Südafrika : Verteufelter Schutz

DDT gilt als gefährliches Gift. Aber in Afrika rettet das Insektizid Millionen Menschen, sagen Malaria-Experten - die WHO will es jetzt wieder verstärkt einsetzen. Umweltschützer sind entsetzt.

 Kai Kupferschmidt[ Swasiland]
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Giftspritze. Mit Containern wie diesem gehen Sprühbrigaden in Swasiland von Haus zu Haus. Foto: Juda Ngwenya/The Global Fund

Das Gift haben die Männer auf ihren Rücken geschnallt, in silbernen Kanistern, die in der Mittagssonne funkeln. Sie tragen blaue Overalls und grüne Atemmasken, in der Hand halten sie eine Sprühpistole. So gehen sie auf die ärmlichen Hütten zu. Sie sind gekommen, um die Mücken, die Malaria übertragen, zu bekämpfen – mit DDT.

Malaria ist nach wie vor eine der verheerendsten Krankheiten der Welt – vor allem für Kinder. Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind an Malaria. Die meisten von ihnen in Afrika. Auch Swasiland kämpft mit der Erkrankung. Das kleine Königreich im Osten Südafrikas ist inzwischen so etwas wie ein Musterland für die Malaria-Bekämpfung. In den neunziger Jahren starben noch Hunderte an der Tropenkrankheit. 2008 waren es nur noch fünf. „Wir sind kurz davor, Malaria in unserem Land zu eliminieren“, sagt Simon Kunene, der Leiter des Malaria-Programms in Swasiland.

Die Formel des Erfolgs ist ein kleines Molekül aus 14 Kohlenstoffatomen, neun Wasserstoffatomen und fünf Chloratomen, das in Europa und den USA als Akronym für gefährliche Chemikalien schlechthin steht: DDT, Dichlordiphenyltrichlorethan. Wie DDT genau funktioniert ist bis heute nicht klar. Möglicherweise blockiert das Molekül wichtige Ionenkanäle auf den Nervenzellen der Tiere und lähmt sie so. Eines jedenfalls ist sicher: DDT tötet Mücken äußerst effektiv und verhindert so, dass sie Menschen mit dem Malaria-Erreger Plasmodium infizieren können. „Das ist mit Abstand unsere erfolgreichste Strategie gegen die Malaria“, sagt Kunene. Jedes Jahr im Sommer schickt er seine Männer in blauen Overalls hinaus aufs Land, um einen feinen Nebel aus DDT auf Türen, Wände und Dächer zu legen.

Deutschen Umweltschützern ist so ein Vorgehen ein Graus. „DDT ist ein furchtbares Gift“, sagt Carina Weber vom Pestizid-Aktions-Netzwerk und zählt die Risiken auf: Brustkrebs, verringerte Spermienzahl, Störungen des Hormonhaushaltes. „Und dabei sind uns viele Gefahren von DDT vielleicht noch gar nicht bekannt.“ Im südafrikanischen Fernsehen führte ein Wissenschaftler sogar den Fall von Caster Semenya, der 800-Meter-Läuferin, deren Geschlecht immer noch überprüft wird, auf die Benutzung von DDT in ihrer Heimat zurück. Auch der Umweltorganisationen wie Bund, Greenpeace und das Umweltbundesamt prangern DDT an. Nicht nur die Menschen seien bedroht. Weil sich DDT in der Nahrungskette anreichert, sehen Umweltschützer eine ökologische Katastrophe.

Dabei wurde DDT einst als „Wundermittel“ gefeiert. 1939 hatte der Schweizer Paul Hermann Müller entdeckt, dass die Chemikalie Insekten tötet. Es folgte ein beispielloser Siegeszug. DDT wurde im Kampf gegen Malaria, Typhus und andere Krankheiten eingesetzt. Millionen Menschenleben wurden gerettet. „Italien zum Beispiel ist heute malariafrei, weil dort nach dem zweiten Weltkrieg mit DDT gegen die Überträger vorgegangen wurde“, sagt der Toxikologe Andy Smith von der Universität Leicester. DDT galt als sicher. Amerikanische Soldaten entlausten sich, indem das Mittel zwischen die einzelnen Kleidungslagen gepustet wurde. 1948 erhielt Müller für seine Entdeckung sogar den Medizinnobelpreis.

Die Wende kam mit einem Bestseller. In ihrem Buch „Stummer Frühling“ machte die US-Biologin Rachel Carson auf Umweltschäden durch DDT aufmerksam. Durch das vermeintliche Wundermittel würden die Eierschalen des Weißkopfseeadlers brüchiger und dünner, der Bestand des amerikanischen Wappentieres sei gefährdet. Das US-Landwirtschaftsministerium musste zugeben, die Giftigkeit von DDT nicht selbst getestet, sondern die Angaben des Herstellers übernommen zu haben. In einem Gutachten kam die Umweltschutzbehörde 1972 zwar zu dem Schluss, dass DDT sicher sei, aber das Ende von DDT war gekommen.

In den USA wurde DDT verboten und die meisten europäischen Länder zogen nach. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl nicht länger den Einsatz von DDT, immer weniger Länder benutzten die Chemikalie im Kampf gegen Moskitos. 2001 wurde schließlich die Stockholmer Konvention verabschiedet, in der sich die Unterzeichnerstaaten verpflichten, auf den Einsatz von zwölf Chemikalien zu verzichten. Zu diesem „dreckigen Dutzend“ gehört auch DDT. Nur die Proteste zahlreicher Ärzte und Wissenschaftler führten zu einer Ausnahmeregelung, die die Nutzung in der Malariabekämpfung erlaubt.

Mensa Tsabedze versteht die Aufregung nicht. Der 27-Jährige arbeitet seit sechs Jahren in einer der Sprühbrigaden. 30 bis 40 Hütten schafft er jeden Tag. Erst pumpt er, um den Druck im Kanister aufzubauen, dann geht er in die leer geräumte Hütte, macht die Tür hinter sich zu und beginnt seine Arbeit. Er besprüht die Innenseite der Tür, dann die Wände und das Dach. Von außen besprüht er dann noch den obersten Rand der Wand, der durch das Strohdach vorm Regen geschützt ist. „Weil sich die Moskitos sonst hier bei Regen verkriechen können“, erklärt er. Dann zieht er weiter zur nächsten Hütte.

Die Zahl der Länder, die wieder DDT einsetzen, steigt mit jedem Jahr. Viele Umweltaktivisten sind über die Renaissance entsetzt. Sie verweisen auf Alternativen. „In Mexiko gibt es gute Erfolge ohne DDT, etwa mit Hygienemaßnahmen und dem Trockenlegen von Pfützen“, sagt Carina Weber. „Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen“, erwidert Amir Attaran, der an der Erarbeitung der Stockholmer Konvention beteiligt war. So gebe es in Zentralamerika kaum tödliche Malaria, die beiden gefährlichsten Überträger der Krankheit kämen dort überhaupt nicht vor. „Dazu kommen in Afrika die Probleme mit der Infrastruktur, die schiere Zahl von Fällen und die Tatsache, dass die dortigen Überträger sich teilweise auch in fließenden Gewässern fortpflanzen können.“ Auch Bettnetze die mit dem Insektizid Permethrin imprägniert sind, hätten nur einen geringen Effekt. Dem stimmt auch Kunene zu: „Wenn die Menschen bis spät abends fernsehen, sind sie längst gestochen worden, wenn sie ins Bett gehen“, sagt er. Die afrikanischen Länder, die Erfolge im Kampf gegen Malaria zeigten, seien die Länder, die DDT benutzten.

Schon 2006 hatte Arata Kochi, die Vorsitzende der Malaria-Abteilung der WHO, der Presse mitgeteilt, dass DDT fortan wieder eine wichtige Rolle spielen würde und dass es falsch gewesen sei, eine so mächtige Waffe im Kampf gegen Malaria nicht zu nutzen. „Sprühprogramme mit DDT stellen, wenn sie sorgsam ausgeführt werden, keine Gefahr für Menschen oder die Umwelt dar.“

In der Tat sind die Belege für die Gefährlichkeit der Chemikalie recht dünn. Der Toxikologe Andy Smith schrieb im Jahr 2000 im Fachblatt „Lancet“, im Blut der Sprühbrigaden seien zwar erhöhte Konzentrationen von DDT nachweisbar. Es gebe aber keine Beweise, dass dies auch zu Gesundheitsschäden führe. Es gebe auch keine überzeugenden Hinweise, dass DDT Krebs verursache. Alles in allem sei das Risiko, das DDT bei den heute üblichen Dosen für den Menschen darstelle, äußerst gering. Dazu steht er auch zehn Jahre später noch: „Ein Raum, in dem DDT gesprüht wurde, ist sicher weniger gefährlich als einer, in dem geraucht wurde.“

Auch der Malaria-Forscher Kai Matuschewski vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin hält das Vorgehen für richtig. „Es geht ja nicht darum, Felder großflächig mit DDT einzusprühen, sondern darum, eine furchtbare Krankheit zu bekämpfen.“ Es gelte daher, die Risiken gegen das schreckliche Leid durch Malaria abzuwägen. Der jahrzehntelange Verzicht auf DDT habe wahrscheinlich Millionen Menschen das Leben gekostet.

Tatsächlich zeigen das zahlreiche Studien. Als in den vierziger Jahren in Sri Lanka mit dem Sprühen von DDT begonnen wurde, gab es jedes Jahr 2,8 Millionen Malaria-Fälle. 1963 waren es nur noch 17. Dann wurde das DDT-Programm beendet und die Zahlen stiegen sprunghaft wieder an. Schon 1969 gab es wieder 2,5 Millionen Malaria-Infektionen.

Simon Kunene will diesen Fehler in Swasiland unbedingt verhindern. „Wir können nun das Ziel verfolgen, Swasiland bis 2015 malariafrei zu machen – wenn wir weiter sprühen“, sagt er und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Die Aufregung um DDT sei nicht neu. „Ich mache das seit 22 Jahren und jedes Jahr kommt die Diskussion über DDT auf“, sagt Kunene. Das Einzige was über die Jahre abgenommen habe, sei die Zahl der Malaria-Toten.

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