TURNERS Thesen : Privatuniversitäten rechnen sich nicht

Die Öffentlichkeit wurde von der Nachrichtenagentur dpa mit der Meldung überrascht, dass Ende der 90er Jahre die Humboldt-Universität für den symbolischen Preis von einer Deutschen Mark von einer großen Stiftung gekauft werden sollte. Wie viel Märchenhaftes dem heute aus der zeitlichen Distanz beigegeben wird, mag offen bleiben. Auf jeden Fall ist es eine offenbar unausrottbare Mär, dass Konrad Schily, der bei diesem Versuch eines Deals dabei war, Gründer der ersten Privat-Universität Witten-Herdecke gewesen sei. Der Hauptbegründer war Gerhard Kienle, der kurz vor der Eröffnung verstarb.

Schily stellte auch Berechnungen an, wie sich die Humboldt-Universität in Eigenregie zur vollen Autonomie entwickeln könnte. Ein Segen, dass die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, die sonst für manchen Unsinn in der Hochschulpolitik gut war (Verbot von Studiengebühren, Abschaffung der Habilitation, Zwangskörperschaft der Studierendenschaft) hier hart blieb. Nach den finanziellen Desastern, die Witten-Herdecke lieferte, bedurfte es keines weiteren Beweises, dass private Hochschulen in Deutschland nicht zu finanzieren sind. Das mag man bedauern, ändern kann man es nicht.

Die viel gerühmten und als Vorbild dienenden US-amerikanischen privaten Spitzen-Universitäten sind mit einem Millionenvermögen gestartet und haben dies zum Teil über Jahrhunderte gepflegt und gemehrt. Die Vorstellung, man könne in Deutschland womöglich ein entsprechend großes Vermögen durch Spenden zusammen bekommen, ist pure Illusion. Den Beweis erbringt die ESMT in Berlin, die trotz der Unterstützung durch die großen Namen der Industrie bestenfalls ein Fach auf die Beine stellt. Eine Universität von der Größe und mit der Fächervielfalt der HUB ist mit privaten Mitteln nicht zu stemmen. Also müsste der Staat das Stiftungskapital zur Verfügung stellen, sich sonst aber fein aus dem Universitätsgeschehen heraushalten.

So haben wohl auch diejenigen gedacht, die sich Humboldts Erbe einverleiben wollten. Nach dem Muster ist es im Übrigen auch in Witten-Herdecke gelaufen: Zunächst lehnte Schily jede staatliche Förderung ab. Sehr schnell rief er allerdings nach staatlichen Zuschüssen, als er merkte, dass seine Rechnung nicht aufging.

Gut, dass es in Berlin gar nicht so weit gekommen ist. Aber immerhin ist die Erinnerung an jenes nicht zustande gekommene Abenteuer geeignet, die nachrichtenarme, schreckliche Zeit des Sommerlochs zu füllen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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