Unimedizin : „Charité nach Tempelhof“

Neue Vorschläge in der Standortdebatte: Der ehemalige Prodekan will alle drei Campus schließen und einen Neubau auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die FDP will Steglitz stärken.

Tilmann Warnecke

In der Debatte um die Zukunft der Charité liegen zwei neue Vorschläge auf dem Tisch. Für eine radikale Lösung plädiert der ehemalige Prodekan der Charité, Robert Nitsch: Alle drei Campus in Mitte, Steglitz und Wedding sollten aufgegeben und durch einen Neubau an einem anderen Ort ersetzt werden. Die Aufgabe des Benjamin-Franklin-Klinikums wie des Virchow-Klinikums und des Campus` Mitte mit dem Bettenhochhaus, verbunden mit einem kompletten Neubau, sei die einzige Möglichkeit, der Charité langfristig „eine gesunde finanzielle Perspektive“ zu geben, sagte Nitsch dem Tagesspiegel. „Wer einen richtigen Wurf für die Charité will, muss etwa auf einem Gelände wie auf dem Flugfeld in Tempelhof ein neues Krankenhaus und die dazugehörigen universitären Forschungsflächen errichten.“

Unlängst erst hatte die FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus einen großen Krankenhausneubau für Steglitz vorgeschlagen. Dort solle die Charité ihre klinischen Fächer und die Patientenversorgung konzentrieren. Der Campus Mitte solle sich auf die theoretischen, vorklinischen Bereiche beschränken, das Virchow-Klinikum verkauft werden. Der Senat diskutiert derzeit einen Zukunftsplan für die Charité, im Januar wird eine Entscheidung erwartet. Der Charité-Vorstand setzt sich seit langem für einen Erhalt der drei großen Standorte ein.

Der Neurowissenschaftler Nitsch, der von 2006 bis 2009 Prodekan für Forschung war und jetzt im Streit mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl Max Einhäupl an die Universität Mainz gewechselt ist, sagt, die Charité werde nie entscheidend aus ihrem Defizit herauskommen, wenn an den Standorten festgehalten werde. Zu hoch seien auf allen drei Campus die Kosten für die Infrastruktur: Sie machten mehr als ein Drittel aller Charité-Kosten aus. Auch durch aufwendige Sanierungen werde sich das nicht grundlegend bessern. Unis wie Hamburg hätten dagegen neue Klinikbauten errichtet und hätten seitdem Infrastrukturkosten von zwanzig Prozent. Wenn man zusammenrechne, wie viel die Charité in einem neuen Krankenhaus an der Infrastruktur spare, könne man sicher die Politik von dem Vorhaben überzeugen: „Ein Neubau könnte sich in zehn bis 15 Jahren ökonomisieren.“ Die Kosten für einen Neubau schätzt Nitsch auf eine Milliarde Euro.

Die bestehenden Standorte seien kaum zukunftsfähig. Nitsch nennt als Beispiel den Campus Mitte: „Der hat keinerlei Entwicklungsmöglichkeiten“ – wegen seiner räumlichen Enge. Die Bauten dort könne man „besser an regierungsnahe Einrichtungen verkaufen“. Ähnliches schlägt die FDP-Fraktion vor, die den Campus Mitte in der derzeitigen Form ebenfalls für wenig zukunftsträchtig hält. Die Fraktion unterstütze eine Aufgabe des Bettenhochhauses, heißt es in einem Arbeitspapier. Die Sanierungskosten seien „unabsehbar“. In Mitte sollte allein die Vorklinik verbleiben. Überzählige Bauten würden veräußert. „Übergröße und Standortstruktur, schlechte Steuerbarkeit und Unflexibilität“ behinderten die Charité.

Die Krankenversorgung und die klinischen Fächer sollten daher auf einem Campus konzentriert werden. Die FDP hält Steglitz für am besten geeignet. Der bestehende Bau solle saniert werden – und zusätzlich ein Neubau mit 500 Betten errichtet werden. Die FDP veranschlagt für die Sanierung 260 Millionen Euro und für den Neubau 125 Millionen Euro. Das Virchow-Klinikum solle im Gegenzug abgegeben werden: an den landeseigenen Krankenhauskonzern Vivantes oder an einen privaten Träger. Die FDP will die Charité in eine eigenständige medizinische Hochschule umwandeln, um sie besser steuern zu können.

Der ehemalige Prodekan Nitsch kritisiert, der Vorstand setze beim Sparen falsche Akzente. Der Vorstand missbrauche den Landeszuschuss für die Forschung, um Etatlöcher in der Krankenversorgung zu stopfen. Bisher seien pro Jahr 13,5 Millionen Euro aus dem Zuschuss nach Leistungskriterien an Forscher verteilt worden. Diese leistungsorientierte Mittelvergabe sei der Hauptgrund für den wissenschaftlichen Erfolg der Charité. Der Topf werde radikal gekürzt: Im vergangenen Jahr um 60 Prozent des Vorjahreswertes. Statt wie versprochen den Leistungsschwachen Mittel zu entziehen, spare der Vorstand „mit dem Rasenmäher“: So mussten alle Einrichtungen 30 Prozent der technischen Mitarbeiterstellen streichen. „Leistung ist eine Währung, die nicht mehr zählt“, kritisiert Nitsch.

Die Charité wies die Vorwürfe zurück. Es handele sich bei den Einsparungen „keineswegs“ um eine Subventionierung der Krankenversorgung, sagte eine Sprecherin. Vielmehr müssten Tarifsteigerungen und eine Reduzierung des Landeszuschusses aufgefangen werden. Die Fakultät werde 233 Stellen abbauen, „weitere Sparmaßnahmen“ werde es aber nicht im Bereich der leistungsorientierten Mittelvergabe geben. Kliniken mit guten Forschungsleistungen müssten weniger sparen als andere. Tilmann Warnecke

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