Studium : Ehrgeizige Bachelor

Die Studierenden wollen schnell sein und gute Noten haben – sehen sich aber oft vor Hindernissen. Das sei eine "explosive" Mischung, sagen Hochschulforscher.

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Anleitung gewünscht. Viele Studierende akzeptieren ein verschultes Studium. Foto: dpadpa

Die Bachelorstudierenden „machen sich mehr Druck, erfahren aber auch mehr Druck“ als ihre Kommilitonen in den Diplom- und Magisterstudiengängen. Diese Zwischenbilanz zieht der Hochschulforscher Tino Bargel über den Bachelor. Zusammen mit Zukunftsängsten und dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit werde der Druck „explosiv“: „Das kann sich dann in Protesten entladen.“

Bargel gehört zur Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz, die zwischen dem Wintersemester 2006/2007 und dem Sommersemester 2007 insgesamt 17 100Studierende aller Bundesländer befragte. Aus Berlin nahmen 409 Studierende der TU teil, aus Brandenburg 260 Potsdamer Bachelor-Studierende. Auftraggeber ist das Bundesbildungsministerium. Dessen Parlamentarischer Staatssekretär kam zu einem weniger dramatischen Ergebnis: „Der Bachelor ist besser als sein Ruf“, sagte Thomas Rachel am Dienstag bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Die Studierenden im Bachelor sind stärker als die Diplom- und Magisterstudierenden davon überzeugt, dass eine gute Examensnote (72 Prozent gegenüber 63 Prozent) und ein schneller Abschluss (64 Prozent gegenüber 55 Prozent) ihre Berufsaussichten sehr verbessert, geht aus der Studie hervor.

Eben weil es den Bachelor-Studierenden besonders wichtig ist, wie schnell und mit welchen Zensuren sie studieren, wird von ihnen der „Druck der Bewährung“ im Studium auch „weit ernster“ genommen als von ihren Kommilitonen, heißt es in der Studie. Die Studierenden stünden unter „Prüfungshetze“, formulierte Bargel in Berlin – nicht nur wegen der Fülle der Einzelprüfungen im Bachelor, sondern auch, weil alle Noten in die Abschlussnote einfließen.

Hinzu kommt, dass die meisten Studierenden ein Masterstudium für sehr wichtig halten. Zwar würden nur 49 Prozent in den Master gehen, um sich persönlich weiter zu entwickeln. Aber neun von zehn Bachelor-Studierenden halten ein Masterstudium für „sehr nützlich“ (72 Prozent) oder „nützlich“ (17 Prozent), um ihre Berufsaussichten zu verbessern. Weil die Bedingungen für den Übergang in den Master unklar sind, empfinden die Studierenden noch mehr Druck im Bachelor.

Noch sind zu viele Bachelor erst am Anfang ihres Studiums, um sichere Aussagen über die Auslandsmobilität machen zu können. Die Forscher kommen zu dem Schluss, die neue Studienstruktur trage bislang wenig dazu bei, die internationale Mobilität zu erhöhen. Der Bachelor halte die Studierenden aber auch nicht wie von mancher Seite befürchtet übermäßig vom Auslandsstudium ab.

Vielleicht wäre in einem längeren Bachelorstudium mehr Zeit fürs Ausland. Über 95 Prozent der Studiengänge an Universitäten sind auf nur sechs Semester angelegt. Nur 1,1 Prozent der BA-Studiengänge an Unis haben eine Länger von acht Semestern. Viele Fachhochschulen haben hingegen Zeit für ein Praxissemester eingeplant und bieten siebensemestrige Studiengänge an (43,7 Prozent), über 48 Prozent der Bachelor an FHs sind sechssemestrig, und fast acht Prozent haben eine Länge von acht Semestern. Der kurze Bachelor ist umstritten: Nur 53 Prozent finden ihn gut.

Die von den Forschern festgestellte hohe Leistungsbereitschaft der Studierenden prallt auf von ihnen wahrgenommene Missstände in der Studienorganisation, wie Bargel erklärte. 82 Prozent der Studierenden sagen, dass ihr Studium „eng an der Studienordnung ausgerichtet“ ist. Die strikten Vorgaben selbst würden aber von den meisten nicht als „größeres Problem“ angesehen, heißt es in der Studie, da damit auch „Anleitung und Führung“ einhergingen. Jeder Zweite hält das geforderte Maß an Selbstständigkeit für gerade richtig, knapp jeder Vierte findet die Anforderungen an die Selbstständigkeit sogar zu hoch. Während die Studierenden die Einschränkungen, Schwerpunkte im Studium nach eigenen Interessen zu setzen, akzeptieren, führt die neue „Regelungsdichte“ jedoch zur Verschärfung von Problemen: Obwohl Studienordnungen wichtiger geworden sind, fühlen sich zwei Fünftel der Bachelor-Studierenden darüber zu wenig informiert, jeder Vierte hat Schwierigkeiten, den Inhalt zu verstehen.

Um das Studium so bewältigen zu können, wie die Mehrheit es möchte, müsste es klar gegliedert sein. Diese Eigenschaft erfüllt es aber nur aus Sicht von 58 Prozent der Befragten. Die Prüfungsanforderungen empfinden nur 46 Prozent als klar. Zwei Drittel halten die Leistungsanforderungen im Bachelor für hoch. So schätzen auch Diplom- und Magisterstudierende ihr Studium ein. Von diesen sagen aber etwa 54 Prozent, die Prüfungsanforderungen seien ihnen klar. Für viele Bachelorstudenten führen die als schwer durchschaubar empfundenen Strukturen dazu, dass sie Schwierigkeiten mit der Planung des Studiums haben (jeder Zweite).

Ein Viertel der Bachelor-Studierenden findet die Modularisierung – die Zusammenstellung mehrerer Lehrveranstaltungen zu Sinneinheiten – schlecht gelungen. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass diese Kritik sich vor allem auf die für Leistungsnachweise verlangte Arbeits- und Prüfungsbelastung bezieht.

Die Bachelor-Studierenden wenden im Schnitt über 35 Stunden pro Woche für ihr Studium auf – das entspricht einem siebenstündigen Arbeitstag. Zwei Drittel der Bachelorstudierenden jobben, jeder zweite auch während der Vorlesungszeit.

Die meisten BA-Studierenden (78 Prozent) sagen, dass sie ihr Studium bislang in der geplanten Studienzeit absolviert haben. 14 Prozent hinken um ein Semester hinterher. Bei den Diplom- und Magisterstudierenden hinkt dagegen mehr als die Hälfte hinter der eigentlich geplanten Studienzeit zurück. Anja Kühne

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