Übertragbare Antibiotika-Resistenz : Aus dem Stall ins Krankenhaus

Wenn nichts mehr gegen hartnäckige Bakterien half, griffen Ärzte bisher auf Colistin zurück. Nun wird selbst diese Waffe stumpf. Das sollte ein Weckruf an alle sein, meint unsere Autorin: Schränkt den Gebrauch von Antibiotika ein! Ein Kommentar.

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Kultur mit resistenten Bakterien
Tückisch. Über ringförmige Erbgutteile tauschen harmlose und krankmachende Bakterien Resistenzgene wie in einem Kartenspiel...Foto: dpa

Die pensionierte Lehrerin wollte das indische Kerala sehen. Doch die Reise war zu Ende, bevor sie begonnen hatte. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt hatte die Frau einen Unfall, sie kam mit einem komplizierten Beinbruch ins Krankenhaus und wurde operiert.

Nach ihrer Rückkehr musste sie in Norwegen erneut in eine Klinik. Denn sie hatte sich in Indien über einen Blasenkatheter mit dem Bakterium Klebsiella pneumoniae infiziert. Es war gegen fast alle Antibiotika resistent. Nur das uralte Mittel Colistin konnte ihr helfen. Die Frau verbrachte etliche Wochen in einem Isolierzimmer.

Die norwegische Lehrerin ist kein Einzelfall. Auch in deutschen Kliniken liegen Patienten, die sich mit besonders hartnäckigen Varianten der Keime Klebsiella pneumoniae oder Acinetobacter baumanii infiziert haben. Oft bleibt den Ärzten nur Colistin, jenes Antibiotikum aus den 1950er Jahren, das die Humanmedizin längst aussortiert hatte. Es kann unter anderem schwere Nierenschäden verursachen und muss gespritzt werden.

Diese Resistenz hat "erhebliches Bedrohungspotenzial"

Aber selbst diese Waffe wird stumpf. In Südchina entdeckten Forscher nun, dass Keime von Hühnern und Schweinen einen neuen Schutzmechanismus entwickelt haben. Auf ringförmigen Erbgutstücken, die harmlose und krank machende Bakterien untereinander wie Karten in einem Spiel austauschen, fanden sie neben Resistenzgenen gegen Reserveantibiotika das Gen mcr-1. Ein As, denn es macht die Keime zusätzlich gegen Colistin unempfindlich.

Fachleute waren alarmiert. Sofort durchforsteten sie ihre Datenbanken mit dem Erbgut von Keimen, die sie in Kliniken und Ställen gesammelt hatten. Das Ergebnis: Sie fanden mcr-1 bei Hühnern in Vietnam und einem Kind in Kambodscha, bei Kälbern und Schweinen in den Niederlanden, in Belgien und Frankreich, bei Geflügel und einer Patientin in Dänemark, bei einem 83-jährigen Mann in der Schweiz. Deutschland ist keine Ausnahme. 577 Keimgenome wurden hier seit 2009 gespeichert, vier davon enthalten das Gen. Drei Mal hatten die Keime Schweine besiedelt und ein Mal die Wunde eines Patienten, schreiben die Forscher vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung im Fachblatt „Lancet“: „Unsere Daten legen nahe, dass die Ära nicht behandelbarer Infektionen angebrochen ist.“ Den Resistenzmechanismus gebe es offenbar seit einigen Jahren in Europa. Auch das Robert-Koch-Institut sieht ein „erhebliches Bedrohungspotenzial“.

Jedes Antibiotikum ist kostbar!

Dieses Mal ist klar, dass das Problem im Stall entstanden sein muss. Denn in der Tiermedizin ist das Mittel beliebt. Es ist billig, es verursacht bei Nutztieren keine Nebenwirkungen, es hilft gegen Durchfälle. Außerdem hatte es die Humanmedizin „ausrangiert“. In Deutschland wird es von Veterinären am vierthäufigsten verordnet. Dass manche Keime nicht mehr darauf reagieren, ist in den Ställen keine Neuigkeit. Aber bisher wurde nie eine übertragbare Resistenz gefunden. So mahnen die Leitlinien der Europäischen Kommission lediglich, Colistin umsichtig einzusetzen. Prophylaktisch Tiere damit zu behandeln, wird seit 2013 nicht mehr gutgeheißen.

Die Regeln könnten – und sollten – bald strenger werden. Die Europäische Arzneimittelagentur hat eilig eine Expertengruppe zusammengetrommelt, ihre Empfehlungen sollen in sechs Monaten vorliegen. In Deutschland gehört Colistin zumindest auf die Liste besonders schützenswerter Antibiotika, die ein Papier des Landwirtschaftsministeriums vorsieht. Noch fehlt es dort. Diese Antibiotika sollen künftig ausschließlich streng zulassungskonform verwendet werden – und nur, wenn ein Test nachweist, dass es keine Alternative gibt. Diskutiert wird außerdem, dass nicht nur Bauern, sondern auch Tierärzte von ihnen verordnete Antibiotika an eine Datenbank melden sollen. Das soll Falschangaben erschweren.

Das wären erste Schritte. Dass Deutschland einiges nachholen muss, steht außer Frage. In Dänemark kommen die Landwirte mit einem Fünftel der Menge aus, in Großbritannien mit einem Viertel. Mit entsprechenden Regeln, penibler Hygiene und besserer Haltung geht es also anders. Selbst in der Massentierhaltung. Statt „Schwarzer Peter“ zu spielen, sollten wir alle den Weckruf hören und unserer Verantwortung gerecht werden: Tier- und Humanmediziner, Politiker und Patienten. Und ja, auch die Bauern! Antibiotika sind keine Selbstverständlichkeit. Jedes einzelne Antibiotikum ist kostbar.

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