Studium : Mit dem Bachelor ganz nach oben

Die Studierenden sind zufriedener als viele denken, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt groß: Ein Plädoyer für die Studienreform

Oliver Günther
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Neue Ordnung. Die Kritik am Bachelor sei überzogen, schreibt der Dekan der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Uni.Foto: pa/ZB

Fast zehn Jahre nach Beginn ihrer Einführung wird noch immer scharf gegen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge geschossen. So titelte die „Zeit“ unlängst: „Macht Studieren dumm?“. Der Chef einer großen deutschen Unternehmensberatung geißelte die universitäre Ausbildung als „verschult und eingeengt“. Und auch viele Professorinnen und Professoren und Studierende äußern sich skeptisch.

Diese pauschale Kritik überrascht.

Meine Fakultät war 2003 eine der ersten bundesweit, die sich – wenn auch mit nur einer Stimme Mehrheit im Fakultätsrat – konsequent auf die neuen Abschlüsse eingestellt hat. Seither wurden Bachelor- und Masterstudiengänge in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, in Statistik und in Wirtschaftsinformatik eingeführt. Den englischsprachigen „Master of Economics and Management Science (MEMS)“ gibt es schon seit 1998.

Unsere Studierenden scheinen mit dem Wechsel mehrheitlich zufrieden. Eine Befragung der Bachelorabsolventen vom Frühjahr zeigt, dass etwa zwei Drittel der Befragten das neue System als Verbesserung empfanden. Nur knapp fünf Prozent sahen den Wechsel als Verschlechterung, der Rest war unentschieden. Allerdings planten 70 Prozent der Befragten, unmittelbar nach dem Bachelor noch einen Master draufzusetzen. Indes finden Bachelorabsolventen schon seit einigen Jahren problemlos ihren Weg in erfolgreiche berufliche Laufbahnen.

Die pauschale Kritik an der Studienreform überrascht auch, weil das im Wesentlichen aus der alten Bundesrepublik übernommene System keineswegs nur Lorbeeren erntete. So waren insbesondere die ersten Studienjahre von Anonymität und mangelhafter Betreuung geprägt. Bei weitem nicht alle Studierenden waren in der Lage, mit den enormen akademischen Freiheiten effektiv umzugehen und diese für ihre persönliche Weiterqualifikation zu nutzen. Viele studierten Jahr um Jahr, ohne sich ernsthaft einem Abschluss zu nähern, die Mehrzahl der Studienanfänger schmiss irgendwann das Handtuch. Aber auch wer durchhielt, schaffte es nur selten im Rahmen der vorgesehenen Regelstudienzeit, und die Wirtschaft kritisierte (zu Recht) das hohe Lebensalter der deutschen Hochschulabsolventen.

Ich bin in diesem System groß geworden und weine ihm keine Träne nach. Wenn das Diplom so ungewöhnlich erfolgreich gewesen wäre wie viele meinen, hätte es doch längst zum Exportschlager werden müssen. Stattdessen hat sich weltweit die Zweiteilung des Studiums in Bachelor und Master durchgesetzt, die besser dazu geeignet ist, die unterschiedlichen Begabungen und Lebensmodelle der Studierenden abzubilden und mehr Flexibilität und Wahlfreiheit verspricht als das Modell „mindestens fünf Jahre Studium für alle“.

Mit dem Bachelor kann bereits nach drei Jahren Vollzeitstudium ein berufsqualifizierender Abschluss erworben werden. Dies wird wesentlich dazu beitragen, die hohen Abbrecherquoten in den ersten Studienjahren zu senken. Außerdem lassen sich so junge Menschen für ein Hochschulstudium motivieren, die in der Vergangenheit von den langen Studienzeiten abgeschreckt worden wären und gar nicht studiert hätten.

Mit dem Bachelorzeugnis in der Tasche wird so mancher zum Schluss kommen, dass nun genug studiert sei und in der Praxis Alternativen rufen, die mehr Lebensglück – und oft auch ein höheres Lebenseinkommen – versprechen als zwei weitere Jahre akademischen Studiums. Andere werden den Übergang vom Bachelor zum Master zum Anlass nehmen, die Fachrichtung, den Studienort oder den Hochschultyp zu wechseln, denn nach drei Jahren Bachelorstudium weiß man oft genauer, was man will, als nach dem Abitur.

Den von manchen Studierenden befürchteten Mangel an Masterstudienplätzen sehe ich nicht. Derzeit werden Masterprogramme in großer Zahl eingerichtet, wobei sich allerdings eine weitere Ausdifferenzierung der europäischen Hochschullandschaft abzeichnet: Manche Masterprogramme verzeichnen über zehn Bewerber pro Studienplatz, während andere jeden halbwegs qualifizierten Interessenten mit offenen Armen aufnehmen. Von daher ist man gut beraten, sich parallel an mehreren Hochschulen zu bewerben, wobei man sich nicht nur auf die am stärksten nachgefragten Masterprogramme beschränken sollte.

Die Zulassung zum Masterstudium erfordert von den Bewerbern also eine gewisse Anstrengung und Mobilität. Ein quasi automatischer Übergang vom Bachelor zum Master, wie kürzlich auch von Bundesforschungsministerin Annette Schavan noch einmal ins Gespräch gebracht, war in der Reform aus guten Gründen nie vorgesehen. Vielmehr handelt es sich hier um eine bewusst eingerichtete Sollbruchstelle, die es den Studierenden auferlegt, ihre Lebensplanung vor dem Hintergrund des Gelernten noch einmal zu überdenken.

Die Industrie kann mit der Vielfalt der neuen Abschlüsse gut umgehen, wie auch die bereits 2004 auf den Weg gebrachte Initiative „Bachelor Welcome“ der deutschen Wirtschaft zeigt. Bachelorabsolventen sind im Vergleich zu Diplomierten deutlich jünger und werden von vielen Unternehmen positiv aufgenommen.

Eine systematische unternehmensinterne Weiterbildung sowie entsprechende Leistungen in der Unternehmenspraxis vorausgesetzt, wird ein Bachelor auch in Deutschland ausreichen, um es ganz nach oben zu schaffen – so wie es in den meisten Industrieländern schon seit langem der Fall ist.

Wie jede Reform ist freilich auch die Bologna-Reform nicht rundum gelungen. Sobald verlässliche Analysen über die vermeintlichen Missstände vorliegen, ist eine behutsame Reform der Reform durchaus angesagt. So ist es insbesondere wichtig, die Integration von Auslandssemestern und Praktika in die neuen Studienordnungen zu erleichtern, gegebenenfalls auch unter einer kontrollierten Verlängerung der Bachelorstudiendauer (wobei sich dann im Gegenzug auch ein Markt für kürzere Masterprogramme entwickeln sollte). Auch der übertriebene Aufwand für sogenannte Akkreditierungen muss deutlich reduziert werden.

Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass die Reform der Universität kein einmaliger Prozess ist, sondern eine kontinuierliche Anpassung an die sich stetig verändernde Gesellschaft, der sie dient: „Mit der Berufung auf die akademischen Freiheiten allein lässt sich der ernsten Frage nicht mehr beikommen, wie man auch bei Massenandrang die Jugend noch akademisch erziehen kann, ohne gleich in das andere Extrem eines schulmäßigen Lehrbetriebes zu verfallen, ohne Lehre und Forschung zu trennen. Damit ist die akademische Preisfrage unserer Generation gestellt.“ So zu lesen auf Seite 1 des Tagesspiegels vom 4. November 1958.

Der Autor ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

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