Tiere : Die Geier sind zurück

Mit 29 Zootieren in Innsbruck, Wien, Berlin und anderen Städten haben die Züchter angefangen. Jetzt ist es in den Alpen ist es gelungen, die vor 100 Jahren ausgerotteten Aasfresser wieder heimisch zu machen.

Roland Knauer

Schwindelfrei sind die beiden jungen Bartgeier im Seebachtal im Kärntner Teil des Nationalparks Hohe Tauern mit Sicherheit. 100 Meter über dem Talgrund scheinen sie an einer senkrechten Felswand zu kleben. Tatsächlich klammern sie sich mit ihren Krallen an ein nur wenige Zentimeter schmales, abschüssiges Felsband und halten sich zusätzlich mit dem Schnabel an der Wand fest.

Ein Extremkletterer könnte sich in dieser Position wohl nur ein paar Sekunden halten. Die beiden Junggeier-Weibchen Eustachius und Maseta aber bleiben scheinbar mühelos stundenlang in dieser Position und schauen sich dabei eifrig um. Irgendwo müssen doch die leckeren Knochen sein, die Nationalparkmitarbeiter Michael Knollseisen aus dem Schlachthof mitgebracht hat.

Der Biologe aber hat die Überreste des Schafs dummerweise 50 Meter entfernt auf eine für kletternde Junggeier nicht erreichbare Felsplatte gelegt. Da die Mägen knurren, bleibt den vor rund vier Monaten aus dem Ei geschlüpften Bartgeiern nur eine Möglichkeit: Sie breiten die mächtigen Flügel mit einer Spannweite von rund 260 Zentimetern aus und starten zum ersten Flug ihres Lebens.

„Das war ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg in die Selbständigkeit“, erklärt Michael Knollseisen. Mehr als 150 Bartgeier haben so ähnlich wie Eustachius und Maseta ihren Erstflug erlebt, seit Naturschützer 1986 im Rauris-Tal im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern die ersten Junggeier freigelassen hatten. Damals sah es in Europa nicht gut aus für Gypaetus barbatus, wie der Bartgeier von Zoologen genannt wird: Nur noch wenige Exemplare kreisten über den Pyrenäen, über Korsika, Kreta und Teilen des griechischen Festlandes.

In den Alpen fanden die Bartgeier bereits im 19. Jahrhundert immer weniger Knochen, von denen sie sich hauptsächlich ernähren. Die Bestände von Gämsen, Rehen, Rothirschen und Steinböcken waren geschrumpft, Schafherden gab es nur noch wenige. Immer weniger Huftiere stürzten also ab oder gerieten in Steinschläge und Lawinen.

Vor allem aber litten die großen Vögel damals unter direkter Verfolgung. Hartnäckig hielt sich der Ruf des „Lämmergeiers“. Schäfer wollten beobachtet haben, wie sich die Vögel mit Lämmern in den Klauen davonmachten. Heute halten Zoologen diese Geschichten für sehr fragwürdig, ein Bartgeier könne kaum mehr als zweieinhalb Kilo tragen. Damals aber waren die Berichte glaubwürdig genug, um dem vermeintlichen Schaffeind erbarmungslos nachzustellen.

Je seltener die Vögel wurden, desto höhere Preise zahlten Trophäensammler. „In den Hohen Tauern starb der letzte Bartgeier 1912 im Rauris-Tal“, berichtetFerdinand Lainerr, Leiter des Bartgeier-Nationalpark-Programms. Den letzten Bartgeier der Alpen holte ein Jäger 1913 im Aostatal vom Himmel.

Die Lebensräume für die geflügelten Aasfresser jedoch blieben intakt, die Chancen für eine Wiederansiedlung standen gut. „Wir konnten aber keine wilden Geier in die Alpen umsiedeln, dazu waren die letzten Bartgeierpopulationen Europas zu klein“, erinnert sich Hans Frey von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und anderen Naturschutzorganisationen begann Hans Frey daher 1978 ein Nachzucht- und Auswilderungsprogramm.

Mit 29 Zootieren in Innsbruck, Wien, Berlin und anderen Städten haben die Geierzüchter angefangen. Daraus wurden mehr als 100 Bartgeier, die Junge in der Gefangenschaft aufzogen. 1986 ließen Artenschützer im Rauris-Tal im Nationalpark Hohe Tauern die ersten Junggeier frei. Später folgten Tiere im Engadin, in den Hochsavoyen und im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich. Ausgewildert werden die Junggeier erst, wenn sie rund drei Monate nach dem Schlüpfen gelernt haben, Knochen und Aas selbstständig in schnabelgerechte Stücke zu zerlegen.

„Ideal ist eine Felswand hoch über dem Talboden, über der ein Überhang wie im Seebachtal einige Meter weit vorsteht“, fasst Michael Knollseisen die Erfahrungen von zwei Jahrzehnten Geierfreilassung zusammen. Ohne Überhang klettern die Junggeier nämlich gern nach oben in Felspartien, die Menschen nicht mehr erreichen können.

Dann aber könnte niemand mehr Schlachtabfälle zu den Tieren schleppen, und die Geiermägen blieben leer. Erst wenn die Geier nach dieser Eingewöhnungsphase auf eigenen Flügeln am Tag bis zu 700 Kilometer weit über die Alpen gleiten, finden sie selber genug Aas, um sich den Magen vollzuschlagen.

Seit das erste Bartgeierpaar 1997 in den Hochsavoyen wieder erfolgreich in Freiheit gebrütet hat, beobachten die Artenschützer jedes Jahr erfolgreiche Bruten. Durchschnittlich sieben oder acht junge Bartgeier im Jahr lassen den Bestand inzwischen aus eigener Kraft überleben, 2011 sollen vorerst die letzten Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern freigelassen werden.

Von den heute wieder mehr als 150 Bartgeiern in den Alpen profitiert auch die Wirtschaft der Region: „In den Hohen Tauern sagen mir viele Touristen, die Bartgeier wären einer der entscheidenden Punkte bei der Auswahl des Reiseziels gewesen“, freut sich Hans Frey, der Vater des Bartgeier-Projektes.

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