Universitäten : Elite für die Mittelschicht

Gegen die Dominanz der Reichen: Die Harvard-Universität senkt Studiengebühren um fast die Hälfte.

Leonard Novy
Harvard
An den teuren Elitehochschulen der USA fehlt die Mittelschicht. -Foto: laif

Studieren in Harvard soll nicht teurer sein als an einer staatlichen Universität. So lautete die Neujahrsbotschaft der US-Eliteuni, die zum Jahreswechsel einen grundsätzlichen Umbau ihrer Darlehens- und Stipendienpolitik ankündigte. Im Mittelpunkt der Reformpläne stehen jedoch nicht Kinder aus ärmeren Familien, deren Schwierigkeiten, Zugang an den Ivyleague-Universitäten zu erhalten, seit Jahren diskutiert werden. Profitieren sollen vor allem Familien mit einem Einkommen von 120 000 bis 180 000 Dollar (rund 80 000 bis 120 000 Euro).

Mit dieser Einkommensspanne, die aus deutscher Sicht näher an den vielzitierten Managergehältern als am Bevölkerungsdurchschnitt zu liegen scheint, sind die US-Mittelschichten gemeint. Denn auch die können die mit einem Studium an den amerikanischen Topunis einhergehenden finanziellen Belastungen nicht mehr ohne weiteres stemmen. In Harvard sollen sie daher von nun an nur noch 10 Prozent des Familieneinkommens für einen Studienplatz entrichten, womit die jährlichen Kosten von 45 600 Dollar beträchtlich subventioniert würden.

Bei der Initiative handle es sich nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um eine grundsätzliche Reform, betonte Harvard-Präsidentin Drew Faust: „Wir wollen, dass alle Studenten, die von einer Harvardausbildung träumen, wissen, dass das eine realistische und bezahlbare Option ist. Bildung ist elementar für die Zukunft des Einzelnen und des Landes, und wir sind entschlossen, unseren Teil dazu beizutragen, dass Bildung wieder ein Motor für Möglichkeiten wird statt Quelle finanzieller Belastungen zu sein.“

Praktisch bedeute dies eine Kostensenkung von bis zu 50 Prozent für die in Frage kommenden Familien, heißt es in der am Charles River gelegenen Kaderschmiede. Das Finanzhilfeaufkommen der Universität steige damit von jährlich 98 Millionen Dollar auf 120 Millionen. Bereits heute erhalten rund die Hälfe der Studienanfänger in Harvard Zuschüsse.

Vor drei Jahren hatte die Universität mit einem millionenschweren Stipendienprogramm für Aufsehen gesorgt und Bewerbern aus ärmeren Familien die Ausbildung unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten ermöglicht. Familien mit einem Haushaltseinkommen von unter 60 000 Dollar werden inzwischen von Gebühren befreit, was den Anteil von Studenten aus Familien mit niedrigeren Einkommen um ein Drittel erhöht hat. Die Dominanz von Kindern aus den reichsten Schichten der US-Gesellschaft blieb von solchen und ähnlichen Programmen indes weitgehend unberührt. Nach wie vor stellen sie drei Viertel der Studenten an den Eliteunis.

Die Harvardpläne sind Teil groß angelegter Bemühungen amerikanischer Eliteuniversitäten dem Eindruck entgegenzutreten, ein Studium sei selbst für wohlhabende Familien nur noch schwer zu finanzieren. So planen auch Elite-Unis wie Duke, Columbia, Yale und Princeton ähnliche Stipendien- und Darlehensprogramme, Yale sogar für Studenten aus Familien bis zu 200 000 Dollar Familien-Einkommen.

Dies alles geschieht vor dem Hintergrund einer intensiven Debatte über dramatisch steigende Studienkosten. Rechnet man Unterkunft und Verpflegung hinzu, fallen an staatlichen Universitäten heute bereits fast 13 000 Dollar an, bei privaten Colleges und Universitäten sind es rund 30 000 – fast ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Das hat Folgen. Obwohl die Studierendenquote steigt, ist die soziale Kluft bei der Hochschulbildung heute größer als noch vor 30 Jahren. So errechnete die Washingtoner Nichtregierungsorganisation Education Trust, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus niedrigen Einkommensverhältnissen mit 24 Jahren über einen Bachelor-Abschluss verfügt, mit neun Prozent achtmal niedriger ist als bei Kindern aus wohlhabenden Familien (75 Prozent). Die hohen Kosten beeinflussen in den USA Bildungsentscheidungen, und längst wird nicht mehr nur die Frage, wo, sondern auch was und wie studiert wird nach monetären Gesichtspunkten entschieden. Denn nicht nur die Uni, auch Forschungsprojekte, unbezahlte Praktika und Auslandssemester kosten Geld. „Diese Spaltungen gefährden unsere Demokratie und die Gesundheit unserer Volkswirtschaft“, so der Education Trust.

Angesichts stagnierender Reallöhne und einer seit Jahren über der Inflationsrate liegenden Steigerungsrate bei den Bildungskosten hat diese Disparität nun auch die Mittelschichten erreicht – eine Entwicklung, auf die Harvard und Co. jetzt reagieren. Wobei deren Motivlage mit dem Verweis auf das Gemeinwohl und die Zukunftsfähigkeit des Landes sicherlich unzureichend beschrieben wäre. Denn auch die Politik denkt darüber nach, aktiv zu werden und sich künftig genauer anzusehen, wofür die mittlerweile 76 US-Colleges und Universitäten mit einem Kapital von über einer Milliarden Dollar ihr Geld ausgeben.

So gibt es Überlegungen im Kongress, Universitäten zu verpflichten, für die finanzielle Unterstützung ihrer Studenten einen festgeschriebenen Anteil ihres Stiftungskapitals auszugeben. Das ist im Falle Harvards beträchtlich: Mit 35 Milliarden Dollar ist sie die reichste Universität weltweit.

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