Verhalten : Puppeneltern ziehen in Not geratene Kondore auf

Soziale Probleme: In Gefangenschaft aufgezogene Vögel kämpfen um den Anschluss an ihre Artgenossen. Sie zeigen ungesunde Neugier gegenüber Menschen und ein wenig ausgeprägtes Sozialverhalten ihren Artgenossen gegenüber.

Matt Kaplan

Von Handpuppen großgezogene Kalifornische Kondore zeigen im Erwachsenenalter soziale Probleme, haben Forscher herausgefunden.

In Gefangenschaft geschlüpfte Vögel, die von Vogelpuppen aufgezogen und in die Wildnis entlassen wurden, zeigen eine ungesunde Neugier gegenüber Menschen sowie ein deutlich weniger ausgeprägtes Sozialverhalten anderen Kondoren gegenüber, erklären Amy Utt und ihre Kollegen von der Loma Linde Universität, Kalifornien.

"Einer der von Puppeneltern aufgezogenen Vögel, die ich beobachtet habe, begeisterte sich für Bergsteiger. Er setzte sich auf die Felsen über ihnen, einfach nur, um mit Interesse zuzusehen, wie sie vorankamen", berichtet Utt. Andere wiederum eroberten Müllhalden oder näherten sich Menschen ausgesprochen mutig.

Nachstellungen durch Jäger wie auch der Schwund von Lebensräumen rotteten den Kalifornischen Kondor nahezu aus; 1982 lebten Schätzungen zufolge noch 24 Tiere in freier Wildbahn. Um die Art zu retten, entwickelten Forscher komplexe Techniken beim Ausbrüten wie in der Pflege der Küken.

Eine dieser Techniken war das "doppelte Gelege", wobei das erste Ei, das von einem Brutpaar gelegt wird, entnommen wird, um die Vögel zu einer weiteren Eiablage zu bewegen. Dieses zweite Ei verblieb gewöhnlich zur Aufzucht bei den Vogeleltern, während das erste üblicherweise von einer Handpuppe oder gelegentlich auch von Zieheltern aufgezogen wurde.

Man benutzt Handpuppen, die den Köpfen ausgewachsener Kondore nachempfunden sind, um die Nestlinge zu füttern, bis sie flügge sind. Den Jungtieren vermitteln diese zudem im Hinblick auf die Identifikation mit ihrer Art ein prägendes Abbild von einem erwachsenen Tier.

Auf diese Weise erreichten viele Küken, die ansonsten von unerfahrenen Eltern getötet worden wären - oder vielleicht nicht einmal hätten schlüpfen können - das Erwachsenenalter. Die Langzeitfolgen dieser Methoden waren im Großen und Ganzen jedoch unbekannt. Utt und ihr Team veröffentlichen ihre Ergebnisse in Zoo Biology (1).

Unter die Fittiche genommen

Anfänglich gingen die Puppenspieler sehr zärtlich mit ihren Zöglingen um. Diese Vögel fügten sich jedoch nicht richtig in die Gemeinschaft der Kondore ein, vielmehr zogen sie es vor, mit Abfällen zu spielen oder an den Dachziegeln nahe gelegener Häuser zu knabbern.

Videoaufnahmen von Kondoreltern belegten, dass die Puppenspieler zu zärtlich waren. Folglich zogen sie als Eltern die Zügel an, um den Jungtieren ein entsprechendes Rangverhalten abzuverlangen.

Zudem gehen die Forscher die sozialen Probleme der Kondore mit einem Förderprogramm an. Von den eigenen Eltern großgezogene Kondore kamen vor ihrer Auswilderung ebenso wie der Nachwuchs der Puppeneltern in eine Voliere, um dort von erwachsenen Tieren Sozialverhalten zu erlernen.

"Gewissermaßen eine Art von Vorschule für Kondore", erläutert Utt.

Daher wird der Käfig der von Hand gefütterten Kondore in Sichtweite dieser Voliere platziert. Bereits bevor sie zu ihnen stoßen, können die Jungtiere hier das Sozialverhalten ihrer künftigen Artgenossen beobachten und dabei schon erste Ansätze erlernen. Jedoch verbleiben trotz des Förderprogramms Verhaltensunterschiede zwischen von den von Hand und den von Elterntieren aufgezogenen Vögeln.

"In Gefangenschaft aufgezogene Tiere auszuwildern ist eine echte Herausforderung. Haben wir erst einmal wilde Elterntiere, die ein wild geborenes Jungtier großziehen, wird alles sehr viel einfacher werden, doch bis dahin müssen wir eingreifen", sagt der Mike Wallace, Biologe der Gesellschaft zur Erhaltung und Erforschung bedrohter Arten in San Diego, Kalifornien.

"Es gibt nun mal keinen Ersatz für das Echte, doch mit dem Förderprogramm bringt das Künstliche Kondore hervor, die in der Wildnis überleben können, und das ist einfach unglaublich", sagt Utt.

(1) Utt, A.C., Harvey, N.C., Hayes, W.K. & Carter, R.L. Zoo Biol. Doi: 10.1002/zoo.20151 (2007)

Dieser Artikel wurde erstmals am 7.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi:10.1038/news070806-3. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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