Turners Thesen : Hochschulen werden Spielbälle

Verantwortungsvoll sieht anders aus: Derzeit kann man sehen, was passiert, wenn Hochschulen Gegenstand nicht nur der Politik, sondern auch des parteipolitischen Kalküls werden, meint unser Kolumnist George Turner.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Das Kräftefeld der Hochschulpolitik ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Interessen und politisch kontroverse Standpunkte. Mit dem nahezu völligen Wegfall eines verbindlichen Rahmens durch entsprechende Bestimmungen im Hochschulrahmengesetz (HRG) und die Existenz unterschiedlicher Regelungen in den Ländergesetzen nimmt die Unübersichtlichkeit zu und das Erscheinungsbild der Hochschulen wird noch undeutlicher, als es ohnehin bereits wirkte.

Die Informationen über die Hochschulen, insbesondere deren Selbstdarstellungen, machen es sehr schwer, ein objektives Bild zu gewinnen. Daran ändern auch sogenannte Rankings nichts. Die Stärke der deutschen Universitäten in der Vergangenheit war deren Garantie für weitgehend gleichwertige Qualität in ihrem Angebot und bei der Bewertung ihrer Abschlüsse. Das hat sich in den 1970er und 80er Jahren geändert und ist wohl kaum wieder herstellbar.

Der Grund liegt in der unterschiedlichen Erwartung von dem, was insbesondere Universitäten zu leisten haben, nämlich ob sie (nur) Stätten von Lehre und Forschung oder politische Experimentierplätze sein sollen, um extreme Positionen zu nennen. Strittig kann auch sein, ob die Hochschulen als Reparaturbetrieb für einen überfüllten Lehrstellenmarkt zu dienen hatten und sie deshalb – trotz Überlast – offengehalten werden mussten. Es gibt kein einheitliches Bild von „den Universitäten“; deshalb bleibt keine andere Wahl, als mehr „Freiheit zu wagen“. Die Vielfalt ist verwirrend, aber andere Möglichkeiten sind verspielt.

Mag man dies noch hinnehmen, so ist es für die Leistungsfähigkeit der Hochschulen in hohem Maße abträglich, dass die Bundesbildungsministerin gescheitert ist, das sogenannte Kooperationsverbot durch eine Verfassungsänderung für ausgewählte Projekte in der Wissenschaft zu lockern. SPD und Grüne verlangen die Rücknahme des Kooperationsverbots für den gesamten Bildungsbereich – unter anderem auch für den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen durch Bund und Länder. Damit wird in Kauf genommen, dass der notleidende Hochschulsektor trotz zunehmender Studierendenzahlen und eines dringenden Renovierungs- und Erneuerungsbedarfs an Gebäuden und Geräten ins Abseits gerät. Eine verantwortungsvolle Politik – auch der Opposition – sieht anders aus. Das ist das Ergebnis, wenn Hochschulen Gegenstand nicht nur der Politik, sondern damit auch des parteipolitischen Kalküls und taktischen Spiels werden.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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