Turners Thesen : Nicht jeder will Bildung

Es ist ein löblicher Vorsatz der Bundeskanzlerin, das Thema Bildung zur Chefinnensache zu machen. Aber geht es eigentlich um Bildung oder um Ausbildung?

George Turner[Wissenschaftssenator a. D.]

Wenn die Bildungsrepublik ausgerufen wird, sollte man sich im Klaren darüber sein, dass es sich um Fragen der Ausbildung handelt und nicht in erster Linie um Bildung im Sinne dessen, was ein Bildungsbürgertum an Allgemeinwissen aus Literatur, Kunst und Historie für zwingend hält – wobei es nicht verkehrt wäre, wenn Schulabsolventen über mehr Kenntnisse auf manchen dieser Gebiete verfügten. Hier geht es aber um das Einüben von Fertigkeiten und den Erwerb von Kenntnissen, die für eine berufliche Tätigkeit erforderlich sind.

Bei der Lösung von Problemen wie denen, ob der Anteil der Studierenden an der Gruppe der Gleichaltrigen gesteigert werden sollte, ob ein Studium auch ohne Abitur möglich ist, wie der Anteil der Arbeiterkinder oder derjenigen mit Migrationshintergrund gehoben werden kann, wird die Existenz von 16 Bildungsrepubliken Schwierigkeiten bereiten. Bei allen Bemühungen der Kultusministerkonferenz zeigt sich deutlich, dass die erst kürzlich umgesetzte Föderalismusreform auch Kleinstaaterei zur Folge hat.

Und was macht man in der Praxis mit den Jugendlichen, die nicht fähig oder nicht willens sind, die Angebote anzunehmen? Ein Programm, wie es die SPD vorschlägt, wonach jeder einen Anspruch auf einen Hauptschulabschluss hat, ist irreführend. Das erweckt den Eindruck, ein Zeugnis sei zu erteilen, gleichgültig, wie schwach die Leistungen sind. Beglückt man jeden mit einem Abschlusszeugnis, auch wenn die Voraussetzungen nicht vorliegen, entwertet man die Ergebnisse derer, die den Anforderungen genügen. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Befähigungen der Menschen unterschiedlich sind und dass dies nur bedingt kaschiert werden kann, wenn etwa jedem ein Minimalzertifikat ausgestellt wird.

Neben der Gruppe derjenigen, deren Befähigung nicht ausreicht, gibt es die Unwilligen, Unvernünftigen, die nicht ansprechbar sind und sich allen Versuchen, sie zu integrieren, entziehen. Es ist sicher erforderlich, alle Anstrengungen zu unternehmen, auch diese Gruppe einzubeziehen. Aber man macht sich etwas vor, wenn man meint, der Erfolg werde zu 100 Prozent eintreten. Auch wenn die Wortwahl manchem unpassend erscheint: Bildungsrepublikflüchtlinge solcher Art wird man nicht bei der Stange halten können.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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