Uni : Ehrenämter: Hier hilft der Bachelor

Ehrenamt und Studium sind kaum noch vereinbar. Wer sich trotzdem engagiert, soll belohnt werden - mit Scheinen und einem Preis.

Jan Teuwsen
Tafel
Rat und Tat. Wer wie bei der Berliner Tafel ein Ehrenamt übernommen hat, kann das auf Projektscheine anrechnen lassen. -Foto: dpa

Die vergangene Nacht hat er durchgemacht, jetzt sitzt Alexander Erdikler mit müden Augen über einem Stapel Papier und atmet durch. Gerade noch rechtzeitig hat der Mathematikstudent und Finanzvorstand von Aiesec an der Berliner Humboldt-Universität die Jahresbilanz seines Vereins fertiggestellt. Er hätte es leichter haben können – mit mehr Unterstützung. Doch die aufwendige Arbeit muss Erdikler mit nur zwei Kommilitonen stemmen. Denn der ehrenamtlichen Studentenorganisation, die weltweit Praktika vermittelt und Gastpraktikanten vor Ort betreut, fehlen Mitarbeiter. Auch im Vorstand sind nur fünf von sieben Posten besetzt, weil das Engagement viel Zeit kostet. Zu viel für die meisten Studierenden.

„Die Studierenden sind durch straffere Zeitstrukturen immer mehr involviert“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Das Ehrenamt sei gefährdet – und damit die Kultur des Miteinanders an den Unis. Sie drohe zurückzugehen zugunsten einer stärkeren Fachlichkeit. Denn die Hochschulen führen den Bachelor als ersten Abschluss ein und machen das Studium kompakter. In sechs Semestern sollen die Studenten fertig werden, Klausuren und Prüfungen sind Regelfall. Für den Abschluss zählt jede Note. Wer die Studienmodule nicht vorschriftsmäßig absolviert, kann exmatrikuliert werden.

Studenten, die Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, können sich unentgeltlichen Einsatz kaum leisten. „Ich habe es zwei Monate lang mit einem Nebenjob probiert, dann musste ich mich entscheiden“, erzählt Alexander Erdikler. Dass er etwa zwölf Stunden in der Woche für Aiesec aufbringen könne, funktioniere nur, weil er finanziell von zu Hause unterstützt werde.

Vor diesem Hintergrund drohe das Leben auf dem Campus auszutrocknen, warnt Tamás Blénessy vom Asta der Uni Potsdam. Theatergruppen, Uni-Kneipen oder Debattierclubs sieht er bedroht. Dabei solle die Universität mehr sein als eine reine Ausbildungsstätte. „Das ist ein hausgemachtes Problem“, klagt der Asta-Vertreter. Ein Knackpunkt sei das System der Mittelzuweisung in Brandenburg. Weil die Hochschulen vom Land Geld vor allem für Studenten bekämen, die in der Regelstudienzeit fertig würden, sei keine Entspannung zu erwarten.

Peter Grottian, Professor für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, macht für diese Entwicklung einen Mentalitätswandel der Studenten verantwortlich. Die Uni habe für die Studierenden keine ganzheitliche Bedeutung mehr: „Sie ist ein Dienstleistungsort – da geht man hin, da holt man ab. Darüber hinaus hat man nichts mehr mit der Hochschule zu tun.“ Das modularisierte „Trimmdichsystem“ begünstige diese Haltung.

Trotzdem finden sich in Berlin und Brandenburg Studierende, die dem Trend entgegentreten und Projekte sogar neu gründen. So hat Wencke Wallstein, eine 24-jährige Psychologiestudentin an der Uni Potsdam, gemeinsam mit zwei Kommilitonen zum Wintersemester die Initiative „Hopes-Potsdam“ ins Leben gerufen. Zweimal im Monat organisiert sie eine Selbsthilfegruppe für Studenten, die wegen psychischer Probleme ihr Studium abzubrechen drohen. Die Sitzungen selbst dauern zwei Stunden, zusätzlich investiert Wencke Wallstein etwas Zeit in Vorbereitung und organisatorische Aufgaben. Obwohl sie dreizehn Stunden in der Woche arbeiten geht kann sie ihr Studium in der Regelstudienzeit durchziehen.

Auch Norman Klump schafft es, seinen straffen Bachelor-Stundenplan mit ehrenamtlichem Engagement zu vereinbaren. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) betreut der angehende Kulturwissenschaftler Austauschstudenten im Verein „Interstudis“. Der 22-Jährige hilft bei Behördengängen, beim Zurechtfinden auf dem Campus und auf dem Wohnungsmarkt, verleiht Geschirr an Neuankömmlinge und organisiert Ausflüge. Sein Lohn: internationale Kontakte, Freundschaften und Sprachentraining. Zwar habe sein Einsatz als Vereinsvorstand schon dazu geführt, dass es bei einer Hausarbeit knapp geworden sei. Doch die Professoren ließen mit sich reden. Von Zurückhaltung beim studentischen Ehrenamt hat Norman Klump an seiner Hochschule nie etwas gespürt – im Gegenteil: „An der Viadrina gehört es einfach dazu, etwas zu tun. Das entspricht dem Geist der Europauniversität.“

Anderswo sucht man nach Wegen, die Situation zu verbessern. Michael Horchler, hochschulpolitischer Referent an der Fachhochschule Brandenburg, setzt auf mehr Öffentlichkeitsarbeit: „Das Problem ist oft, dass viele Studenten nicht wirklich wissen, wie man sich überhaupt einsetzen kann.“ Die Brandenburger Hochschulleitung will, wo es möglich ist, ehrenamtliches Engagement mit Projektscheinen belohnen, damit es sich für das Studium auszahlt. Ähnliches plant Aiesec an der Humboldt-Universität. Die Studentenorganisation will die Unileitung dazu bringen, die Mitarbeit in ihrem Verein als „berufsfeldbezogene Zusatzqualifikation“ für das Bachelorstudium anzurechnen.

Für den Generalsekretär des Studentenwerks ist der Versuch, ehrenamtliches Engagement bei den „Softskills“ im Studium stärker zu berücksichtigen, ein richtiger Weg. Und damit deutlicher wird, wie sich Studierende überhaupt ehrenamtlich einsetzen können, hat sein Verband vor drei Jahren einen Wettbewerb ausgelobt. Bis zum 9. Januar 2008 können Hochschulen, Studentenwerke und Studierendenorganisationen wieder engagierte Studierende nominieren, die sich besonders und unentgeltlich für ihre Kommilitonen einsetzen. Belohnt wird der Einsatz mit Preisgeldern von insgesamt 12 500 Euro. Jan Teuwsen

Infos zum Wettbewerb unter:

www.studentenwerke.de

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