fachhochschulabsolventen und 77 Prozent der Universitätsabsolventen. Aber die Master kommen mit 75 Prozent bei den Fachhochschulabgängern und 72 Prozent bei den Uniabgängern dicht an diese Spitzenwerte der Zufriedenheit heran.

Beim Bachelor sieht es etwas anders aus: 70 Prozent der Fachhochschulabgänger halten den Bachelor für den adäquaten Abschluss, aber nur 61 Prozent der Universitätsabgänger. Besonders bei den Naturwissenschaften gibt es eine Zufriedenheitslücke: 85 Prozent der Universitätsabsolventen ziehen die traditionellen Abschlüsse vor, nur 62 Prozent der Bachelorabsolventen sind mit ihrem Abschluss zufrieden. Zur großen Überraschung aber wird bei den Ingenieuren der Bachelor genauso als berufsbefähigend akzeptiert wie der Dipl.-Ing. (86 zu 87 Prozent). Bei den Informatikern und Computerfachleuten bevorzugen mit 91 Prozent sogar mehr den Bachelor als das Diplom (84 Prozent). In den Kulturwissenschaften und bei den Ökonomen gibt es kaum Akzeptanzunterschiede zwischen neuen und alten Abschlüssen.

Natürlich gibt es Unterschiede beim Gehalt. Die Gehälter für Uni-Abgänger liegen mit dem Bachelor bei 29 000 Euro, für Master bei 36 000 Euro und für Absolventen mit alten Abschlüssen bei 36 845 Euro (siehe Tabelle). Die Absolventen der Fachhochschulen verdienen mit dem Master allerdings sogar mehr als mit dem alten Diplom.

Fazit: Die Bachelor-Master-Reform ist auf dem richtigen Weg. Korrekturen sind aber nötig: Die neuen Studiengänge verlangen eine bessere Betreuung in der Lehre. Stipendien müssen das Jobben überflüssig machen. Die Bachelor-Kritiker werden dennoch die gesamte Reform weiter attackieren. So wie die Deutsche Physikalische Gesellschaft. Sie will am Montag neue Beweise vorlegen, dass dem Bachelor die Akzeptanz fehlt.

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