Studienreform-Umfrage : Enttäuscht vom Bachelor

Die Mehrheit der Nachwuchswissenschaftler beurteilt die Studienreform mit Bachelor und Master negativ. Das geht aus einer Untersuchung des Hochschulinformationssystems (HIS) hervor.

Anja Kühne

Für die HIS-Studie wurden die Angaben von 1433 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an 68 deutschen Hochschulen ausgewertet. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) hat ihre einst positive Bewertung des Bolognaprozesses inzwischen revidiert, ist also von der Umsetzung der Reform enttäuscht. Dieser Befund sei beachtlich, schreiben die Forscher vom HIS. Schließlich seien die neuen Studiengänge an den Hochschulen selbst konzipiert worden. Insofern habe das wissenschaftliche Personal „durchaus Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung der Umstellung“ gehabt und habe sie auch weiterhin.

Desillusioniert zeigen sich besonders die Sprach- und Kulturwissenschaftler (63 Prozent). Hingegen sehen zehn Prozent aller Befragten die Reform heute positiver als früher, weitere 13 Prozent bezeichnen sich als „gleichbleibend zuversichtlich“. 29 Prozent bleiben bei ihrer ursprünglichen Ablehnung (Ingenieurwissenschaftler 36 Prozent, Mathematiker und Naturwissenschaftler 32 Prozent, Rechts- und Sozialwissenschaftler 27 Prozent, Kulturwissenschaftler 19 Prozent).

Die Autoren der Studie zitieren einen wissenschaftlichen Mitarbeiter im Bereich Rechts- und Sozialwissenschaften: „Der Bolognaprozess beinhaltete eine gute Idee: Vergleichbarkeit der Studien. Das Ergebnis sind aber nur überbordende Curricula und ein Rückfall in die universitäre Kleinstaaterei.“ Ein Mitarbeiter im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften erklärt, viele Chancen seien vertan worden, „indem man alten Wein in neue Schläuche gegossen hat“. Vielfach seien alte Studienpläne in das neue Modell „gepresst“ worden: „Überlegungen zu neuen Lehr- und Lernformen sind zu kurz gekommen.“

Dass ein Bachelorstudium nicht dafür geeignet ist, die Absolventen berufsbefähigend auszubilden, meinen 67 Prozent. Von 84 Prozent wird der Bachelor nur als Etappe auf dem Weg zum Master gesehen. 61 Prozent meinen, der Master und nicht, wie von den Kultusministern gewollt, der Bachelor solle der Regelabschluss sein. Unter den Kulturwissenschaftlern denken so allerdings nur 45 Prozent, unter den Ingenieuren aber 72 Prozent. Der Meinung, in den Master sollten nur die besten Bachelorabsolventen aufgenommen werden, sind bei den Ingenieuren nur 24 Prozent, bei den Kulturwissenschaftlern 40 Prozent.

Über zwei Drittel geben an, mit der Reform müssten sie mehr Arbeit in Betreuung sowie in Prüfungen und Verwaltung stecken. Fast ein Drittel hat deshalb weniger Zeit für die Forschung. Die HIS-Forscher erwarten, dass der Aufwand für Beratung und Verwaltung abnimmt, „sobald sich ein eingespieltes System etabliert hat“. Es müsse aber auch nachgebessert werden. So könne die Zahl der Prüfungen reduziert werden.

Der inhaltliche Anspruch der Lehrveranstaltungen wurde mit der Reform nach Angabe der meisten Befragten (47 Prozent) nicht verändert. Allerdings sagen 44 Prozent, sie hätten ihn abgesenkt. Eine Modernisierung der Lehre zugunsten alternativer Lehr- und Lernformen können die HIS-Forscher „nur in geringem Umfang“ ausmachen. Allerdings nutzen 41 Prozent der Dozenten E-Learning stärker als früher. Unter denjenigen Wissenschaftlern, die mehr Arbeit in die Lehre investieren, befinden sich häufiger Modernisierer der Lehre, die alternative Lernformen einsetzen. Sie befürworten die Bolognareform auch überdurchschnittlich oft. Diese Leistungen in der Lehre müssten stärker als bisher honoriert werden, um den Nachwuchs für Bologna zu gewinnen, schreiben die Autoren.

Einer weiteren neuen HIS-Studie zufolge verbringen 15 Prozent der Bachelor-Studierenden an Unis einen Teil ihres Studiums im Ausland, so viel wie im Jahr 2007. An Fachhochschulen stieg der Anteil von neun auf 13 Prozent. Bei den Master-Studierenden sank der Anteil von 30 auf 27 Prozent. Bei den alten Studiengängen stieg die Zahl der Studierenden mit Auslandsaufenthalt deutlich: in Diplom-Studiengängen von 24 auf 35 Prozent, im Magister von 34 auf 49 Prozent und im Staatsexamen von 23 auf 28 Prozent. Einer der Gründe: Meist gehen Studierende in höheren Semestern ins Ausland. Weil die alten Studiengänge auslaufen, fehlen aber Studienanfänger, so dass der Gesamtanteil an auslandserfahrenen Studierenden steigt.

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