"Verlierer" der Exzellenzinitiative : Rette sich, wer kann

Nach der Entscheidung im Elitewettbewerb geht die Angst vor „Exzellenztrümmern“ um. Die Verlierer müssen sich ihre Millionen woanders suchen. An den Unis und in den Ländern gibt es erste Überlegungen, wer einspringen könnte.

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Emotional. Wie reagieren Zuschauer auf das Bild der Schlange? Versuch im Dahlem Institute for Neuroimaging of Emotion.
Emotional. Wie reagieren Zuschauer auf das Bild der Schlange? Versuch im Dahlem Institute for Neuroimaging of Emotion.Foto: Bernd Wannenmacher

Im Präsidium der Freien Universität Berlin (FU) drehte die Sekretärin den Queen-Song „We Are the Champions“ auf. Die Uni Bremen hisste ein Transparent mit der Aufschrift „Exzellent“. An der LMU München knallten die Sektkorken. So feiern Sieger. Doch es gibt auch Verlierer in der Exzellenzinitiative: Mit dem KIT in Karlsruhe und den Unis Freiburg und Göttingen büßten drei Hochschulen ihren Elitetitel ein. Daneben scheiterten sechs Cluster und fünf Graduiertenschulen. Was zum Scheitern geführt hat, erfahren die Betroffenen erst in den kommenden Wochen vom Wissenschaftsrat und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Derweil beginnt die Suche nach den Ursachen, den etwaigen Schuldigen – und nach Rettungsankern.

An der FU ist das Cluster „Languages of Emotion“ (LOE) betroffen, ein gemeinsames Projekt von Geisteswissenschaftlern, Psychologen und Hirnforschern. Beteiligt sind 25 Professoren, drei Juniorprofessoren und knapp 20 weitere Nachwuchswissenschaftler. Außerdem promovieren in den Projekten des Clusters und in einer eigenen Graduiertenschule 142 Jungforscher.

Symbol. Kunst am Neubau des Notfallzentrums der Universitätsmedizin Freiburg.
Symbol. Kunst am Neubau des Notfallzentrums der Universitätsmedizin Freiburg.Foto: picture alliance / dpa

Woran ist LOE gescheitert? Winfried Menninghaus, der das Cluster mit aufgebaut und bis 2010 geleitet hat, spricht von Schwierigkeiten, „die verschiedenen Disziplinen zusammenzubringen“. Zudem sei das Format eines Clusters mit einem Etat von 30 Millionen Euro für fünf Jahre etwas zu groß gewesen, die Projekte teilweise „sehr ambitioniert“. War also die Zusammenarbeit der Geistes- und Lebenswissenschaftler im Cluster nicht so fruchtbar wie erhofft? Cluster-Sprecher Hermann Kappelhoff, ein Filmwissenschaftler, widerspricht. „Nach vier Jahren“ sei es durchaus gelungen, die sehr unterschiedlichen Weisen wissenschaftlichen Arbeitens zusammenzuführen. LOE habe für die Emotionsforschung „völlig neue Fragestellungen und Perspektiven“ gebracht. „Wir werden Wege finden, die begonnene Zusammenarbeit in einem anderen Rahmen fortzusetzen", sagt Kappelhoff.

FU-Präsident Peter-André Alt, selber Germanist, glaubt, dass das Cluster an der mangelnden Risikobereitschaft der Gutachter gescheitert sein könnte. „Es war ein riskanter Brückenschlag“ – und der hätte mehr Zeit zur Entfaltung seines Potenzials verdient.

Aufsehen hat in der „Rostlaube“, der Heimat der Geisteswissenschaftler, auch eine gläserne Trennwand erregt, die nur Clustermitglieder über einen Nummerncode passieren können. Wird diese Gated community jetzt aufgelöst? Alt winkt ab: Das sei sei kein Symbol der Abschottung, sondern eine Maßnahme gegen zufällige Passanten, die sich früher im komplizierten Gangsystem verlaufen hätten.

Ernsthaft kritisiert wird an der FU die Zusammensetzung der Gutachtergruppe. Die darin vertretenen analytischen Sprachphilosophen und Systemlinguisten würden durchweg mit anderen Methoden arbeiten als die Literatur-, Film- und Theaterwissenschaftler im Cluster. Geurteilt wurde gleichwohl mit einer Strenge, an der schon viele kulturwissenschaftliche Cluster gescheitert sind – zuletzt das „Tübinger Zentrum für Linguistik“.

Jetzt erwartet man in Dahlem mit Spannung das Urteil der DFG. Denn davon hängt auch ab, wie es für LOE weitergeht. Wie alle ausgeschiedenen Cluster erhält das Projekt in diesem Jahr noch bis zu 70 Prozent der bisherigen Fördersumme und im kommenden Jahr bis zu 40 Prozent. So sollen laufende Versuchsreihen zu Ende geführt sowie Dissertationen und Habilitationen abgeschlossen werden können. Doch der ursprüngliche Plan, das Cluster nach dem Ende der Exzellenzinitiative 2017 möglichst in ein „Einstein-Zentrum für Neurowissenschaften und Humanities“ zu überführen, müsse nach dem Ausscheiden kritisch überdacht werden, sagt Alt.

Aber sollte nicht die 2009 vom damaligen Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) geschaffene Einstein-Stiftung auslaufende Cluster auffangen? Geschäftsführerin Marion Müller dämpft hohe Erwartungen: „Die Einstein-Stiftung ist nicht der Hafen für alle auslaufenden Projekte.“ Denkbar sei allerdings, dass exzellente Teilprojekte Anträge im Programm „Einstein-Forschungsvorhaben“ stellen. Dass es keinen Übernahme-Automatismus gibt, gelte auch für die Projekte, die 2017 mit dem Ende des Wettbewerbs auslaufen. Grundsätzlich solle mit den Einstein-Zentren Neues geschaffen werden, sagt Müller. So werde das kürzlich bewilligte „EC Math“ (Einstein-Zentrum für Mathematik Berlin) nicht identisch mit dem bis 2014 von der DFG finanzierten Forschungszentrum Matheon sein. Hinzu kommen die Berlin Mathematical School und das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung in der Mathematik. LOE und auch der abgelehnte Charité-Antrag „GenoRare“ zur Erforschung seltener Krankheiten müssen sich also neue Partner suchen, bevor ein Einstein-Antrag aussichtsreich wäre.

Nächste Seite: Die Einstein-Stiftung konnte auch 2011 ihr Geld nicht ausgeben, braucht aber bald einen viel höheren Etat.

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