Turners Thesen : Ein Bachelor in der Medizin ist sinnvoll

Der Wissenschaftsrat hat empfohlen, künftig sollten rund ein Fünftel der Krankenschwestern, Altenpfleger und Physiotherapeuten statt einer Fachschule ein Bachelorstudium absolvieren. Eine Lösung könnte ein Bachelor für Medizin sein.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Ein Teil der vom Wissenschaftsrat untersuchten Berufsgruppen müsse auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeiten, heißt es in der Empfehlung. Nötig seien 5400 Studienplätze für Pflegekräfte und 1100 für Physio- und Ergotherapeuten.

Heftiger Widerstand kommt von der Standesorganisation „AG Hochschulmedizin“, welcher die Bundesärztekammer, der Medizinische Fakultätentag, der Deutsche Hochschulverband und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften angehören. Dabei dürfte vor allem die Sorge entscheidend sein, dass letztlich beabsichtigt sei, ganze Berufe zu akademisieren.

Dieser Verdacht liegt in der Tat nahe, wenn zum Vergleich immer wieder das Ausland herangezogen wird, wo die in diesen Bereichen Tätigen eine Hochschulausbildung absolviert hätten. Dabei wird, vor allem von der OECD, stets unterschlagen, dass in den in Bezug genommenen Ländern keine duale Ausbildung wie in Deutschland existiert. Alles wird dann noch in den Zusammenhang gestellt, dass hierzulande angeblich zu wenig Akademiker ausgebildet würden. Der Fachkräftemangel wird im Allgemeinen allein auf diesen Sektor bezogen.

Der Vorschlag des Wissenschaftsrats lässt Raum für Spekulationen. Zutreffend dürfte sein, dass die Anforderungen an einen Teil der in diesen Bereichen Tätigen gestiegen sind und die Ausbildung „auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse“ erfolgen müsse. Das geschieht auch bisher; woher käme sonst die Qualifikation für die im Arbeitsprozess Befindlichen.

Will man entsprechend angelegte Studiengänge einrichten, wären die Curricula dafür zu entwickeln, orientiert an den Berufsbildern. Der Abschluss könnte ein Medizin-Bachelor sein. Allerdings darf das kein Bachelor-Arzt sein. Diese Befürchtung begleitet alle Reformansätze um medizinnahe Berufsausbildungen.

Bei näherer Betrachtung liegen die Standpunkte gar nicht so weit auseinander, wenn der Vorschlag nicht als Einfalltor verstanden werden muss, ganze Berufsgruppen zu akademisieren. Ein Studiengang, der zum Bachelor führt, dem ein Berufsbild zugrunde liegt, wie es dem Wissenschaftsrat vorschwebt bei garantierter Aufrechterhaltung der bewährten traditionellen Ausbildung für den größten Teil der Bewerber, könnte eine Lösung sein.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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