Turners Thesen : Den Fall Schavan entpolitisieren

Die zuständige Fakultät der Universität Düsseldorf hat das Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels von Annette Schavan eingeleitet. Da die Betroffene Bundesbildungsministerin ist, hat die Angelegenheit eine politische Dimension. Das war von Anfang an so. Wäre die Arbeit bei Vroniplag Wiki ins Visier geraten, wenn es sich nicht um die Dissertation einer Bundesministerin gehandelt hätte? Und hätte gar ein einzelner Aktivist den Fall weiterverfolgt, nachdem die Internetplattform ihn wegen Geringfügigkeit verworfen hatte? In die Schusslinie der Plagiatsjäger kamen bisher ausschließlich solche Personen, die mindestens eine Nähe zu CDU, CSU oder FDP haben. Zufall? Gibt es in anderen Parteien keine Promovierten, bei denen man mal nachschauen könnte?

Die Universität Düsseldorf fühlt sich unter (politischen) Druck gesetzt, nicht zuletzt durch die Repräsentanten der Wissenschaftsorganisationen, doch gefälligst alles ordnungsgemäß zu erledigen. Wundern darf sich die Universität nicht, wenn ein Gutachter meint feststellen zu müssen, dass eine „leitende Täuschungsabsicht“ vorliegt, ohne die Betroffene anzuhören, und wenn ein vertrauliches Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt. Ob ein solcher Gutachter in einem anschließenden Verfahren befangen ist, werden gegebenenfalls Gerichte zu beurteilen haben. Dann wird auch darüber zu befinden sein, ob das Verfahren an der Universität keine „rechtlich relevanten Verfahrensfehler“ aufweist, wie ein von der Universität bestellter Rechtsgutachter meint.

Die Wissenschaftsorganisationen werden vom Präsidenten des Hochschulverbands gerügt: Es solle ein „politisch erwünschtes Ergebnis herbeigeredet“ werden. Der Hochschulverband als Vertretung der Professoren zeigt gern gewerkschaftliche Reflexe: Professoren, vor allem die eigenen Mitglieder, werden auf jeden Fall erst einmal in Schutz genommen.

Die Universität meint nun, nach Lage der Dinge gar nicht anders handeln zu können, als die nächste Runde einzuläuten. Wenn das zuständige Gremium nicht von allen guten Geistern verlassen ist, werden jetzt (endlich) sachkompetente Gutachter beigezogen. Bisher stehen dem eigenen, offizielle beauftragten Begutachter eine Reihe von Äußerungen namhafter Wissenschaftler gegenüber. Sie kommen zum Teil zu einem anderen Ergebnis, indem sie auch ein Votum über die Qualität der Arbeit als Ganzes abgeben.

Was noch fehlt, ist die Wertung der Rolle des Doktorvaters bezüglich der jetzt gerügten Defizite. Wenn weitere Experten den Standpunkt der Universität bestätigen, kann sie sich im Recht fühlen. Kommen die Befragten zu einem anderen Ergebnis, wahrt sie dennoch ihr Gesicht: Dann hat sie eben zunächst einen härteren Maßstab angelegt. Die endgültige Entscheidung trifft das zuständige Gremium.

Nur so kann die Angelegenheit „entpolitisiert“ werden.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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